„Wir gehen nach vorne“
Interview mit Peter-Phillip Kienast
- 22.05.2023
- Petra Steinke
- 3 Minuten
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Interview mit Peter-Phillip Kienast
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Headerfoto: Peter-Phillip Kienast, Geschäftsführer Kienast-Gruppe (Foto: Kienast)
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Die Kienast-Zentrale in Wedemark bei Hannover (Foto: Kienast)
Unser Unternehmen wurde auf die Probe gestellt, und es ist schön zu sehen, dass es in der Lage war, sich an die neuen Gegebenheiten anzupassen. Es war natürlich ein Schock, alle Läden geschlossen zu haben. Eine nie dagewesene Situation! Aber wir haben es am Ende gemeistert. Heute erscheint diese Zeit weit weg. Was hat die Pandemie in Summe für unser Unternehmen bedeutet? Es waren ein, zwei verlorene Jahre. Natürlich haben wir uns gefragt: Wie werden wir da durchkommen? Aber am Ende war die Hilfe doch größer als gedacht. Anfangs fühlten wir uns sehr benachteiligt; im Laufe der Zeit hat sich das relativiert. Trotzdem: Hätte es die Pandemie und die Lockdowns nicht gegeben, hätte unser Unternehmen vielleicht wachsen und Geld verdienen können. Und dann kamen der Ukraine-Krieg, Preisschock, Konsumzurückhaltung und neue Herausforderungen. Der Aufschwung nach Corona ist ausgeblieben oder verzögert. Unser Unternehmen konnte sich gut behaupten, weil wir vor allem Nahversorgungsstandorte bedienen, kaum in 1A-Lagen und immer weniger in Einkaufszentren vertreten sind. Die Kunden haben die Standorte, an denen wir vertreten sind, zu schätzen gelernt und wir haben neue Kunden gewonnen. Unsere Zahlen haben sich schnell erholt, während die Innenstädte weiterhin große Probleme hatten, weil die Frequenzen fehlten und auch die Touristen. Das Einkaufen nah am Wohnort hat dagegen stark zugelegt. Ich denke, dass das einen Langfristeffekt hat, weil Kunden dem treu bleiben werden.
Das kann ich nur bestätigen. Der Preiseinstiegsbereich wird verstärkt gesucht, weil sich der Schuh über 100 Euro nun nicht selten von 120 auf 160 Euro verteuert hat. Also schauen die Kunden nach günstigeren Alternativen. Wir können bei uns keine Kaufzurückhaltung feststellen. Wir stellen auch fest, dass unvermeidbare Preissteigerungen vom Konsumenten in unserem Segment akzeptiert werden. Die Zeiten der Stückzahlsteigerung sind allerdings vorbei.
Wir sind nicht schlecht gestartet und haben unsere Planzahlen erreicht. Im April und Mai hätte man bei anderem Wetter besser performen können. Im Juni aber wurde bei anhaltend guten Wetter der Schalter umgelegt und die Geschäfte laufen sehr erfreulich. Euphorisch bin ich allerdings bei weitem nicht, dafür sind die Probleme zu groß und man muss schauen, wie sich die kommenden Monate entwickeln. Aber es ist schön, dass bei gutem Wetter auch gute Umsätze generiert werden können.
Ja, das ist beachtlich. Gute Geschäftsjahre sind mit gutem Wetter möglich – aber das gilt auch umgekehrt. Die Kunden sind bedarfsorientiert. Man sollte sich jetzt allerdings nicht blenden lassen und in eitel Sonnenschein verfallen. Am Ende muss Schuhhandel auch mit schwierigen Wetterlagen zurechtkommen. Es reicht nicht, dass es läuft, wenn das Wetter gut ist. Bei Renditen im niedrigen einstelligen Bereich oder gar im Minus kann man jedoch nicht bestehen.
Es wird also eine riesige Bereinigung geben. Diese ist schon in vollem Gange. Im Grunde genommen ist die Schuhbranche extrem krank.
Ich habe sie erwartet und mich eigentlich gewundert, wie lange es dauert, bis die Restrukturierung startet. Ich bin überrascht, wie lange verschiedene Unternehmen in der Lage waren, im Markt zu bleiben. Die Bereinigung ist notwendig, damit am Ende die Unternehmen, die übrig bleiben, gut zurechtkommen. Da wollen wir dazu gehören.
Der Schuhhandel und das Produkt Schuh haben eine viel zu geringe Wertschätzung beim Konsumenten. Das hat verschiedene Gründe. Einmal ist das Preisniveau für Schuhe extrem niedrig im Vergleich zu Textilien. Dabei ist ein Schuh extrem aufwändig, besteht aus vielen Komponenten, benötigt viel Arbeitskraft und oft lange Transportwege. Er ist teuer in der Herstellung. Von 39 bis 79 Euro gibt es im Schuhbereich tolle Produkte. Dafür bekommen Sie im Textilhandel höchstens ein paar Hemdchen. Es gibt Marktteilnehmer, die ihre Produkte zum besten Preis anbieten wollen. Wir wollen das auch. Aber es gibt auch Händler, die extrem mit Reduzierungen arbeiten. Ich empfinde das Hauspreisprinzip, bei dem man Markenprodukte mit reduzierten Preisen versieht, als branchenschädigend. Dieses Vorgehen forciert die geringe Wertschätzung. Und im Internet wird der Preiswettbewerb fortgesetzt. Es ist eine Besonderheit des Schuhhandels, dass hier so stark mit Preisnachlässen gearbeitet wird. Es gibt im Übrigen Unternehmen, die die Hauspreise abgeschafft haben.
Schuh Mücke beispielsweise und auch Shoe4You. Dieses Konzept hat sich früher über den Preis profiliert. Darauf wurde aber schon verzichtet, bevor wir es übernahmen. Ich bin ein Verfechter von Angeboten. Sie sind wichtig, um den Kunden anzulocken, temporär und im Schlussverkauf. Natürlich sind wir ein preisaggressiver Anbieter. Aber das Produkt pauschal und jederzeit günstiger zu verkaufen, um sich zu profilieren, das ist eine Unart, die um sich greift. Nun wird gefordert, dass die Margen erhöht werden. Das unterschreibe ich grundsätzlich, damit der Handel in bessere Lagen gehen und sein Personal besser bezahlen kann. Aber man muss auch vor der eigenen Haustüre kehren und den Preisverhau stoppen, weil man sich damit auf Kosten der Marken und der Mitbewerber profiliert.
Seit 2019 gehören 70 Filialen des westfälischen Filialunternehmens Schuhpark zum Kienast-Portfolio. (Foto: Kienast)
Im Moment ist der Umsatz auf viele verteilt. Wenn er sich durch Bereinigung auf weniger Unternehmen verteilt, besteht die Möglichkeit, dass diese wenigen wieder mehr Umsatz generieren.
Ein Teil des Kuchens wandert in den Onlinehandel ab und ein großer Teil in den Textilhandel. Der Schuhhandel, wie es ihn vor fünf oder zehn Jahren gab, ist Vergangenheit. Viel klassischer Schuhhandel ist bereits und wird weiter aus den Innenstädten und den 1A-Lagen verschwinden. Es wird einfach weniger Geschäfte geben. Das hat maßgeblich damit zu tun, dass die Leistungsfähigkeit des Schuhhandels zu gering ist. Lieferanten fragen sich, was das für sie bedeutet und wo sie bei diesem Szenario bleiben. Ich glaube allerdings nicht, dass sie es mit ihren Monomarkenstores geschafft haben, in 1A-Lagen erfolgreich zu operieren. Das Produkt Schuh ist in teureren Lagen nicht wirtschaftlich. Ja, es gibt Leuchttürme, regionale mittelgroße Filialisten. Und lokale Platzhirsche, manchmal begünstigt durch eigene Immobilien. Aber aus den Großstädten wird der Schuhhandel weitestgehend verschwinden und ich bezweifle, dass viele neue Läden aufmachen werden. Das wiederum öffnet eine Tür für große Textilhäuser, denn es stellt sich doch die Frage, ob man im Erdgeschoss mit einem eigenen Schuhgeschäft erfolgreich sein kann oder besser im Untergeschoss oder in der ersten Etage eines Modehauses. Die Performance von Schuhen ist zu niedrig, um im Erdgeschoss oder mit einem eigenen Store Handel betreiben zu können. Das schaffen nur wenige. Deichmann schafft es, weil er eine außerordentliche Performance hinlegt. Aber außer High Performern schafft es der Schuhhandel kaum, in diesen Lagen zu operieren.
Wir kommen zurecht in bestimmten Lagen, in B-Lagen oder im Fachmarktbereich. Aber ein hochwertiges Schuhgeschäft in einer Innenstadt? Das wäre für mich kein Thema. Ich ziehe den Hut davor, wie Görtz früher seine Läden gestaltet hat. Das können wir nicht. Wir können auch keine Megastores. Jeder hat sein Gebiet, auf dem er erfolgreich ist.
Ja, das ist Geschichte. Das ist sehr schade, denn gepflegte Flagshipstore wären Aushängeschilder und würden die Wertschätzung für den Schuh fördern. Natürlich nicht, wenn in Insolvenzphasen pausenlos Räumungsverkäufe durchgeführt werden. Reno hatte auch Flagshipstores in verschiedenen Städten aufgebaut – und ist damit gescheitert.
Viel Raum für Schuhe: Kienast-Filialen erfüllen in vielen Fällen Nahversorgungsfunktion mit Sortimenten für Damen, Herren und Kinder. (Foto: Kienast)
Man muss einschneidende Veränderungen früh einleiten oder über einen neuen Investor Synergien bilden. Wenn man das zu spät angeht, trägt man es auf dem Rücken der Vermieter, der Lieferanten und der Mitarbeiter aus. Wer aber unternehmerisch denkt, führt eine Sanierung früh genug durch, um den Mitarbeitenden und auch den Lieferanten eine Perspektive zu geben. Die Firma Schuhpark hätte ohne einen starken Partner, mit einer anderen Lösung und ohne Synergien sicher auch große Probleme gehabt. Insolvenzverfahren in Eigenverwaltung sind ein gutes Vehikel, um sich zu sanieren und neu aufzustellen. Das muss aber zu einem Zeitpunkt geschehen, an dem noch Substanz vorhanden und die Mannschaft an Bord ist. Dann kann man Unternehmen sehr effizient restrukturieren. Allerdings braucht man potente Investoren.
Als Außenstehender würde ich es mir auch überlegen, in diese Branche zu investieren. Aber wenn man Know-How in der Branche hat, eröffnen sich Chancen. Wir gehen nicht ohne Grund nach vorne. Ein Handelsunternehmen mit vielen Filialen verhält sich wie ein Tanker. Wenn der einmal Fahrt aufgenommen hat und sich in schwierigen Gewässern oder auf falschem Kurs befindet – Stichwort längere Mietverträge und steigende Kosten –, ist es extrem mühsam, das zu korrigieren. Die Insolvenz gibt einem die Möglichkeit, alles anzufassen. Aber die Annahme, mit ein paar Stellschrauben klappt das schon, ist falsch. Man muss einen Schalter umlegen und sich auch von Standorten trennen, und das möglichst früh. Denn wenn der Konsument einmal den Glauben an ein Konzept verloren hat, ist es unglaublich schwer, dieses zurückzugewinnen. Auch wir sind bei unseren Standortentscheidungen konsequenter geworden und haben uns aus vielen Einkaufscentern zurückgezogen. Für einen Filialisten ist es nicht so schmerzhaft wie für kleinere Unternehmen, wenn eine Filiale schließt.
Es ist viel im Umbruch. Man muss aber schauen, was zu einem passt, und man darf sich nicht überfordern. Bei Reno haben wir uns bewusst für ein kleines Paket entschieden, weil wir glauben, damit erfolgreich arbeiten zu können.
Neun Standorte haben wir direkt vom Insolvenzverwalter mit dem Personal übernommen. Viele gute Standorte waren bereits vor der Insolvenz von den Vermietern gekündigt. Wir haben schnell gehandelt und konnten weitere Standorte anmieten, so dass wir in Summe auf rund 30 Ex-Reno Standorte kommen. Es gab vorher kaum Bestellungen und Warenbestände. Daher sind alle Standorte für uns Neueröffnungen, die mit unserer Infrastruktur ausgestattet werden. Wir haben keine großen Integrationsthemen, ist aber eine große Herausforderung, in der Kürze der Zeit so viele Standorte ans Netz zu bringen. Einige sind schon eröffnet, und einige werden noch folgen. Aktuell sind wir in der heißen Phase, und es gibt gerade 13 Neueröffnungen in einem Zeitfenster von 14 Tagen. Das ist eine Herkules-Aufgabe! Ich bin stolz auf unser Team, dass wir das schaffen!
2016 übernahm Kienast 50 Shoe4You-Standorte von der österreichischen Leder & Schuh AG. (Foto: Kienast)
Besonders in den großen Fashion Malls haben wir Filialen geschlossen; vor allem Street Shoes-Standorte. Es gibt aber auch sehr erfolgreiche Filialen in Centern, vor allem, wenn der Wettbewerb nicht zu groß ist. Ganz aktuell eröffnen wir auch vier Shoe4You-Filialen in Centerlagen. Hier handelt es sich um Ex-Reno-Standorte. Grundsätzlich stehen wir mit anderen Branchen im Wettbewerb um die Flächen. Es gibt keinen Bonus
für Schuhhändler in 1A-Lagen und Centern. Mit der Performance, die Schuhe bringen, können wir gegen Rituals und ähnliche Player aus anderen Branchen nicht mithalten. Daher werden wir unsere Ausrichtung beibehalten. Vielleicht werden sich die Zeiten ändern. Aber wenn die anderen Branchen eine bessere Performance haben, werden sie immer im Vorteil sein.
Es ist ein Dachmarkenkonzept. Wir haben uns entschieden, einen neuen Namen zu kreieren und unsere Kunden, egal in welchem unserer Konzepte sie kaufen, auf diesen Shop zu leiten. Wir können nicht für jedes unserer Konzepte einen eigenen Shop aufbauen. Mit unserem Onlineshop wollen wir vorsichtig agieren und seine Rentabilität und die Marktentwicklung genau beobachten. In erster Linie geht es um Service und die Möglichkeit für unsere Kunden, auch online zu kaufen. Dabei gehen wir mit Bedacht vor und nicht mit euphorischen Wachstumsplänen. Man kann im Onlinehandel hohe Umsätze machen. Aber eben auch zu hohen Kosten. Für uns ist es wichtig, vorsichtig vorzugehen, denn wir bedienen in unseren Geschäften viele Preislagen, die von der Kostenseite eher im Onlinehandel kritisch sind.
Aus Sicht der Marken ist es logisch. Aber es findet auf Kosten des Handels statt und schwächt diesen. Ich finde es enttäuschend, wenn sich Marken, die der Schuhhandel groß gemacht hat, aus diesem zurückziehen. Das ist ein Schlag ins Gesicht und man sieht, wie abhängig der einzelne Händler ist. Wenn dann die Optionen wegfallen, weil beispielsweise Mitbewerber Fachhandelsmarken übernehmen und es insgesamt weniger Marken gibt, kann das existenzbedrohend werden.
Das ist ein ganz leidiges Thema. Unser Vertrieb und unsere Regionalleiter sind ständig auf der Suche nach Personal. Hinzu kommen die Neueröffnungen, die uns und unsere Teams sehr fordern. Es ist ganz toll, dass alle an einem Strang ziehen und anpacken. Auch beim Thema Personal spielt im Übrigen wieder die Wertschätzung eine Rolle; die Branche hat eine geringe Akzeptanz und steht im Wettbewerb mit anderen Branchen. Wenn wir besser performen würden, könnten wir bessere Gehälter zahlen.
Erfolgreiche Unternehmen werden noch dominanter. Lieferanten werden abhängiger von dominanten Marktteilnehmern. Für die Hersteller wird es noch wichtiger sein, international aufgestellt zu sein, um den Abhängigkeiten zu entkommen. Es wird weniger Marktteilnehmer geben. Es wird einen höheren Schuhanteil im Textilbereich geben. Und es werden uns viele Themen beschäftigen, die wir auch heute zu bewältigen haben.
Auch im Kienast-Portfolio wird es eine Konsolidierung geben. Alle Filialen sind auch Profitcenter. Wir werden uns mit strukturellen Veränderungen befassen. Standorte werden schwächer, Mitbewerber kommen auf den Plan. Wir werden aber hoffentlich auch weiterhin gut positioniert sein, mit mindestens genauso vielen Filialen wie jetzt. Wir würden aber auch mit weniger Filialen zurechtkommen.
Zur Kienast-Unternehmensgruppe gehören aktuell 450 Filialen unterschiedlicher Konzepte. Das Unternehmen hat seine Wurzeln im Jahr 1953, als das erste Kienast-Schuhgeschäft in Hannover eröffnet und kurz darauf um ein Selbstbedienungskonzept ergänzt wurde. In der Folge wurden weitere Filialen eröffnet.
Heute gehören verschiedene Marken und Konzepte zum Kienast-Portfolio, darunter ABC Schuh-Center, K+K Schuh-Center und Street Shoes. Im Jahr 2016 übernahm Kienast mehr als 50 Shoe4You-Standorte von der österreichischen Leder & Schuh AG. 2019 wurde das westfälische Filialunternehmen Schuhpark mit 70 Filialen aus einer Insolvenz heraus integriert. Im Mai 2023 gab Kienast bekannt, 30 Standorte des insolventen Schuhfilialisten Reno zu übernehmen. Jedes zur Gruppe gehörende Konzept hat laut dem Unternehmen eine andere Zielgruppenausrichtung und Ladengestaltung; auch die Sortimente unterscheiden sich. Neben dem Retail-Segment stattet Kienast als System-Großhändler aktuell über 100 Verkaufsflächen in Selbstbedienungs-Warenhäusern und bei Cash & Carry-Kunden mit standortspezifischen Sortimenten aus. Nach eigenen Angaben verkauft Kienast pro Jahr 8 Mio. Paar Schuhe. Im vergangenen Jahr betrug der Umsatz 260 Mio. Euro.