Für das erste Halbjahr 2017 hat Gabor leicht rückläufige Umsätze vermeldet. Wie zufrieden sind Sie mit dem weiteren Jahresverlauf 2017?
Achim Gabor: 2017 war ein sehr anspruchsvolles Jahr. Wir haben sowohl für F/S als auch für H/W in der Erstorder ein leichtes Minus einstecken müssen, konnten aber durch ein überragendes Nachbestellgeschäft vieles wieder ausgleichen. Das Wetter in den letzten Wochen des Jahres war optimal für den Handel. Die Leute kommen bei kalter Witterung in die Stadt. Mit einem guten Endspurt 2017 kommen wir sehr nah an das gute Jahr 2016 heran. Wir kommen auf deutlich über 1 Mio. Paar Schuhe im Nachbestellgeschäft. Das zeigt, wie der Handel uns schätzt. Insofern haben wir in 2017 ein recht gutes Geschäft gemacht.
Wo lagen für Sie die größten Herausforderungen?
Ein Thema sind sicherlich die geringeren Einkaufsbudgets der Händler. Das betrifft nicht nur die stationären Händler, sondern auch Onlinehändler. Es zeigt sicherlich auch, dass die Bäume in der digitalen Welt nicht in den Himmel wachsen. Irgendwann kommt man an die Grenze der Aufnahmekapazität für eine Marke. Will man darüber hinaus gehen, muss man sich fragen: Tut das einer Marke gut? Das ist sicherlich etwas, womit wir uns immer wieder auseinandersetzen müssen. Die wirtschaftliche Situation des Handels hat uns ebenfalls umgetrieben. Das betrifft nicht nur Deutschland, sondern auch internationale Märkte, vor allem in Europa. Zu den Herausforderungen, mit denen wir umgehen müssen, gehört natürlich auch das zunehmende Nachordergeschäft. Und schließlich haben wir uns dem Thema Digitalisierung gestellt.
Was ist 2017 gut gelungen?
Das war sicherlich die Umsetzung unserer Marktplatz-Idee. Wir haben dafür einige Zeit gebraucht, aber wir wollten es richtig machen und auch einen Weg finden, um den Handel einzubinden. Auch dass wir viele Schuhe nachliefern konnten, ist sicherlich gelungen. In diesem Zusammenhang hat sich auch unser Investment in die Logistik in Mindelheim ausgezahlt.
Welche Erfahrungen haben Sie mit Ihrem Marktplatz-Konzept bislang gesammelt?
Zunächst einmal freuen wir uns über das große Interesse des Handels. Viele wollten nach dem offiziellen Start am 5. Dezember spontan mitmachen. Zwei Tage nach unserer Ankündigung mussten wir erst einmal einen Aufnahmestopp einlegen. Das Konzept ist so aufgebaut, dass der Verbraucher den Marktplatz als reinen Onlineshop ansieht. Zum Start waren zehn Filialen angebunden; überwiegend eigene Geschäfte, um möglichst umfangreich Erfahrungen sammeln zu können. Inzwischen sind auch selbstständige Händler angebunden. Natürlich gab es in der allerersten Phase einigen Sand im Getriebe. Der Teufel steckt im Detail, aber das gehört dazu.
Wie viele Gabor-Schuhe muss man als Händler führen, um am Marktplatz teilnehmen zu können?
Die Mindestmenge liegt bei 80 Artikeln. Mit einer geringeren Auswahl wird keine ausreichende Nachfrage generiert. Zumal der Händler ja auch das Verpackungsmaterial bevorraten und seine Mitarbeiter schulen muss. Was wir erreichen wollen, ist, dass unser Marktplatz das größte Gabor-Angebot im Netz zeigt. Dabei gilt die Devise ‘Händler first’. Ein Algorithmus verteilt eingehende Bestellungen nach geographischer Nähe an die Teilnehmer. In Absprache mit uns ist es möglich, der Sendung ein Schreiben mit dem Vermerk ‘Der freundliche Gabor-Händler in Ihrer Nähe’ beizulegen. Wir haben bewusst einen sanften Start vollzogen, um bis ins neue Jahr zu testen. Alle Teilnehmer werden intensiv geschult. Für alle Fragen gibt es einen Support. Ab Januar soll der neue Marktplatz dann Schritt für Schritt hochgefahren und mit der kompletten Bandbreite der Onlinewerbung sowie auch klassischer Werbung unterstützt werden. Wir gehen davon aus, dass wir über diesen Weg ein erhebliches Volumen generieren können. Dabei steht auch fest, dass unser Ansatz nie ‘fertig’ sein wird. Er wird sich ständig weiterentwickeln. Unser Benchmark ist Amazon. Wenn sich das Thema ‘Morgens Ware bestellt, abends Ware erhalten’ durchsetzt, werden auch wir uns damit beschäftigen.
Warum hat Gabor mit der Umsetzung des Marktplatzes so lange gewartet?
Das war eine ganz bewusste Entscheidung. Wir haben beobachtet, dass einige Industriekollegen bereits eigene Onlineshops gelauncht haben. Da gab es durchaus auch Gegenwind. Das wollten wir für uns nicht. Wir sind mit dem Handel groß geworden und wollen ihn bei diesem Projekt einbinden. Damit unsere Händler Umsätze generieren. Nicht zuletzt wissen wir auch aus eigener Erfahrung, wie schwer es ist, Händler zu sein. Bei vielen Händlern stützen die Onlineumsätze inzwischen das stationäre Geschäft. Es sichert also ihre Zukunft. Es gibt aber auch Unternehmen, die sich vom Online-Thema wieder verabschieden. Vielleicht muss es auch nicht für jeden ein Shop im Netz sein – womöglich reicht auch eine Präsenz im Internet.
Was erwarten Sie für 2018?
Der Strukturwandel wird weitergehen. Darauf müssen wir uns einstellen. Auch das Thema Digitalisierung wird uns weiter beschäftigen. Dazu gehört auch unser Investment in den ’Digital Cube‘, einen neuen Bürotrakt, der auf unserem Gelände in Rosenheim entsteht. Wir schaffen dort bis zum Jahr 2020 gut 20 Arbeitsplätze. Im April/Mai 2018 werden die Büros bezogen. Im Cube wird das Customer Relationship Management untergebracht, außerdem ein Callcenter und das Social Media Team sowie Werbung und Marketing. Das ist unsere Antwort auf die Veränderungen.
In Industriekreisen kursiert der Satz „Den stationären Schuhfachhandel gibt es in zehn Jahren sowieso nicht mehr.“ Sehen Sie das anders?
Ja, absolut! Ich glaube an den stationären Handel. Er spielt für uns eine wichtige Rolle – auch wenn der eine oder andere Industriekollege das möglicherweise nicht so sieht. Nur darf der Handel sich auf dem, was wir als Industrie tun, nicht ausruhen. Er muss es selber wollen, es in seinem Geschäft umsetzen und für die Verkäuferinnen verständlich machen. Ich kann mir vorstellen, dass es in Zukunft viele Händler geben wird, die ein stationäres Geschäft haben, die aber online ebenso erfolgreich unterwegs sein werden.
Das ausführliche Interview mit Achim Gabor lesen Sie in schuhkurier Ausgabe 2.