„Wir haben die Expertise“
Interview mit Maximilian Meyer, Meyer Logistik
- 18.11.2024
- Petra Steinke
- 2 Minuten
Bitte loggen Sie sich ein, um alle Inhalte abrufen zu können:
Sie haben noch kein Abo?
Jetzt abonnieren und mitlesen!
Interview mit Maximilian Meyer, Meyer Logistik
Noch kein Abo?
– Alle Artikel lesen
– Alle ePaper lesen
– Alle Newsletter erhalten
Noch kein Abo?
Headerfoto: Der Standort Osnabrück für die Kontraktlogistik (Foto: Meyer Logistik)
Sie haben Feedback oder Fragen an das Redaktions-Team?
Sie möchten nichts mehr verpassen?
Abonnieren Sie jetzt unsere Newsletter.
Keine Ausgabe verpassen: Alles aus dem Shoe-Business - kritisch, tiefgründig und vielseitig. 100% Branchenwissen für Ihren Erfolg im Geschäft mit Schuhen. Gedruckt oder als ePaper + alle Inhalte der Website.
Abonnieren Sie den schuhkurier
Maximilian Meyer: Wir freuen uns über Schuhkartons, weil sie, auch wenn sie in der Größe variieren, einfacher zu automatisieren sind als etwa einfolierte T-Shirts. Aufgrund des Volumens braucht man jedoch eine andere Lagertechnik und deutlich mehr Platz im Vergleich zu den Textilien.
Sie steht bei uns umsatzseitig an dritter Stelle nach Textil und Automotive und wird immer bedeutsamer. Wobei es zwischen Mode- und Schuhbranche schwierig wird zu differenzieren. Es gibt viele Modehäuser und -marken, die sehr stark in den Schuhbereich investieren. Wir arbeiten im Schuhbereich zu 80 bis 90% für Hersteller.
Ja. Unsere Kunden wollen sich mehr auf den Point of Sale, auf die Endkundinnen und Endkunden konzentrieren. Jeder Hersteller könnte sich natürlich eine eigene Logistik aufbauen, aber sie steht phasenweise wahrscheinlich leer. Wir haben die Kompetenz und den Raum für solche automatisierten Projekte.
Wir haben mittlerweile kein Lager mehr ohne Automatisierung, aber sie sind nicht vollautomatisiert. Dort arbeiten immer noch viele Kolleginnen und Kollegen. Wir sehen es aufgrund des Fachkräftemangels und der zunehmenden Anforderungen bei der Reaktionsgeschwindigkeit als notwendig an, stetig weiter zu automatisieren. So positionieren wir uns gegenüber Kundinnen und Kunden und bieten ihnen an, ihre Logistikprozesse outzusourcen, denn wir haben die Expertise.
Maximilian Meyer, CEO Meyer Logistik (Foto: Meyer Logistik)
Ja. Wir verfügen auch über gekühlte LKW, um die Rohstoffe, beispielsweise Klebstoffe, in die Fabriken zu liefern. Die fertigen Produkte bringen wir ins Zentrallager oder in die jeweiligen Märkte. Dabei sind wir sehr flexibel. Es gibt Ware, die schnell vor Ort sein muss. Dafür nutzen wir unsere LKW. Wenn es aber weniger zeitkritische Produkte sind, nutzen wir auch Seecontainer, z.B. aus Nordafrika. Das dauert zwar ein bisschen länger, ist aber etwas günstiger. Wir übernehmen die Steuerung der Supply Chain, damit sich unsere Kunden keine Gedanken mehr zu machen brauchen.
Absolut. Aber wir sehen auch, dass vieles schlechter vorhersehbar wird. Nichts ist schlimmer, als ein vorgepacktes Teil in einem Zentrallager aus- und dann wieder umzupacken. Das ist also kein Allheilmittel. Wir haben aber durchaus Kunden, bei denen wir schon in den Herstellungsländern Ware separieren und kundenspezifisch in die Logistikkette bringen können. Sie kommt gar nicht mehr ins Zentrallager, sondern geht direkt zum Kunden. Und das ist ein wachsendes Geschäft.
Ich bin immer erschrocken, wenn es um Abverkaufszahlen geht und ich etwas über das Wetter lese. Immer wieder heißt es: Das Wetter war ungünstig, darum sind die Umsätze eine Katastrophe. Hinzu kommt das Thema Daten: Wenn diese in Excel-Tabellen von links nach rechts geschoben werden, wird es eher schlimmer. Wir sehen aber auch, dass einige Hersteller intensiv in ERP-Systeme, Order Management-Systeme oder Schnittstellen zu unserer Lagersoftware oder anderen Supply Chain Tools investieren. Wenn vieles unvorhersehbar wird, braucht man Lösungen. Dazu gehört, sich die ganze Prozesskette anzuschauen und dann ein Augenmerk auf Daten zu legen.
Ich habe oft an Einkaufsrunden teilgenommen, die auf Basis der Vergangenheit ermittelt haben, welches Budget sie heute zur Verfügung haben. Der Vergangenheitsbezug ist wichtig, um Trends für die Zukunft zu erkennen. Aber nicht, um einfach nur stumpf nach vorne zu schauen. Es gilt, die Prozesskette zu beleuchten: Wo verändert sich etwas, wenn wir an einer Stelle eine Schraube drehen? Und schlussendlich gibt es vieles, was nur schwer vorhersehbar ist, auf das man aber reagieren muss. Nehmen wir das Beispiel Huthi-Rebellen: Was macht es mit Schuhtransporten, wenn sie das Horn von Afrika umfahren müssen? Wie reagiert der Handel darauf? Darauf muss es Antworten geben, und da helfen die Erfahrungswerte der Vergangenheit oft nicht aus.
Qualitätskontrollen sowie die Aufbereitung von Ware bietet die Business Unit WKS an. (Foto: Meyer Logistik)
Mit dem Thema NOS werden die Lieferungen immer kleinteiliger und oft lohnt es sich gar nicht mehr, große LKW loszuschicken. Der Anteil von CEP-Transporten steigt. Hier kann es ein weiterer Vorteil sein, einen Logistikpartner zu wählen, der die Schnittstellen zu diesen Dienstleistern schon besitzt. Das zweite Segment ist das Thema Stückgut, wobei mehrere Paletten in die Zentrallager der Schuhhändler gehen, die dann wiederum ihre eigene Logistik nachgeschaltet haben.
Die ganz großen Händler haben natürlich eine Marktmacht und können eigene Vorgaben in der Logistik machen, damit die Prozesse bei ihnen gut funktionieren. Die Hersteller sind auch bereit, dem zu entsprechen. Und für uns in der Logistik sind es dann unterschiedliche Etiketten für Händler A, B oder C. Das ist also nicht sehr aufwändig. Der Prozess sichert, dass das richtige Etikett auf dem richtigen Karton klebt. Und da braucht es dann ein vernünftiges Tool oder unser Lagerverwaltungssystem, damit wir keine Fehler machen.
Ganz klassisch das Etikettieren für den jeweiligen Handel, teilweise auch das Anbringen von Sicherheitsetiketten. Aufbereitungen, falls festgestellt wird, dass eine Naht übersteht oder ein Schuh nicht ganz sauber geklebt ist. Auch Zolldienstleistungen werden gern genutzt sowie die Klassifizierung von Retouren. Gerade die Qualitätskontrollen sind wichtig. Wenn die Ware erst von Kontrolleuren aus dem Regal gezogen werden muss, ist es zu spät.
Für die Schuhlogistik prüfen wir das fertige Teil. Das können wir im Produktions-
land machen, allerdings nur bei Herstellern, die auch selber produzieren. Ware aus Lohnfertigungs-Betrieben kommt in dem jeweiligen Produktionsland zunächst in unser Umschlagslager, damit es dort unabhängig geprüft werden kann. Und dann gibt es eben im Supply Chain Tool ein „Fail“ oder „Pass“. Bei „Fail“ gibt es Rückkopplungen zu unserem Kunden, der dann auf den Lieferanten einwirkt, damit die Ware gar nicht erst nach Europa kommt.
Eine pauschale Aussage ist schwierig. Es gibt exzellente Schuhhersteller, die das sehr gut im Griff haben, und es gibt Modehersteller mit Faxgeräten. Eventuell ist die Fashion Supply Chain ein bisschen weiter, was die Evolutionsstufe angeht, etwa im Hinblick auf Transparenz oder Reaktionsfähigkeit bei Never out of Stock-Artikeln. Beide Branchen können aber teilweise dieselben Systeme nutzen.
Die Schnelllebigkeit, unvorhersehbare Entwicklungen und exogene Schocks stellen unsere Kunden vor Herausforderungen. Gleichzeitig wollen wir in Technologie, also in Automatisierung, aber auch in Systeme investieren. Hier die richtige Investitionsentscheidung zu treffen, ist schwieriger geworden. Dementsprechend ergibt es Sinn, dass mehrere Kunden bei uns gemeinsam ihre Logistik abwickeln – Stichwort joined forces. Leider gibt es viele Insolvenzen im Markt, das birgt für uns Risiken. Denn wenn wir in eine Partnerschaft investieren, rentiert sich dies erst mit einer gewissen Zeitverzögerung. Die Probleme unserer Kunden sind eben auch unsere.
Wir setzen in unseren Geschäftsbereichen der Lager- und Kontraktlogistik tatsächlich auf die Metapher, dass wir einen Ehevertrag schließen und bestenfalls über viele Jahrzehnte zusammenarbeiten. Aber wie in einer Ehe können sich im Laufe der Zeit Parameter ändern, sodass man sich immer wieder an einen Tisch setzen muss. Wir streben langfristige Partnerschaften an, was aber auch bedeutet, dass wir uns immer wieder neu erfinden müssen. Das, was wir aber dann für den einen Kunden an Innovationen und neuen Lösungen entwickelt haben, können wir dann auch anderen Kunden zur Verfügung stellen. Und so lernen am Ende alle in unserem Netzwerk.
Wir sehen immer noch sehr klassische Peaks im Sommer und im Winter, die sich aber im Hinblick auf ihren Steigungsgrad verändern. Daneben gibt es weitere Peaks, etwa zur Black Week oder anlässlich von selbst entwickelten Marketingaktionen. Wir beobachten, dass die Vororder tendenziell geringer ausfällt und es dann darum geht, intelligent nachzusteuern.
Wenn die Ware in unserem Lager ist und es darum geht, kurzfristig im November Flip-Flops in den Handel zu bringen, können wir das dank Automatisierung schnell umsetzen. Wenn es um die Vorhersehbarkeit von Trends geht, können wir gemeinsam mit unseren Kunden Daten sammeln: Welcher Schuh läuft gut, welcher läuft nicht gut? Was sind die Gründe dahinter? Was sehen wir – natürlich anonymisiert – bei anderen Kunden im vergleichbaren Assortment?
Das hat uns gravierend verändert, indem wir Prozesse darauf ausgerichtet haben und unsere Kolleginnen und Kollegen jetzt in Spät- und Samstagschichten arbeiten, weil das Onlinegeschäft nie schläft. Rein kulturell sind das ganz andere Anforderungen. Auf der anderen Seite gibt es dort nicht diese krassen Peaks, abgesehen von einer Black Week. Hinzu kommt: Wir haben weniger eigene Wertschöpfung bei der Auslieferung. Erwähnen möchte ich hier auch noch das Thema Retoure, das ganz andere Qualitätsanforderungen im Lager mit sich bringt. Wir müssen uns beispielsweise bei größeren Marken damit befassen, ob der Schuh im Karton tatsächlich von dieser Marke ist und kein Imitat.
Wir haben eben eine starke Expertise, was Reparaturen angeht. Dementsprechend können wir für Secondhand-Ware, je nach Klassifizierung, auch eine Dienstleistung anbieten, um sie wieder verkaufsfähig zu machen. Wir haben in einigen unserer Lager Fotostudios und können Produkte fotografieren, damit der Kunde wiederum Masterdaten hat, um diese Schuhe zu verkaufen. Wir arbeiten für einige namhafte Hersteller, über die große Volumina zusammenkommen. Ein Unternehmen sammelt beispielsweise seine eigenen Produkte ein. Im Hintergrund liegt eine Riesendatenbank, um das Kleidungsstück oder den Schuh zu identifizieren. Der Konsument bekommt einen Voucher und kann dann wieder im Onlineshop der Marke einkaufen. Und die Ware geht mit unserem Systempartner auf eine eigene Homepage, „Re-Used“ oder „Pre-Loved“ oder ähnliches. Das alles manuell zu bewerkstelligen, lohnt sich für den Kunden nicht. Wir aber haben die Strukturen und können das.
Ja, wir launchen dafür gerade auch ein neues Produkt, wir nennen das &flow. Wenn eine Marke ihre Schuhe wieder einsammeln und neu vermarkten möchte, kann das ein Geschäftsfeld für uns sein. Wir werden uns mit dem Thema im Rahmen des Green Deal – Stichwort Kreislaufwirtschaft – ohnehin auseinandersetzen müssen. Es kann mehr lohnen, nicht immer bis zum letzten Teil alles verfügbar zu haben. Der Ansatz, den wir verfolgen, ist eine ethische Nachhaltigkeit, es geht aber immer auch um Wirtschaftlichkeit. Das funktioniert in der Fashion-Branche schon sehr, sehr gut. Bei der Schuhbranche wird das auch so sein.
Die Meyer & Meyer Holding SE & Co. KG ist ein international tätiges Logistik-Unternehmen mit Sitz in Osnabrück. Das Unternehmen wird in vierter Generation geführt und ist spezialisiert auf Textillogistik. Drei Business Units sind unter dem Dach von Meyer & Meyer angeordnet: Die Transportsparte mit integrierten Zoll-Leistungen, die vorrangig Lieferungen von und in die Türkei, von und nach Osteuropa und von und nach Nordafrika steuert. Etwa 30% des Liefervolumens sind inzwischen Schuhe. Das zweite Segment ist die Kontraktlogistik. Hier betreibt Meyer & Meyer Läger in Deutschland für Schuhhändler und -hersteller. Dabei wird Ware an den Handel geliefert, direkt zu den Filialen oder zu den Endverbrauchern. Hier liegt der Schuhanteil bei etwa 20%. Die dritte Business Unit, WKS, ist auf Qualitätskontrollen über die gesamte Supply Chain spezialisiert. Hier werden Rohstoffe, aber auch fertige Produkte geprüft und getestet. Auch führt WKS Reparaturen durch und bereitet Ware wieder auf. Ca. 20% des Auftragsvolumens bildet der Schuhbereich ab.