Auch wenn die Einzelhandelsumsätze wie in den vergangenen Jahren steigen werden – auf voraussichtlich mehr als 480 Mrd. Euro – agiere der Einzelhandel nach Expertise des Beratungsunternehmens Jones Lang LaSalle (JLL) in diesem Jahr deutlich verhaltener als noch zuletzt bei der Anmietung von Flächen. Vor allem der Textilhandel sei verunsichert und büße immer mehr von seiner einst dominanten Stellung unter den Einzelhandelsbranchen ein. Zwar seien sie mit 31% immer noch Branchenprimus, doch noch 2010 bestritten sie mit 47% fast die Hälfte der Flächenumsätze. „Viele Einzelhändler prüfen heute sehr genau, ob und wo sie sich ansiedeln“, schildert Dirk Wichner, Head of Retail Leasing JLL Germany. „Sie entscheiden nicht mehr allein nach Bauchgefühl, sondern nach detaillierter Zahlenlage.“
Besuchfrequenz bricht ein
Dazu gehören unter anderem Passantenfrequenzen, die in Stuttgart derzeit unter dem Zehnjahresschnitt liegen und Diskussionen auslösen. Genauso wichtig sei aber auch, welcher Kundentyp dort entlang geht und welche Kaufkraft letztlich in den Geschäften landet. „Entsprechend lange dauern aktuell Standortentscheidungen an – insbesondere, wenn es um Mietverträge mit zehn Jahren Laufzeit geht“, erklärt Wichner die Rückgänge bei der Vermietungszahlen.
Nach aktuellen Zahlen von JLL gehöre Stuttgart „noch zu den dynamischeren Märkten unter den zehn wichtigsten Immobilien-Städten“. Bis zum Halbjahr sind 15.500 qm Einzelhandelsfläche vermietet worden. Das war nach Frankfurt (21.100 qm) die zweithöchste absolute Fläche und mit 125% deutschlandweit das stärkste Wachstum im Vergleich zum Vorjahr. Bei 26 Anmietungen zum Halbjahr ist die durchschnittliche Flächengröße relativ hoch. Zum Vergleich: Die Hauptstadt Berlin setzte bei doppelt so vielen Abschlüssen nur 9.500 qm um.
Kundenströme variieren
Mit den großen Anmietungen und Eröffnungen wie dem Milaneo ist nach Ansicht von JLL allerdings auch eine Verschiebung der Kundenströme verbunden, so dass einzelne Straßen an Attraktivität gewinnen, während in anderen die Nachvermietung von Flächen immer schwerer fällt und sich die Frage nach der zukünftigen Positionierung stellt. Davon betroffen sei grundsätzlich der Handel in City-Lagen, dort, wo die nötige Frequenz fehle, um die entsprechenden Umsätze für das bestehende Mietniveau zu erzielen. „Insofern werde die Umbruchphase auch noch für die kommenden drei bis fünf Jahre anhalten“, so Philipp Nothdurft, Team Leader Retail Leasing im Stuttgarter JLL-Büro.