Wie sehr dürfen Schuhpreise steigen?
Händler und Hersteller suchen Antworten
- 14.05.2025
- Petra Steinke, Christopher Mastalerz
- 5 Minuten
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Zu Beginn des Jahres zeigte Andreas Schaller, Geschäftsführer von Lloyd, im Interview mit schuhkurier klare Kante: „Wir starten in Zukunft bei 129 Euro. Die Weiterführung von niedrigeren Preislagen passt nach unserer Überzeugung nicht zu einem Premiumprodukt. Es wäre nach meiner festen Überzeugung eine strategische und betriebswirtschaftliche Fehlentscheidung, den Weg von unserer Seite nicht zu gehen bzw. ihn von Seiten des Handels nicht mitzugehen. Nur mit einem aktiven Preismanagement kann der Handel der Kostenentwicklung entgegenwirken und das eigene Überleben sichern.“
Schaller ist schon seit Jahren Verfechter höherer Preise im Schuhsegment. Während in vielen Branchen und Produktsegmenten die Preise über die Jahre teils erheblich gestiegen seien, habe sich der Preis von Schuhen nicht wesentlich verändert, so der Manager. Wie ist die Faktenlage? Laut dem Bundesverband der Schuh- und Lederwarenindustrie (HDS/L) sind die Verbraucherpreise für Schuhe in den vergangenen Jahren zwar gestiegen – aber nicht so stark wie die Erzeugerpreise. So stiegen die Preise für Schuhe von 2015 bis 2024 um 8,7% und von 2020 zu 2024 um 7,2%.
Betrachtet man die Erzeugerpreise für Schuhe (ohne Sport- und Sicherheitsschuhe), so stiegen diese von 2015 bis 2025 um 23,2% und von 2020 zu 2024 um 17,6%. Vergleicht man mit anderen Branchen, so fällt auf, dass die Verbraucherpreise für Schuhe deutlich weniger stark gestiegen sind als die aller Konsumgüter insgesamt. Diese wurden von 2025 zu 2024 um 26,2% teurer und im Zeitraum von 2020 zu 2024 um 18,3%.
Nur mit aktivem Preis- management kann der Handel das eigene Überleben sichern.
Andreas Schaller|Lloyd
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Verbraucherpreisentwicklung 2020 bis 2024 (Schuhe insgesamt)
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Erzeugerpreisentwicklung 2020 bis 2024 (Schuhe ohne Sport- und Sicherheitsschuhe)
Mit den höherpreisigen Schuhen würde, so Schaller im Interview, auch im Handel unter dem Strich mehr übrigbleiben. Im neuen Lloyd-Konzept soll der Handel nicht nur in absoluten Zahlen, sondern auch mit einem höheren Anteil von den höheren Preisen profitieren, erklärte der Geschäftsführer: „Ab 150 Euro werden wir eine veränderte Kalkulationsstruktur haben und einen Aufschlag von 150% bieten, ab 200 Euro sind es 160% und ab 300 Euro 190%.“ Auch Andreas Klautzsch, Geschäftsführender Gesellschafter von Kennel & Schmenger, wirbt dafür, dass die Preise für Schuhe steigen müssen. Er ist davon überzeugt, dass die Kundinnen den Weg mitgehen – wenn man es richtig macht: „Es ist richtig, dass sich die eine oder andere Kundin zurückhält, aber nicht, weil sie das Geld nicht ausgeben kann. Sie hält sich aufgrund der Allgemeinsituation zurück. Ich glaube, in unserer Preislage ist es kein Problem des Preises, sondern eines der Stimmung.
Ich weiß, dass Händler oft so denken, aber ich würde sagen, da sitzt die Angst im Nacken und man glaubt, sein Seelenheil im günstigeren Bereich finden zu können. Ich kann nur sagen: Wir haben ein sehr erfolgreiches Jahr 2024 hingelegt. Man muss unserer Kundin etwas bieten.“ Sich preislich nach unten zu orientieren, bringe die Branche langfristig hingegen in Schwierigkeiten, ist Klautzsch überzeugt: „Man muss aufpassen, wohin man die Kundinnen erzieht. Ich kann vor diesem
In unserer Preislage ist es kein Problem des Preises, sondern eines der Stimmung.
Andreas Klautzsch|Kennel & Schmenger
Mit den höherpreisigen Schuhen würde, so Schaller im Interview, auch im Handel unter dem Strich mehr übrigbleiben. Im neuen Lloyd-Konzept soll der Handel nicht nur in absoluten Zahlen, sondern auch mit einem höheren Anteil von den höheren Preisen profitieren, erklärte der Geschäftsführer: „Ab 150 Euro werden wir eine veränderte Kalkulationsstruktur haben und einen Aufschlag von 150% bieten, ab 200 Euro sind es 160% und ab 300 Euro 190%.“ Auch Andreas Klautzsch, Geschäftsführender Gesellschafter von Kennel & Schmenger, wirbt dafür, dass die Preise für Schuhe steigen müssen. Er ist davon überzeugt, dass die Kundinnen den Weg mitgehen – wenn man es richtig macht: „Es ist richtig, dass sich die eine oder andere Kundin zurückhält, aber nicht, weil sie das Geld nicht ausgeben kann. Sie hält sich aufgrund der Allgemeinsituation zurück. Ich glaube, in unserer Preislage ist es kein Problem des Preises, sondern eines der Stimmung.
Ich weiß, dass Händler oft so denken, aber ich würde sagen, da sitzt die Angst im Nacken und man glaubt, sein Seelenheil im günstigeren Bereich finden zu können. Ich kann nur sagen: Wir haben ein sehr erfolgreiches Jahr 2024 hingelegt. Man muss unserer Kundin etwas bieten.“ Sich preislich nach unten zu orientieren, bringe die Branche langfristig hingegen in Schwierigkeiten, ist Klautzsch überzeugt: „Man muss aufpassen, wohin man die Kundinnen erzieht. Ich kann vor diesem Weg nur warnen. Es gibt nicht mehr so viele Schuhanbieter in Deutschland und kaum noch einen, der in Deutschland produziert. Wir sind immer den anderen Weg gegangen, nach oben. Und uns gibt es noch – viele andere gibt es nicht mehr. Das sollte sich auch ein Händler überlegen. Mit niedrigen Bons wird er nicht überleben können. Ich glaube daher nicht, dass es heilsbringend ist, wenn man die Preislagen nach unten entwickelt.“
An der Qualität oder den Löhnen zu sparen, ist für uns keine Option.
Florian Werner|Werner 1911
ANWR Schuh-Geschäftsführerin Astrid Heinze lobt die Vorgehensweise von Lloyd und Kennel & Schmenger: „Lloyd ist mit dem Plan, Preislagen anzuheben, vorbildlich vorgegangen. Sie haben dabei die Marke und den Händler im Blick. Leider reagiert der Markt (noch) nicht positiv auf die Steigerung und sie sind recht allein mit dieser stringenten Vorgehensweise. Es ist ein Thema der gesamten Branche und es müssten sich mehr Lieferanten trauen auch neue, höhere Preislagen einzuführen. Wir haben, was die Preise von Schuhen betrifft, seit 25 Jahren Stagnation bei steigenden Kosten. Das heißt, die Branche befindet sich im Rückwärtsgang – und das kann nicht funktionieren. Wenn wir im Schuhbereich die Preise nicht entwickeln können, werden immer mehr Fachhändler aus dem Markt verschwinden, da schlicht weg die Kosten den Ertrag übersteigen.“ Es sei möglich, die Verbraucherinnen und Verbraucher auf diesem Weg mitzunehmen: „Ich verstehe, dass Verbraucher für das gleiche Produkt nicht unbedingt einen höheren Preis zahlen wollen. Aber ich denke, dass man auch hier zumindest eine kleine Steigerung durchsetzen.
Im Lebensmittelbereich scheint es ganz und gar kein Thema zu sein – nehmen Sie allein die Preis- entwicklung für eine Tafel Schokolade. Wir sprechen regelmäßig mit Händlern und Lieferanten über dieses Thema. Gerade im Mainstream sehen wir Potenzial. Wir beobachten bei den realisierten Durch- schnittspreisen, dass diese bis etwa 100 Euro steigen, danach sacken sie wieder ab und steigen erst bei höheren Preislagen wieder an. Diese Lücke kann man füllen. Es zeigt auch, dass Preise über 100 Euro durchaus akzeptiert werden.“
Wenn wir die Preise nicht entwickeln können, werden immer mehr Fachhändler aus dem Markt verschwinden.
Astrid Heinze|ANWR Schuh
MOTIV: Schuh Mücke Kulmbach Damenhaus Damen- und Herrenhaus Mücke nach Umbau Mode-Stores Mücke Kulmbach Bayreutherstr.3 DATUM: 23.04.2024 FOTO: Berny Meyer / Schuh Mücke © BERNY
Manche Preissteigerungen sind auch nicht zu vermeiden, weiß Florian Werner, Geschäftsführer von Werner 1911: „Es ist eine schwierige Marktlage. Wir haben mit der Produktion in Europa und unserem kleinen Unternehmen wenige Verwaltungskosten. Das ist ein wesentlicher Vorteil bei unserer Kalkulation. Natürlich sind wir auch von steigenden Material- und Produktionslöhnen betroffen. Wir gehen einen Mittelweg, halten die Preise bei den Artikeln, die das hergeben, und erhöhen sonst moderat.
An der Qualität oder den Löhnen zu sparen, ist für uns keine Option.“ Ob die Kundinnen und Kunden diese Preissteigerungen annehmen, hänge davon ab, ob sie diese als gerechtfertigt empfinden: „Wenn der Preis ehrlich ist und die Wertschätzung für das Produkt zeigt, werden auch Preissteigerungen mit Maß akzeptiert. Gleichwohl ist uns bewusst, dass wir in einem Nischensegment unterwegs sind, in dem weniger Preissensibilität gegeben ist als in günstigeren Preislagen. Es kann dem Markt guttun, dass die Preise steigen, wenn gut kommuniziert wird, was in dem Schuh steckt und warum er dieses Geld wert ist. Der Kunde darf aber nicht das Gefühl bekommen, dass ein Unternehmen die Situation ausnutzt und die Preise stärker anzieht als es die Lage hergibt.“ Auch Sylvia Klemens, Geschäftsführerin bei Josef Seibel, warnt vor zu extremen Preissteigerungen: „Wir müssen beim Thema Preise sehr sensibel vorgehen. Die Frequenzen steigen nicht, die Verbraucher sind weiterhin verunsichert. Man darf die Situation und auch die Bereitschaft der Kunden auf keinen Fall überstrapazieren. Wenn Konsumenten das Gefühl haben, von einer Marke oder von einem Händler verschaukelt zu werden, dann verliert man sie.
Für uns bei Josef Seibel bedeutet das, dass wir bei regulären Artikeln und Evergreens von Preissteigerungen absehen. Bei neuen Gruppen und Schuhen, die über Zusatznutzen wie neue Technologien, Materialien oder andere Features verfügen, gehen wir den Weg einer vorsichtigen Preissteigerung – dann aber verbunden mit einer höheren Marge für den Handel. Wir nehmen wahr, dass viele Verbraucher durch die Preissteigerungen, die es seit der Corona-Pandemie gegeben hat, irritiert waren. Und wir sollten den Verbraucher nicht unterschätzen: Er ist extrem gut informiert. Darum ist es aus unserer Sicht wichtig, den Bogen nicht zu überspannen.“
Ein Händler, der anonym bleiben möchte, berichtet gegenüber schuhkurier davon, dass die Durchschnittspreise bei den Herrenschuhen von 126 auf 137 Euro gestiegen sind – einhergehend mit wertmäßigem Umsatzanstieg um 10%. Bei den Damenschuhen berichtet der Händler von einer Durchschnittspreiserhöhung von 126 Euro auf 130 Euro – und einem wertmäßigen Umsatzrückgang um 10%. „Die Herren sind also unseren Weg mitgegangen, die Damen nicht“, so der Händler. Man müsse immer genau beobachten, wie weit die Akzeptanz der Verbraucherinnen und Verbraucher geht. Während in den letzten Saisons auch Premiummarken in seinem Sortiment erfolgreich waren, stelle er jetzt fest, dass die Kundinnen bei diesen Lieferanten vorsichtiger geworden seien.
Man darf die Bereitschaft der Kunden auf keinen Fall überstrapazieren.
Sylvia Klemens|Josef Seibel
Geschäftsführer Johannes Huber sucht mit Garhammer daher den Kompromiss, Preise zu steigern, aber auch Alternativen für das preissensible Publikum anzubieten: „Einerseits müssen wir mit den Preisen nach oben. Das tun wir beispielsweise bei unseren Eigenmarken wie Konstantin Starke. Hier wird es nur noch wenige Modelle unterhalb von 200 Euro VK geben. Andererseits haben wir für unser Haus entschieden, auch in unteren Preislagen etwas anzubauen. Wir spüren, dass Kundinnen dies wünschen. Wir arbeiten in diesem Bereich sehr gut mit der Wortmann-Gruppe zusammen und haben auch im Eigenmarken-Segment gute Brands im Preiseinstiegsbereich. Und im Übrigen sind auch die aktuell absolut angesagten Adidas Originals nicht so teuer.
Wir machen eine interessante Beobachtung: Wir sehen Kundinnen, die sich Outfits von Ami Paris kaufen – also absoluten Luxus – und dazu den Adidas Samba. Das Modell wird derzeit unglaublich stark nachgefragt.“ Auch Frank Beckmann, Schuhhaus Lötte in Bochum, versucht die Notwendigkeit für höhere Preise und die Preissensibilität in Einklang zu bringen:
„Preissteigerungen sind immer auch ein Spiel mit dem Feuer. Jedes Geschäft hat beim Verbraucher ein bestimmtes Image. Und jede Umstellung im Preisgefüge dauert ihre Zeit. Wenn ich eine Marke mit bisherigen Preislagen von 110 bis 120 Euro angeboten habe und die Schuhe dieser Marke kosten plötzlich 140 bis 160 Euro, dann verliere ich einige Kunden, ohne dass ich das unmittelbar merke.“ Er will die Preise daher leicht erhöhen: „Und daneben müssen wir uns immer die Frage stellen, was wir brauchen, um unsere Kosten zu decken. Es kann sinnvoller sein, ein paar Schuhe weniger zu verkaufen und dafür die Kosten zu senken. Grundsätzlich glaube ich aber, dass wir den Weg moderater Preissteigerungen mitgehen sollten. Die Spirale nach unten zu betreten, halte ich für fahrlässig. Wenn wir jede Saison den Durchschnittspreis um 2% bis 4% steigern und sich zugleich die Kalkulation verbessert, ist das für die Verbraucherinnen und Verbraucher nicht schmerzhaft. Ich sehe ein, dass Kunden aktuell verunsichert ist. Dann müssen wir das als Händler ein Stück weit hinnehmen.-
Wir haben für unser Haus entschieden, auch in unteren Preislagen etwas anzubauen.
Johannes Huber|Garhammer
Zugleich glaube ich, dass auch in der aktuellen Situation Geld da ist und auch ausgegeben wird. Der Schuhkauf ist eine emotionale Sache. Da halten sich einige derzeit zurück. Das Auto für 70.000 Euro wird aber gekauft.“ Um Preisstrukturen anzupassen, gebe es unterschiedliche Wege, erklärt der Schuhhändler: „Eine Preissteigerung muss im Übrigen nicht bedeuten, dass ich im oberen Bereich des Sortiments anbaue. Was bringt es mir, wenn ich Designermarken präsentiere, die am Ende unverkäuflich sind? Sinnvoll kann es auch sein, den Bereich der gehobenen Mitte bis 160 Euro in guten Qualitäten abzubilden und dann vielleicht sogar auf Premiumlieferanten zu verzichten.“
Wir sollten den Weg moderater Preissteigerungen mitgehen.
Frank Beckmann|Schuhhaus Lötte
Karl-Georg Reindl, Inhaber von Reindl in Rosenheim, hält einen anderen Weg für effektiver, um den Handel mehr an Schuhen verdienen zu lassen: „Bei der Diskussion um höhere Preise wird der zweite Schritt vor dem ersten gemacht. Ich sehe es auch so, dass höhere Preise für die Branche gut wären, aber wir haben nichts davon, wenn der Markt die Preise nicht annimmt und die Schuhe dann überall reduziert angeboten werden. Es wäre viel wichtiger, dass die Preise stabiler gehalten werden.
Davon hat der Handel mehr als von Preiserhöhungen.“ Bei Reindl wird zurzeit die preisliche Mittelschicht ausgebaut anstatt im Premiumbereich mehr zu bieten: „Wir bauen das Markenportfolio preislich unten an. Die Luxus-Konsumenten sind meiner Meinung nach viel preissensibler als die Mittelschicht, die nach Bedarf kauft. Bis 100 Euro ist alles gut verkäuflich. Bis 150 Euro geht es mit dem richtigen Umfeld auch, darüber wird es schwierig.“
Wir haben nichts davon, wenn der Markt die Preise nicht annimmt.
Karl-Georg Reindl|Reindl