Ein wichtiger Umschlagplatz für die Waren von Onlineanbietern wie Temu und Shein ist das belgische Lüttich. Dort landen täglich zehntausende Pakete, vorwiegend aus China. Das TV-Magazin Plusminus begleitete den belgischen Zoll bei seiner Arbeit. Er prüft stichprobenartig den Inhalt der Pakete, die in Lüttich ankommen. Insgesamt 60 Zollkontrollen gibt es rund um den belgischen Flughafen.
Die Pakete sind überwiegend als kleine Päckchen mit einem Warenwert von unter 150 Euro angegeben. Ihr Inhalt liegt aber in vielen Fällen über 150 Euro. Unzählige solcher Fälle werden täglich beim Zoll in Belgien registriert. Und ein großer Teil der Ware ist für Kunden in Deutschland bestimmt. Temu ist aktuell die meist heruntergeladene Shopping App in Deutschland und bietet Produkte aller Sparten zu extrem niedrigen Preisen. Ähnlich günstig ist die Modeplattform Shein. Wer bei diesen Onlineshops Waren bestellt, muss zwar um die zehn Tage auf die Lieferung warten – dafür fallen keine Versandgebühren an.
Laut dem E-Commerce-Experten Alexander Graf brechen Onlineshops wie Temu und Shein mit den üblichen E-Commerce-Regeln: So sei deren Ware nicht sofort verfügbar, wie es beispielsweise bei Amazon meist der Fall sei. Dafür seien die Produkte um bis zu 30% günstiger. „Das ist tatsächlich revolutionär“, so Graf. Temu und Shein vermitteln eingehende Bestellungen an Produzenten weiter. Nicht selten wird die Ware erst dann produziert. Die Händler versenden die Ware in vielen einzelnen Päckchen per Luftfracht nach Europa und nicht per Containerschiff. Die Muttergesellschaft von Temu ist aktuell Chinas größter Onlinehändler. „Temu wird uns in 2024 und 2025 noch sehr intensiv beschäftigen“, prognostiziert E-Commerce-Experte Alexander Graf.
Der Zoll wird von den Waren regelrecht überflutet. Dort weiß man, dass beim Warenwert oft falsche Angaben gemacht werden, kann dies aber ob der schieren Menge eingehender Pakete nicht kontrollieren. Temu und Shein nutzen das europäische Import-One-Stop-Shop-System (IOSS). Dabei fallen für Waren unter 150 Euro keine Zollgebühren, wohl aber Umsatzsteuer an. Beide Unternehmen sind in Irland angemeldet. Sie zahlen dort steuern, die für Bestellungen aus Deutschland an den deutschen Staat weitergeleitet werden. Das Problem: Der Zoll in Belgien kann nicht kontrollieren, wie viel Einfuhr-Umsatzsteuer tatsächlich in Irland angemeldet wurde: Es fehlt an der digitalen Vernetzung zwischen den Staaten. Laut dem Steuer-Experten Florian Köbler lädt das
IOSS-System aufgrund von falschen Deklarationen, mangelnden Kontrollen und einer schlechten Vernetzung der EU-Staaten zum Betrug ein. Die Unternehmen wüssten, dass es schlechte Kontrollen gibt. Man hätte mit Einführung des Systems sicherstellen müssen, dass zwischen den Ländern ein Datenfluss herrscht. Köbler rechnet mit Steuereinnahmen in dreistelliger Millionenhöhe, die dem deutschen Staat so jedes Jahr entgehen. Hinzu kommen Produktfälschungen bei Markenware. Auch werden Bestellungen, die insgesamt einen Warenwert von 150 Euro überschreiten, in mehrere Pakete aufgeteilt – auch das ist Betrug.
2 Mrd. zollfreie Päckchen kommen jedes Jahr nach Europa, 65% davon sind nach Schätzungen zu niedrig deklariert. Über die Abschaffung der 150 Euro Zollfreiheit wird aktuell nachgedacht. Mit einer schnellen Entscheidung ist aber nicht zu rechnen.