„Den Mutigen gehört die Zukunft“
Interview mit Stephan Krug und Boris Hedde
- 07.10.2023
- Petra Steinke
- 6 Minuten
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Interview mit Stephan Krug und Boris Hedde
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Headerfoto: IFH Köln | Boris Hedde
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Boris Hedde: Es stimmt: Die Corona-Krise war eine unfaire Krise. Da gab es Gewinner und Verlierer. Der Ukraine-Krieg ist die Krise aller. Es gibt keine Gewinner, nur Verlierer. Aber wer vorher schon Verlierer war, ist jetzt doppelt getroffen. Das gilt für den Fashionund Schuhbereich in besonderem Maße.
Stephan Krug: Es überlagern sich derzeit mehrere Faktoren. Wir erleben Konsumverzicht, der die Umsatzseite stark trifft – trotz Preiserhöhungen. Und wir haben auf der anderen Seite den enormen Kostendruck mit Komponenten wie Mieten, Energie- und Personalkosten. Hinzu kommt die Problematik des Generationsübergangs, der vielen widerfährt. Wenn wir uns die Distributionsstruktur anschauen, sehen wir einen enormen Abschmelzungsprozess in den größeren Städten – mit einer Geschwindigkeit, die wir uns vor Jahren nicht vorstellen konnten. Dort gibt es teilweise schon gar keinen klassischen Schuhfachhandel mehr. Das ist eine besorgniserregende Entwicklung. In den mittleren und kleinen Städten läuft das wesentlich gemäßigter ab. In der Peripherie profitieren Fachmärkte, die es mit ganz anderen Kostenstrukturen zu tun haben und oft – als Konsequenz aus dem Innenstadtsterben heraus – auch ein gewisses Trading-up im Sortiment vollziehen können.
Boris Hedde: Seit 2014 befragt die Studie ’Vitale Innenstädte‘ Passantinnen und Passanten zur Zufriedenheit mit der Innenstadt, zu ihren Erwartungen und zum Kaufverhalten. Wir sehen dort natürlich eine Affinität zum Onlinekanal bei der Innenstadtzielgruppe, vor allem bei den Jüngeren. Sie sind diejenigen, die Fashion und Schuhe auch mal häufiger einkaufen. Die älteren Zielgruppen sind tendenziell loyaler. Aber jetzt ist bei allen eine Kaufzurückhaltung spürbar. Und die Gemengelage aus Kanalverlust, Kaufzurückhaltung, Lieferengpässen etc. bedeutet eine Potenzierung von Herausforderungen, die sich jetzt bemerkbar macht. Wir sehen die Entwicklung eindrucksvoll beim Warenhaus, dessen Relevanz von 10 bis 15% auf heute 1,5% Marktanteil gesunken ist. Daher müssen wir uns fragen: Wie sollten die Geschäftsmodelle künftig aussehen? Sollen Schuhe und Kleidung ausgestellt werden? Ich glaube, das ist nicht mehr zeitgemäß. Wir müssen wegkommen von der reinen Produktbetrachtung hin zu mehr Kundenverständnis. Wir brauchen ein neues Unternehmertum, ein anderes Verständnis, das sich abkoppelt von dem reinen Wissen über ein Produkt. Da ist noch ein Entwicklungspotenzial.
„Die Nachfrage ist da. Die Frage ist aber: Wie holen wir den Kunden ab und führen ihn zur Transaktion?"
Stephan Krug|SABU
Das geplante Carsch-Haus soll den Standort Düsseldorf attraktiver machen. (Foto: Signa Real Estate)
Stephan Krug: Bei der Frage, welche Warengruppen die Innenstadt bieten muss, liegen Nahrungs- und Genussmittel, Körperpflege und Gesundheit, Bekleidung und Wäsche ganz vorne. An vierter Stelle folgen Schuhe und Lederwaren. Da ist also ein Markt, den eine attraktive Innenstadt braucht, weil der Konsument das fordert. Das müssen wir inszenieren. Es muss nicht immer der Cappuccino oder der Latte Macchiato sein. Da sind die Kundenansprüche ganz unterschiedlich. Wir müssen uns aber überlegen, wie wir die Nachfrage bedienen können. Die Art und Weise, wie das Produkt dargeboten wird oder wie das Personal agiert, welche weiteren Touchpoints es gibt, wie das Thema Convenience umgesetzt wird… Die Nachfrage ist da. Die Frage ist aber: Wie holen wir den Kunden ab und führen ihn zur Transaktion? Was wir uns abschminken können, ist, dass die Frequenzen wieder auf das Vor-Corona-Niveau steigen. Sämtliche Studien gehen davon aus, dass es zu einer weiteren Abnahme kommen wird. Manche Langfristprognosen reden von -20%. Da gewinnen dann Themen wie Stammkundengewinnung und -bindung eine weitaus größere Bedeutung als in der Vergangenheit.
Boris Hedde: Laut unseren Erhebungen sind das Einkaufen bzw. der Einkaufsbummel immer noch Motiv Nummer 1, um in die Innenstadt zu gehen. Natürlich gewinnen andere Funktionen wie Arbeiten, Dienstleistungen oder Gastronomie und Kultur permanent hinzu. Das ist auch richtig so, denn wir brauchen eine multifunktionale Innenstadt. Und die Konsumentinnen und Konsumenten koppeln Funktionen und Anlässe, in die Innenstadt zu fahren, mehr als früher. Es geht immer mehr auch um das soziale Erleben. Gleichzeitig ist der Einzelhandel für die Rolle der Innenstadt immer noch tragend. Ich weiß von großen Städten, wo in den örtlich formulierten Zielen die Wirtschaft vernachlässigt wird. Sie ist aber Treiber der Entwicklung. Handel, Gastronomie und die erweiterte Freizeitwirtschaft müssen Zugpferde sein, um eine attraktive Innenstadt zu finanzieren. Aufenthaltsqualität ist wichtiger geworden als die Verfügbarkeit von zahlreichen Produkten. Letzteres erledigt das Internet. Die entscheidende Frage der nächsten Jahre wird also sein: Wie bekommen wir Kräfte gebündelt, um im Sinne der Gemeinschaft Standorte nach vorne zu bringen? Da wird auch die Immobilienwirtschaft gefordert sein, andere, flexiblere Modelle einzuführen – Stichwort Quartiersmiete, die eine attraktive Besetzung von Flächen ermöglichen könnte. Das eine ist, was hinter der Ladentür passiert. Der Handel muss dafür sorgen, dass wieder Frequenz zu ihm kommt. Das andere ist, was davor passiert. Und das müssen wir gemeinschaftlich angehen.
Stephan Krug: Das ist ein gutes Beispiel. Münster hat eine tolle Innenstadt mit schöner Bausubstanz und ist eine quirlige Studentenstadt mit einem großen Einzugsgebiet und hoher Kaufkraft. Das haben nicht alle Städte zu bieten. Heilbronn ist von der Größe her zwar vergleichbar, wurde aber 1944 zu großen Teilen zerstört und dann mit zum Teil recht nüchterner Nachkriegsarchitektur wieder aufgebaut. Das sind ganz unterschiedliche Voraussetzungen. Nichtsdestotrotz muss man sich als Kommune überlegen, wie man seiner Stadt eine eigene Identität verleihen kann. Was macht sie attraktiv? Das Profil muss immer individuell sein. Heilbronn hat eine Neckar-Promenade, eine Uni und hat die Bundesgartenschau ausgerichtet, was ein Quantensprung für die Stadtentwicklung war. Die Stadt hat offensichtlich einen Plan und für sich ein Profil entwickelt als Stadt der Wissenschaft, der Zukunftstechnologien und als Studentenstadt am Neckar. Und sie hat ein Konzept für ein attraktives Gesamtpaket. Dafür braucht man die richtigen regulatorischen Voraussetzungen. Will man beispielsweise Handwerk zurück in die Innenstadt holen, muss man sich über die Emissionsgesetzgebung Gedanken machen, über Bauverordnungen und Flächennutzungen. Die Gegebenheiten müssen dann mit Leben gefüllt werden.
„Finde als Stadt das Themenfeld, in dem du dich verbessern möchtest. Dann gibt es auch Chancen."
Boris Hedde|IFH Köln
Boris Hedde: Wer keinen Plan hat, kommt nicht zum Ziel. Und oft gibt es mehrere Pläne gleichzeitig, die dann sogar in unterschiedliche Richtungen laufen. Wenn Wirtschaftsförderung, Stadtplanung und Umweltamt je ein Zukunftsleitbild entwickelt haben und die einen auf Grün, die anderen auf Ansiedlung, die nächsten auf mehr Mobilität setzen, dann wird es schwierig. Ein entscheidender Punkt ist der Aufbau von Strukturen. Wir haben schon 2015 in einer Runde im Bundeswirtschaftsministerium darüber diskutiert, was getan werden müsste. Damals kam heraus: Wir brauchen den örtlichen Kümmerer. Das haben wir gleich erprobt. Es wurde ein „Handelskümmerer“ für die Stadt Köln gefunden. Dieser hatte die Aufgabe, zentral aufzunehmen, was die Händler beschäftigt. Und er hat deren Ansprache in Richtung Stadt gebündelt. Daraus entwickelten sich Projekte und Initiativen. Wir haben erkannt: Diese Funktion ist gut. Die wird gebraucht. Es geht um Strukturen, mit denen Prozesse und Kommunikation funktionieren. Nicht jeder hat das Glück, eine Ausgangsposition wie Münster oder Heilbronn zu haben. Daran muss dann hart gearbeitet werden. Nehmen wir ein anderes Beispiel: Langenfeld. Zwischen zwei Metropolen, Köln und Düsseldorf, gelegen, hat man als Einkaufsstadt eigentlich keine Berechtigung. Dort wurden aber Lösungen gefunden und die Zugangsbarriere zur Stadt minimiert. Die Langenfelder haben einen „Stadtschlüssel“, das ist ein RFID-Chip, der ins Auto kommt. Sie fahren damit in die innerstädtische Parkgarage hinein – und auch wieder heraus, ohne am Kassenautomat halten zu müssen. Die Finanzierung erfolgt über die erwirtschafteten Umsätze im Langenfelder Handel. Der Pain Point Parken wurde so vereinfacht und nicht nur das: Über den Chip werden Punkte gesammelt. Und die Händler können den Menschen, die den Chip dabei haben, sogar eine Botschaft mitgeben: Du bist gerade in der Stadt, komm vorbei, bei mir gibt es einen Kaffee. Das ist ein stimmiges Zusammenspiel. Die Botschaft ist also: Finde als Stadt das Themenfeld, in dem du dich verbessern möchtest. Arbeite daran, kommuniziere es adäquat und liefere den Menschen vor Ort einen Mehrwert. Dann gibt es auch Chancen.
Boris Hedde: Leerstand beschleunigt die Spirale nach unten, keine Frage. Und wir werden wohl nicht jeden Ort retten können. Es wird Orte geben, die als Handelsstandorte nicht mehr zu transformieren sind. Aber es gibt andere, die Chancen haben. Vielleicht ist auch die Verdichtung von Handelsraum ein Thema. Oftmals sind Einkaufsstraßen sehr lang und breit. Da muss geschaut werden, welche Ansiedlung zur Attraktivitätssteigerung beitragen. Am besten ist es, aktiv zu werden, bevor Leerstand entsteht. Gute Erfolge haben Kommunen mit einem Tool wie Lean gemacht, das auf Basis von Flächen Angebot und Nachfrage zusammenbringt und gezielt Themen ansiedelt, die auf bestimmte Zielgruppen gerichtet sind. Dass das funktioniert, zeigt eine Stadt wie Hanau. Die haben seit November letzten Jahres 15 Ansiedlungen vollzogen.
Stephan Krug: Auch Umnutzung kann ein Thema sein: große Immobilien gemischt zu nutzen und auch zum Beispiel zu Wohnraum umzugestalten, wenn eine Neuansiedlung nicht möglich ist. Das ist eine interessante Alternative, weil es auch wieder Frequenz bringt. Und nachhaltig ist es auch, weil keine neuen Flächen versiegelt werden. Aber am Anfang braucht man einen Plan, dann jemanden, der koordiniert und den Willen zur Umsetzung hat. Es gibt so viele Stakeholder: Der Bund, das Land, dann die Ebene der Kommune. Die Unternehmerinnen und Unternehmer, die Stadtförderung, Gewerbevereine. Es ist eine große Anzahl unterschiedlicher Beteiligter mit ganz unterschiedlichen Interessen, die man erstmal auf Linie bringen muss. Ich habe das Gefühl, dass oft noch nicht alle an einem Strang ziehen. Es fehlt an Vernetzung und dem Willen zur Veränderung.
Boris Hedde: Wirtschaftsförderungen, die lange erfolgreich Industrie in Stadtrandlagen angesiedelt haben, müssen sich jetzt um die Innenstädte kümmern. Dazu gehört auch die Frage, wie gut es gelingt, die Immobilienwirtschaft mit an den Tisch zu holen. Die sind zum Teil gar nicht auffindbar, weil sie sich in Fonds befinden oder Privatiers sind und sonst wo leben. À la longue sind sie aber sicherlich gewillt, sich zu engagieren, denn es geht letztlich um den Werterhalt ihrer Immobilie. Allerdings muss man in diesem Zusammenhang eine etwas undankbare Ausgangslage erwähnen: Bei der Bewertung von Fonds orientiert man sich an der letztgezahlten Miete. Da kann Leerstand dann attraktiver sein als einen neuen Mieter zu nehmen, der weniger zahlt. Es gilt also, an den Rahmenbedingungen zu feilen. Es gibt Modelle, bei denen Initiativen bedient werden können, wenn sich aus einer Straße mehr als 50% der Immobilienbesitzer für eine Sache entscheiden. Dann müssen auch die anderen mitziehen, etwa bei der Gestaltung von Fassaden oder ähnlichem. Man motiviert also diejenigen, die wollen, und zwingt ein wenig die anderen. Denn das alles muss finanziert werden. Wir können nicht davon ausgehen, dass das die Kommunen übernehmen. Es braucht die private Wirtschaft – und dafür braucht es Anreize.
Die Innenstädte und Einkaufsstraße verändern sich, so auch in Frankfurt auf der Zeil. (Foto: Redaktion)
Boris Hedde: Vielleicht funktioniert ein gemeinsames Funding. Es gibt auch Initiativen von Bürgern, die sich Teile ihrer Stadt zurückkaufen. Oder Kommunen, die Immobilien erwerben. Es geht um den Versuch, Werte zu transportieren, die mit dem Thema Innenstadtentwicklung einhergehen. Da ist momentan noch wenig intrinsische Motivation zu verspüren. Es wird ja auch nicht honoriert.
Stephan Krug: Das eine ist das Überzeugen. Und das andere sind die Einsicht der Notwendigkeit und der wirtschaftliche Anreiz, aus der Immobilie Erträge zu erwirtschaften. Das könnte man durch Sonderabschreibungen incentivieren, so dass sich ein finanzieller Anreiz ergibt. Ich finde, dass man in der gegenwärtigen Situation – Stichwort Wohnraum – mit gezieltem Druck „nachhelfen“ sollte, wenn sich jemand nicht engagiert. Sanktionen sollten allerdings die letzte Option sein.
Boris Hedde: Ich glaube aber auch fest daran, dass jetzt die Zeit für neue Geschäftsmodelle gekommen ist. Die Immobilienperspektive verläuft ja langfristig. Ich kenne Überlegungen, Turnhallen in alte Warenhäuser zu bauen. Ich habe große Hoffnung, dass es neue Impulse sein können, die dazu führen, dass wir ein neues Verständnis von Raum entwickeln. Es geht um Flächenproduktivität, die mal anders gedacht wird. Ich bin überzeugt, dass wir schon in den kommenden Monaten und Jahren einige Innovationen sehen werden.
Stephan Krug: Nehmen wir das Beispiel Warenhaus. Wie sieht ein zukunftsfähiges Konzept dafür aus? Wie viel Nachfrage ist noch da? In kleineren Ortschaften kann dieses Geschäftsmodell immer noch gut funktionieren. In Städten klappt das oft nicht und trägt dann dazu bei, dass die Attraktivität der ganzen Stadt sinkt. Dann muss man die Immobilie umwidmen und versuchen, andere attraktive Konzepte dort unterzubringen.
Boris Hedde: Es geht um verstehen, planen und machen. Verstanden haben wir viel, geplant wurde schon einiges. Jetzt ist die Zeit der Tat. Ich bin gespannt, wer mutig ist und welche Konzepte entstehen werden. Das ist im kommunalen Bereich oft schwieriger, aber den Mutigen gehört die Zukunft. Mir ist um die Innenstadt nicht bange. Sie wird anders aussehen und wir werden sie mit anderen Werten besetzen.
Stephan Krug: Ich wünsche mir mehr Tun und mehr Pragmatismus. Und es müssen unbedingt die Rahmenbedingungen angepasst werden. Es gibt noch zu viele Hindernisse. Viele wollen ja etwas verändern, aber der Bürokratiedschungel schreckt sie ab. Es muss schneller gehen und einfacher. Wir haben da draußen tolle Unternehmer, die etwas tun wollen. Und die muss man machen lassen.