Bruno Zumnorde, fünfte Generation des gleichnamigen Familienunternehmens, hat den Strukturwandel im Schuhhandel hautnah erlebt – und will ihn aktiv mitgestalten. Im Podcast „Kassenzone“, aufgezeichnet im Rahmen des „Data Unplugged“-Festivals am 26. und 27. März in Münster, gibt der 34-Jährige tiefe Einblicke in die Entwicklung der Zumnorde-Gruppe mit 24 Geschäften an 17 Standorten sowie einem etablierten Onlinegeschäft.
Dabei beschreibt Zumnorde die Ausgangslage ungeschönt: „Wir sind ein bisschen aus dem Tal der Tränen herausgekrochen. Die letzten Jahre waren nicht so easy.“ Seit Mitte der 2010er-Jahre spüre man die Effekte des Strukturwandels deutlich – verschärft durch die Pandemie: „Im Januar 2020 bin ich ins Unternehmen gekommen, drei Monate später waren die Läden zu.“
Kostenstruktur
Als eine der größten Herausforderungen benennt Zumnorde die branchentypische Kostenstruktur: „Das Nervigste an der Schuhbranche ist der Wareneinsatz. Du hast nicht die Lagerdrehung wie bei den Textilern.“ Gleichzeitig sieht er operative Hebel in Logistik und Bestandsmanagement: „Die Synergie zwischen den Beständen der Häuser durch das Zentrallager und die Hub-Logistik ist das Spannendste im Skaleneffekt.“
Margendruck
Der Druck auf die Margen bleibt aber hoch. „Der Schuheinzelhandel hat das Problem, dass er unter enormem Margendruck steht“, so Zumnorde. Plattformen seien strukturell im Vorteil, insbesondere im volumengetriebenen Einstiegs- und Mittelpreissegment. Mit steigender Preislage verändere sich jedoch das Spiel: „Je höher ich in die Preislagen gehe, desto mehr komme ich in die Situation, in volle Schuhschränke zu verkaufen. Das ist ein ganz anderes Game.“ Der durchschnittliche Verkaufspreis bei Zumnorde liegt bei rund 180 Euro – bewusst positioniert jenseits des reinen Bedarfsdeckungssegments.
Standortfragen
Während viele Händler weiterhin auf klassische Innenstadtlagen setzen, geht Zumnorde einen anderen Weg. „Wir gehen nicht mehr auf die Frequenz der Innenstadt sondern zu unserer relevanten Frequenz.“ Neue Standorte entstehen gezielt außerhalb etablierter 1A-Lagen – etwa „in Höxter und Dollern – in the middle of fucking nowhere.“ Grundlage dieser Strategie ist eine nüchterne Analyse der Marktrealität: „Wir haben in Deutschland vielleicht 30 attraktive Standorte, wo Einzelhandel auch in Zukunft funktionieren kann.“ Münster selbst bezeichnet Zumnorde als Ausnahme: „Münster ist eine Bubble … Das ist eine Attraktivität, die man in einer 08/15-Innenstadt nicht abbilden kann.“
E-Commerce
Das Onlinegeschäft ist seit über 15 Jahren Teil des Unternehmens – und heute ein signifikanter Umsatztreiber. „Wenn wir auf den Umsatz vor Retoure schauen, machen wir etwa die Hälfte vom stationären Geschäft.“ Gleichzeitig steigen die Kosten: „Die Kunden im Internet sind deutlich illoyaler und preisgetriebener … dadurch sind unsere Kundenakquisitionskosten relativ hoch.“ Fehlentscheidungen räumt Zumnorde offen ein. Rückblickend sei ein zentraler Fehler gewesen, E-Commerce zu unterschätzen: „Der größte Fehler im E-Commerce ist zu glauben, dass man es kann, und es einfach so zu machen.“
Innovation
Ein aktuelles Projekt zeigt, wie Zumnorde operative Kompetenz in digitale Lösungen übersetzt: die Online-Passformberatung. Ziel ist es, Retouren zu reduzieren – eine der größten Kostenstellen im E-Commerce. Erste Ergebnisse sind messbar: „Und er hat die Retourenquote schon um 4,5% gesenkt.“ Auch beim Thema Künstliche Intelligenz bleibt Zumnorde pragmatisch: „AI ohne Daten ist Scheiß-AI. Wir müssen erstmal anfangen, Kundendaten zu sammeln.“ Gerade im stationären Handel sieht er hier Nachholbedarf.
Mehr als nur Schuhe
Langfristig denkt Zumnorde über das klassische Geschäftsmodell hinaus. Die im Unternehmen aufgebaute Prozess- und Technologiekompetenz könnte auch in anderen Bereichen Anwendung finden: „Wir könnten damit auf andere Geschäftsmodelle setzen, die Expertise auf andere Produkte übertragen.“
Trotz aller Transformation bleibt die Realität des Handels bodenständig: „als Schuhhändler geht man abends im Bett, um müde zu sein, und nicht um Geld verdient zu haben.“ Der Blick nach vorn ist dennoch klar: Wer seine Hausaufgaben mache und die eigenen Schwächen ehrlich analysiere, habe Chancen. Oder, wie Zumnorde es formuliert: „Was bei uns monetär am meisten bringt, ist einmal zurücklehnen, einmal nachdenken und die Frage stellen: Was sind unsere größten Schmerzpunkte?“