Alles ist tragbar – aber nicht alles ist relevant
Interview mit Hosenexpertin Brigitte Schellenberger
- 23.06.2025
- Petra Steinke
- 1 Minute
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Interview mit Hosenexpertin Brigitte Schellenberger
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Headerfoto: Brigitte Schellenberger, Schera (Foto: Schera)
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Frau Schellenberger, die Orderrunde ist gestartet. Was sind die wichtigsten Trendthemen in der neuen Raffaello-Rossi-Kollektion für F/S 2026?
Brigitte Schellenberger: Die Wideleg-Formen sind weiterhin wichtig. Was bei uns darüber hinaus stark an Bedeutung zugenommen hat, ist das Thema Denim. Wir haben das schon beim Reinverkauf gemerkt: Obwohl wir in diesem Bereich viele Mitbewerber haben, konnten wir unseren Umsatz dort verdoppeln. Auch hier sprechen wir von Wideleg, von Bundfalten und Varianten mit aufgesetzten Taschen. Und das sowohl in Blue Denim als auch in Coloured Denim.
Gerade bei Denim stellt sich oft die Frage der Passform. Nicht jeder Schnitt passt zu jeder Körperform, besonders bei schlanken Schnitten. Wideleg-Hosen sind demokratischer und wandelbarer. Ist das ihr großer Vorteil?
Ja. Neben der Wideleg hat sich auch die O-Shape Silhouette sehr gut installiert. Das Thema kam zunächst ein wenig schleichend. Ich kann es mir nur so erklären, dass viele Frauen für den Shift von den Skinny-Schnitten in Richtung Wideleg, Bundfalte und zuletzt sogar O-Shape einfach Zeit gebraucht haben. Jetzt wurde das Thema dankend angenommen. Es ist für uns ein echtes Aufsteiger-Thema und perfekt für die Kundin, die vielleicht ein bisschen Oberschenkel hat oder einfach den lässigen Look mag, der oben weiter und unten etwas schmaler ist.
Naturtöne, harmonisch kombiniert, und fließende Stoffe für den Sommer 2026. Look von Raffaello Rossi (Foto: Schera)
Was tut sich bei den Materialien?
Wir haben sehr viele fließende Materialien im Einsatz, mehr als sonst. Im Polyester-Bereich gibt es schöne, feinfädige Materialien, auch in unterschiedlichsten Gewichtsklassen und gern mit Struktur. Daneben stehen Leinen und Baumwolle im Fokus. Bei schlankeren Silhouetten war bislang der Stretch-Anteil extrem wichtig für die Passform – am liebsten musste es High-Stretch sein. Das ist nun ein bisschen anders geworden.
Blicken wir auf die Farben: Werden Naturtöne die Mode dominieren?
Die Farbwelt wird auf jeden Fall zarter. Es mischen sich Pastelle, also Rosétöne, Vanille, Gelbtöne und Salbei oder auch mal ein pudriges Hellblau mit Naturtönen von Khaki bis Mocha Mousse, und es werden auch dunklere Schokotöne gespielt. Kombiniert wird mit Wollweiß und Sand.
Werden wir farblich also eine eher ruhige Saison erleben?
Als wir uns zu Beginn der Kollektionsentwicklung die propagierten Farbwelten angeschaut haben, dachten wir: Das ist alles ein bisschen zurückhaltend. Wir haben es aber geschafft, auch über sehr schöne Prints, die wir pro Liefertermin einsteuern, das Thema spannend abzurunden. Es ist wichtig, dass man auf der einen Seite mit den Naturtönen spielt, auch mal mit
monochromen Looks, aber auf der anderen Seite muss es auch Farbe geben. Sonst wird es zu langweilig. Es muss neben den vielen Natur- und Brauntönen einfach noch etwas passieren. Wir sehen also eine Beruhigung im Vergleich zu anderen
Saisons, in denen die Mode megabunt war. Durch die neuen Silhouetten haben wir aber dennoch eine gewisse Innovation. Und über die Oberteile sind viele neue Optiken möglich. Man kann bei Blusen mit Ärmellösungen spielen – und schon ist
ein neuer Look entstanden. Und auch mit Schuhen kann man Impulse setzen, zum Beispiel durch Flats in verschiedenen Varianten. Man muss nicht mehr zwingend den High Heel zur weiten Hose tragen. Ebenso wenig muss es aber immer der Sneaker sein.
Gibt es ein Motto in Ihrer Kollektion?
Wir orientieren uns an vier Lieferterminen innerhalb der Saison, mit denen wir den Ready-to-wear-Gedanken stärken wollen. Beim ersten Termin im Dezember ist das Farbbild noch etwas ruhiger. Das Motto heißt hier Pure like a line. Wir sehen klassische Marine Streifen und Denim, viel Dunkelblau und Naturtöne. Das nächste Thema heißt Sierra Mocha und greift auch die neuen Brauntöne auf. Es kommt im Januar und zeigt auch Prints, die eine gewisse Lebendigkeit mitbringen. Das nächste Thema im Februar heißt Finca Verde. Dann sehen wir Grün- und Khaki-Töne, auch mal Gelb oder einen Orange-Ton. Und schließlich folgt das Thema Calm Pool Time. Da kommt dann die Welt der Pastelle neu ins Spiel und wir arbeiten mit sommerlichen Materialien. Generell ist es F/S 2026 eine Saison der klaren Linien, bei der Naturtöne und
sanfte Farben gemixt werden.
Woher kommen die Inspirationen für Ihre Kollektionen?
Wir arbeiten mit verschiedenen Trendinformationen, etwa vom DMI oder von WGSN. Es muss immer geschaut werden, welche der Farbwelten zu den Hosen passen, denn das ist schon etwas anderes als bei Oberteilen oder Strick. Hinzu kommt für uns der Blick auf Influencer und Instagram. Da sehen wir schon innerhalb der Saison Entwicklungen. So haben wir früh gemerkt, dass das Thema O-Shape sehr gut angenommen wird. Daraufhin konnten wir noch einiges nachproduzieren lassen. Auch bei den Farben konnten wir Trends sehen, etwa in Richtung Brauntöne. Diese wurden sehr schnell von den Verbrauchern angenommen. Ein anderes Beispiel sind die Leoprints. Die waren in den Trendinformationen ursprünglich nicht so stark bewertet worden, wurden aber von Influencern extrem stark gespielt. Beides – die übergreifenden Trendinformationen und die sozialen Medien – fließt in unsere Kollektionsentwicklung ein.
Das Thema Influencer zwingt Hersteller, schnell zu
reagieren.
Ja, das stimmt. Man muss wirklich auf Zack sein, um keinen Trend zu verpassen. Und man hat nicht den gewohnten Vorlauf. Wir sind in der Produktion sehr flexibel und können einiges bewegen. Etwa 30% unserer Entwicklungen steuern wir inner- halb der Saison nach. Aber wir sind auch auf die Flexibilität unserer Stofflieferanten angewiesen, um schnell auf Trends reagieren zu können. Das ist manchmal eineHerausforderung.
Das Thema Social Media wirkt sich auch in anderer Hinsicht aus: Zunehmend ist zu beobachten, dass Trends verschwimmen und alles in gewisser Weise modern bzw. tragbar ist. Es gibt verschiedene Communitys, die sich sehr unterschiedlich kleiden. Wird es irgendwann gar keine Trends mehr geben?
Hier hat sich tatsächlich etwas geändert. Trends werden immer stärker in Communitys und Social Media Kanälen gemacht. Wir sehen aber auch Stilgruppen. Es gibt Frauen, die – unabhängig von ihrem Alter – immer klassisch unterwegs sind. Und es gibt die Fashion Forward-Kundinnen, die sich auch mit 50 oder mit 60 Jahren auf Instagram informieren. Sicherlich gibt es nicht mehr den einen Trend, dem alle folgen. Insofern muss man sich seine Kundin genau anschauen: Wo ist sie unterwegs und wie? Deswegen ist für uns auch unser eigener Kanal wichtig, wo wir uns unserer Zielgruppe zeigen können. Wir haben nicht die Kundin eines bestimmten Alters im Kopf, sondern eine Kundin mit bestimmten Ansprüchen und einem bestimmten Stil. Und diese Kundin kennen wir sehr gut. Wir sind intensiv im Handel unterwegs und befassen uns mit dem Abverkauf. Wir organisieren Schulungen und gehen in den Dialog mit unseren Partnern im Handel. Daraus ziehen wir viele Informationen.
Arbeiten Sie mit KI?
Wir arbeiten mit KI, aktuell vorrangig im Marketing, wenn es also um Textbeschreibungen geht. Und wir schauen, wo KI innerhalb unserer Prozesse eingesetzt werden kann. Da kommt einiges auf uns zu. Nicht nur auf unsere Branche, sondern auf die ganze Welt. Man muss dabei sein. Man muss sich aber auch mit Sicherheitsaspekten befassen, die durch KI noch relevanter werden. Es gibt aber viele Möglichkeiten, mit KI zu arbeiten. Wir werden künftig sicherlich auch Entwicklungen im Handel mithilfe von KI analysieren, um schnell darauf zu reagieren. Renner und Penner kann man jederzeit ermitteln. Die relevante Frage ist das Warum. Da kann uns KI vielleicht unterstützen.
Wie viel Neues wird in jeder Saison entwickelt – und wie viel Bewährtes weitergeführt?
Etwa 30% einer Kollektion von Raffaello Rossi sind bewährte Styles, die aber oft über aktuelle Farbkarten angepasst werden. Weitere 20% sind bekannte Modelle, die in neuen Stoffen umgesetzt werden. Alles Weitere sind Neu- oder Weiterentwicklungen. Nehmen wir ein sehr erfolgreiches Produkt wie unsere Joggpants Candy. Sie ist immer noch sehr präsent, wird aber inzwischen eher im Freizeitbereich getragen. Wir haben daneben eine abgespeckte Variante und mit geradem Bein entwickelt. Es wurden nur die Hosenbeine verändert, Bund und Body aber beibehalten. Es ist also eine neue Variante, ohne dass der komplette Schnitt verändert wurde.
Die Kauflust schwächelt. Glauben Sie, dass es hier zu einem Umschwung kommen wird?
Wir werden nicht dahin zurückkehren, wo wir waren. Es gibt nicht mehr den Riesenbedarf. Als Anbieter musst Du daher auf das Thema Begehrlichkeit gehen. Dafür ist es wichtig, eine Marke zu haben. Nur über Begehrlichkeit bekommt der Kunde einen Kaufanreiz. Und auch der Handel muss einen Mehrwert bieten: Einfach nur Ware ins Regal geben, das funktioniert nicht. Zu unseren Kunden zählen viele kleine Geschäfte, die während Corona weniger Probleme mit Frequenzen hatten als größere Händler. Das sind Unternehmerinnen und Unternehmer, die täglich in ihrem Laden stehen und für die Kunden
da sind. Man muss viel mehr tun, um das Produkt an die Frau zu kriegen. Wenn die Kundin keine Ansprache wahrnimmt oder ein Laden zu anonym ist, dann passiert nichts. Hinzu kommt: Man muss auch wieder Geld verdienen können. Der
Händler muss so lang wie möglich kalkulierte Preise durchsetzen können und darf nicht beim ersten Sonnenstrahl Mid-Season-Sales starten. Sonst wird der Verbraucher dahin erzogen,dass die Ware nichts mehr wert ist.
Im Schuhbereich wird die Profitabilität des Handels intensiv diskutiert. Ist der Druck im Hinblick auf die Kalkulation auch in der Modeindustrie ausgeprägt?
Grundsätzlich gibt es das Problem, ja. Die Gefahr ist aber, wenn man nur noch an die Kalkulation denkt, dass das Produkt irgendwann schlechter wird. Da haben wir keine Lust drauf. Wir haben einen guten Ruf, was unsere Wareneinsätze und Passformen angeht. Da können wir nicht viele Kompromisse machen. Das sagen wir unseren Händlern auch: Wir können nicht gewisse Eckpreislagen halten und dann eine 3,5er Kalkulation bieten. Das würde nur funktionieren, wenn der Stoff 2 Euro kostet statt 10. Wir leisten uns eine relativ teure Produktion durch passive Lohnveredelung. Solange wir es als Marke schaffen, unseren Kundinnen den Mehrwert unserer
Produkte zu vermitteln, wollen wir diesen Weg weiter gehen. Wenn man bei der Qualität Zugeständnisse macht, spürt das die Kundin sofort. Eine Hose ist ein intimes Produkt. Wenn man das Vertrauen der Kundinnen enttäuscht, ist die Abwärtsspirale in Gang.
In Zeiten der Konsumzurückhaltung müssen Sie versuchen, Preislagen zu halten. Wie machen Sie das?
Für unsere Marke Raffaello Rossi liegt die Grenze bei 200 Euro. Wir haben mit Seductive und Rossi zwei Marken, die darüber angesiedelt sind – allerdings mit 3,0er-Kalkulation. Da muss der Handel in der Lage sein, solche Produkte zu verkaufen. Bei Raffaello Rossi müssen wir in jeder Saison schauen, wie wir die Preislagen in unserem Konstrukt halten können – das geht beispielsweise durch Justierung bei den Produktionsstätten. Es muss aber zu unserem Konzept der passiven Lohnveredelung passen, und es darf keine Abstriche bei der Qualität geben.
Wie bereiten Sie sich auf die zunehmenden Anforderungen im Bereich Nachhaltigkeit und Kreislaufwirtschaft vor?
Wir befassen uns traditionell mit diesen Themen, schon aus Eigeninteresse. Wir sehen, dass Kreislaufwirtschaft im Marketingbereich aktuell nicht mehr so relevant ist. Aber wir halten an unseren Projekten fest. Das umfasst Oekotex, BCI oder das Thema Made in Green sowie weitere Zertifikate, die unserer Meinung nach Sinn ergeben. Wo es möglich ist, setzen wir recycelte Artikel ein. Das funktioniert beispielsweise im Bereich Polyester sehr gut. Es ist eine grundsätzliche Entscheidung für unser Unternehmen: Wir wollen so gut wie möglich mit unserer Umwelt umgehen. Jeder, der etwas produziert, verbraucht Ressourcen. Auch darum wollen wir Produkte herstellen, die möglichst langlebig sind. Manche unserer Kundinnen tragen ihre Lieblingshose fünf Jahre und länger. Auch im Secondhand-Handel findet man viele unserer Produkte. Das hat auch etwas mit Nachhaltigkeit zu tun. Und wir sind ein Familienunternehmen, das sich seiner Verantwortung bewusst ist. Wir glauben, das macht einen Unterschied.
Die Schera GmbH (Raffaello Rossi, Seductive, Rossi) mit Sitz in Großwallstadt wurde 1991 von Ralf und Brigitte Schellenberger gegründet und beschäftigt heute ca. 130 Mitarbeitende. Der Textilhersteller wird inzwischen von der zweiten Generation der Inhaberfamilie geführt. Brigitte Schellenberger und ihr Ehemann sind weiterhin beratend tätig. Am Stammsitz, der vor acht Jahren neu gebaut wurde, arbeitet das Unternehmen laut eigenen Angaben nahezu klimaneutral und engagiert sich im Bereich Umweltschutz und für Frauen und Bildung.