Ein Grund dürfte sein, dass es kaum noch gute Herrenausstatter und fachkundige Beratung gibt. Gleiches gilt für den Schuhhandel. Wenn immer weniger Schuhhändler ein qualifiziertes Lederschuhsortiment und eine entsprechende Beratung bieten, kaufen die Leute eben Sneaker.
Der Niedergang des gepflegten Herrenschuhs ist also die Folge mangelnden Angebots?
Was die Männer-Generation ab 40 anbelangt, ist das sicher ein Grund. Bei den Jüngeren sieht es anders aus. Ich habe seit einiger Zeit sogar den Eindruck, dass sich in der Generation der 25- bis 40-Jährigen eine neue Begeisterung für den gepflegten Lederschuh entwickelt. Zumindest höre ich das von den portugiesischen, italienischen, spanischen und skandinavischen Schuhproduzenten, mit denen ich zusammenarbeite. Auch wenn ich in Italien unterwegs bin, ob in den Städten oder auf Messen wie der Micam, fällt mir auf, dass jüngere Männer kaum noch Sneaker tragen.
Sondern?
Sie tragen Oxfords, Monkstraps und vor allem Loafer. Davon merkt der Schuhhandel bei uns aber nichts. Kein Wunder, denn diese Generation kauft ihre Schuhe im Webshop.
Sie auch?
Natürlich!
Wo genau?
Zum Beispiel bei velasca.com, morjas.com, myrqvist.com, shoepassion.de, heinrich-dinkelacker.de, crockettandjones.com oder doucals.com.
Bleibt die Beratung da nicht erst recht auf der Strecke?
Es gibt online hervorragende Beratung. Auch auf Instagram oder Youtube gibt es tolle Tutorials zum Schuh oder zur Schuhpflege.
Was raten Sie dem Schuhhandel vor diesem Hintergrund?
Ein guter Schuhhändler muss heute zwingend hybrid aufgestellt sein, wenn er junge Kunden an sich binden will. Er braucht einen sehr guten Webshop mit vielen aussagekräftigen Bildern von jedem einzelnen Modell. Er sollte unbedingt jeden Schuh in jeder Größe dahaben. Darüber hinaus sollte ein guter Schuhladen nicht nur bezogen auf einen konkreten Kauf beraten, sondern bereit sein, auch generell über unterschiedliche Designs, Lederarten oder Sohlenvarianten zu informieren, und zwar nicht nur im Laden, sondern auch online. Auch um Social Media kommt ein Schuhhändler heute nicht mehr herum, denn alle jungen Leute orientieren und informieren sich dort. Das ist nun mal so.
Da geben Sie manchem Schuhhändler aber eine ganz schöne Kröte zu schlucken.
Warum? Man braucht doch erst mal nur ein Handy. Und dann fängt man einfach an. Das habe ich auch so gemacht.
Ist das Erlebnis, das ein stationäres Geschäft bietet, dem virtuellen Einkauf denn nicht immer noch überlegen?
Natürlich ist ein gutes Schuhgeschäft etwas Besonderes. Der Geruch des Leders, die Haptik der Produkte und natürlich die Schaufenster, die sind extrem wichtig! Ich bleibe vor jedem Schuhgeschäft stehen und betrachte die Auslagen. Ob ich davon aber animiert werde, das Geschäft auch zu betreten, steht auf einem anderen Blatt. Die schönsten Fenster gibt es meiner Meinung nach in London und Italien.
Nehmen wir mal an, Sie betreten das Geschäft: Was sollte das Sortiment bieten?
Vor allem eine sehr gute Auswahl. Jeder Schuhtyp sollte vorhanden sein, vom Tassel Loafer bis zum Oxford, in Schwarz und Dunkelbraun und natürlich in jeder Größe. Der Satz: „Ich schau‘ mal, ob ich die Größe dahabe“, ist ein No-Go.
Was soll die Beratung leisten?
Angenommen, ich suche einen Schuh für eine Hochzeit, dann genügt es nicht zu sagen: ‚Ich zeige Ihnen mal, was wir haben‘. Die erste Frage sollte lauten: Wie sieht der Anzug aus? Die zweite Frage: Wann findet die Hochzeit statt? Denn es ist ein Unterschied, ob ich den Schuh für den Sommer oder den Winter brauche. Schließlich sollte Beraterin oder Berater sich den Fuß des Kunden genau anschauen. Außerdem sollte sie wahrnehmen, ob er formell oder eher lässig unterwegs ist. Wenn er der lässige Typ ist, sollte sie ihm vielleicht nicht gerade einen Oxford, sondern eher einen Loafer empfehlen, und möglichst auch den passenden Strumpf.