Vietnamesische Schuhindustrie im Lockdown

„Die Verluste sind dramatisch“

Uwe Hutzler ist CEO von Isa Tan Tec mit Sitz in Macau. (Foto: Isa Tan Tec)
Uwe Hutzler ist CEO von Isa Tan Tec mit Sitz in Macau. (Foto: Isa Tan Tec)

Die vierte Welle der Corona-Pandemie hat Vietnam hart getroffen. Isa Tan Tec betreibt zwei Gerbereien im Land. schuhkurier sprach mit CEO Uwe Hutzler.

Wie stellt sich die Lage in Vietnam aktuell dar? 

Das Infektionsgeschehen unterscheidet sich deutlich zwischen Nord- und Südvietnam. Während der Norden weitestgehend normal arbeitet, ist der Süden schwer getroffen. Insbesondere Ho-Chi-Minh-Stadt und angrenzende Provinzen befinden sich in verschiedenen Lockdown-Levels. Viele Unternehmen arbeiten gar nicht mehr, einige in einem Modus, wo Mitarbeiter seit Wochen in den Fabriken leben und bei geringerer Auslastung weiterproduzieren. In Ho-Chi-Minh-Stadt hat das Militär die Lebensmittelversorgung übernommen, die Bevölkerung darf die Wohnungen momentan nicht verlassen. Eine große Anzahl von Beschäftigten erhält keine oder nur eine geringe Vergütung und ist auch deshalb in die Heimatprovinzen zurückgekehrt. Bilder von vollen Quarantine-Centers und Krankenhäusern sind an der Tagesordnung. Zu der schlimmen Situation hat eine sehr niedrige Impfquote im Vergleich zu anderen Nationen beigetragen, die in extremer Vorsicht seitens der Behörden mündet. Die Regularien ändern sich täglich, was das Leben für alle – Unternehmen und Bevölkerung – sehr schwer macht. 

Wie stark ist die Schuhbranche des Landes bzw. Ihr Unternehmen betroffen? 

Eine Vielzahl von Schuhfabriken arbeitet seit einigen Wochen nicht mehr, andere nur mit verringerter Kapazität. Marken wie z.B. Nike, deren Liefersituation von Fabriken im Süden abhängt, haben mit Lieferausfällen von teilweise mehr als 50% des Volumens zu kämpfen. Wir selbst haben zwei Gerbereien im Süden Vietnams. Ein Werk ist komplett geschlossen, das andere ist eingeschränkt in Betrieb: Eine begrenzte Zahl Mitarbeiter arbeitet, isst und schläft in der Fabrik. Niemand darf rein oder raus. Mittlerweile leben die Mitarbeiter seit acht Wochen eingeschlossen in der Gerberei. Die wirtschaftlichen Verluste sind dramatisch und nur substantiell starke Unternehmen werden es schaffen, andere nicht. Die Herausforderung ist, dass eine weitgehende Kostenreduzierung zum Verlust von Arbeitskraft und Wissen führt, was aber direkt nach der Öffnung in höchstem Maße gebraucht werden wird. 

Wann rechnen Sie mit einer „Normalisierung“ der Lage? 

Die Wiedereröffnung der Wirtschaft und Unternehmen ist and Bedingungen geknüpft und die entsprechenden Regularien ändern sich täglich. Eine Normalisierung der Lage im Ganzen hängt von der Impfquote ab und von der Entscheidung der Regierung, ob eine Zero-Covid-Strategy oder Live-with-the-Virus-Strategy verfolgt wird. Man muss davon ausgehen, dass die Lage noch über viele Monate weit entfernt von „Normalität“ sein wird und jeder kleine Schritt in Richtung einer Aktivierung von Produktionskapazitäten bereits ein Erfolg ist. Die Auswirkungen und Folgen auf das Land möchte ich gar nicht erst kommentieren, wichtig ist es, die Unternehmen am Leben zu halten. 

Welche Perspektive sehen Sie für die Schuhindustrie in Vietnam? 

Eine Herstellung des Vor-Corona-Niveaus wäre für die Industrie und die Unternehmen bereits ein Erfolg. Sollte das gelingen, wären die Chancen hoffentlich die gleichen, die es vor der Krise gab. Es hat sich darüber hinaus die Strategie bewährt, nicht alle Eier in einen Korb zu legen. Unsere Firmengruppe hat mit den Werken in China und USA zumindest noch Möglichkeiten, Schadensbegrenzung zu betreiben.

Das Interview stammt aus der schuhkurier-Ausgabe 37/2021. Einen Bericht zur aktuellen Lage in Vietnam hier im ePaper.

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Helge Neumann / 16.09.2021 - 08:24 Uhr

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