Auftakt mit vielen Fragezeichen
Mode und Stimmung in Riva
- 16.01.2025
- Petra Steinke
- 6 Minuten
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Mode und Stimmung in Riva
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Headerfoto: Aussicht in Riva (Foto: Redaktion)
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Um die Farben der Herbst-/Winter-Saison 2025/26 auf einen Blick zu erleben, hilft bei der Anreise zur Expo Riva Schuh ein Blick aus dem Autofenster: Naturtöne, die ins Gräuliche übergehen, Braun in vielen Schattierungen und dunkles Grün – das sind die Farben der winterlichen Berge um den Gardasee. Und auch die der neuen Schuhkollektionen. Dazu später mehr.
Die Expo Riva Schuh versammelte vom 11. bis zum 14. Januar Lieferanten und Händler, um die Saison H/W 2025/26 abzustecken. Dabei sind die Rahmenbedingungen eher ungünstig. Die allgemeine Kaufzurückhaltung drückt die Stimmung schon seit einigen Saisons. Hinzu kommt: Die letzte H/W-Saison ist für den Schuhhandel nicht optimal verlaufen. Hatte es im Vorjahr schon im Dezember einen kräftigen Wintereinbruch gegeben, blieb dieser jetzt aus. So startet der Handel mit Abverkaufsquoten von 50 bis 55% und maximal einem kleinen Plus in die neue Orderrunde.
„Es ist immer wieder verwunderlich, dass aus bestimmten Regionen Kunden zur Messe kommen und jammern, statt sich mit der Ware zu beschäftigen und sich zum Saisonauftakt einen guten Überblick über das Angebot zu verschaffen.“
Jens Beining|Wortmann
Am Gardasee wurde um den richtigen Umgang mit dieser problematischen Situation gerungen: Lieber mit sicheren Sortimenten antreten oder modische Akzente setzen, um die Konsumentinnen und Konsumenten zu locken? „Es ist sicher nicht die Zeit, in der Händler bereit sind, zu experimentieren“, fasste Klaus Pommerening, bei der ANWR Group für den Einkauf der Eigenmarken verantwortlich, die Situation zusammen und fügte hinzu: „Das sollten sie aber.“ Zwar sollte man insgesamt vorsichtig an die Order gehen, „aber ein bisschen was muss der Handel schon zeigen.“
Damit das gelingt, will Peter Kaiser in seiner zweiten Saison unter dem Dach von Caprice modische Impulse anbieten: Wir haben in der ersten Saison viele Basics präsentiert. Für H/W 2025/26 haben wir die Kollektion Peter Kaiser-typisch weiterentwickelt und dabei Modegrad und Sportivität erhöht“, erklärte Stefan Frank, der den Start der Marke bei Caprice begleitet. So würden Sneaker im selben Material wie elegantere Styles als Gruppe angeboten. Auch bei mittleren Sprengungen habe man daran gearbeitet, spannende Absatzformen umzusetzen. Und um dem Handel in der aktuellen Lage weitmöglich entgegenzukommen, biete man eine Handelsspanne von 2,7 auf die gesamte Kollektion an. Die Gratwanderung, mit der die Unternehmen im Handel derzeit unterwegs sind, brachte Simon Stechel, Einkäufer beim Wuppertaler Filialisten Klauser, auf den Punkt: Er nutze die Expo Riva Schuh, um sich einen Überblick zu verschaffen und „auch zu schauen, was wir nicht kaufen werden“. Es sei wichtig, nicht nur in der eigenen Bubble unterwegs zu sein, sondern sich auch darüber hinaus zu informieren.
„Ich wünsche mir, dass mehr auf die Möglichkeiten als auf die Herausforderungen geschaut wird.“
Jürgen Friedl|Imac
Mutig sein, wenn die Zeiten schlecht sind, und sich informieren – das rät Jens Beining, CEO der Wortmann-Gruppe: „Es gibt große Verunsicherung im Handel dahingehend, wie das richtige Sortiment aussieht. Daher ist es immer wieder verwunderlich, dass aus bestimmten Regionen Kunden zur Messe kommen und jammern, statt sich mit der Ware zu beschäftigen und sich zum Saisonauftakt einen guten Überblick über das Angebot zu verschaffen. Nur mit Bestsellern von ’gestern‘ ist das Rennen nicht zu schaffen und sind (neue) Kunden nicht für das eigene Geschäft zu begeistern.“ Es sei spürbar, dass die Preis-Sensibilität der Kunden speziell in Deutschland gestiegen sei, so Beining weiter. Einfach die Preise der Schuhe erhöhen, wie es aktuell oft vom Handel gefordert wird, könnte den Bogen also überspannen. Das sieht auch Karsten Bolle, Head of Sales DACH bei Caprice, so: „Alle wünschen sich höhere Preislagen. Das ist auch theoretisch richtig, aber die Endverbraucher nehmen dies nur bedingt an.“ Bei Caprice habe man daher bei den Halbschuhen darauf geachtet, dass die Styles, auch Varianten aus Hirschleder, unter 100 Euro bleiben – trotz Funktionen wie H-Weite, herausnehmbarem und waschbarem Fußbett oder Komfort-Features wie Memory-Sohlen, Reißverschluss und Elastik-Einsätzen. Ungeachtet dessen stellt Bolle fest: „Früher hat man eher über die Paarzahl gesprochen, heute spricht man über den Preis.“ Das tun aber offenbar nicht alle, denn trotz allgemein herausfordernder Lage scheint die Situation im Handel unterschiedlich. Ein Aussteller der Messe fasste die Lage so zusammen: „Die größeren, gut sortierten Händler sind eigentlich mit der Situation zufrieden. Es sind eher die mittleren und kleinen Unternehmen, die über Themen wie Konditionen und Konsignation sprechen wollen.“
„Fell wird bei den Damenschuhen ein wichtiges Thema sein. Auch auf Langschaftstiefel werden wir verstärkt setzen. Bei den Herren stehen kernige Boots im Fokus sowie Sneaker zum Hineinschlüpfen. Wichtig ist Funktion.“
Cordelia Fiebach & Luisa Ewert|Schuhhaus Klauser
„Im Hinblick auf Retro-Sneaker glauben wir, dass sich die Silhouette verändern muss. Eine Rolle könnten Nullsohlen spielen.“
Pia Kolb & Maria Gandara|Schuhhaus Fritz Frank, Bretzenheim
Laura, Annabell, Nathalie und Christian Penciulescu, P+P, Heinsdorfergrund (Foto: Redaktion)
Zu den produktverliebten und motivierten Händlern zählen sich zweifellos die drei Schwestern Nathalie, Annabell und Laura Penciulescu (P+P, Heinsdorfergrund): „Wir sind immer positiv. Das Produkt ist uns extrem wichtig. Wir probieren jeden Schuh an.“ Der Wunsch des Handels nach Marge resultiert aus steigenden Kosten, nicht zuletzt für Personal und Energie. Mit diesen hat aber auch die Industrie zu kämpfen; das klang in Riva mehrfach an. Und es kommen weitere Herausforderungen hinzu: So haben die Reedereien die Preise für Container angesichts der anhaltenden Bedrohung auf dem Roten Meer offenbar wieder erhöht. Längere Transportrouten um das Kap der Guten Hoffnung erhöhen den Druck auf die Industrie zusätzlich.
„Wir müssen einen Grat finden zwischen modischen und topmodischen Styles.“
Marc, Gerswind und Joachim Majowski|
Josef Renner und Johann Furthmayr, Richter (Foto: Redaktion)
Zu den Unternehmen, die ihre Kollektionen am Gardasee zeigten, gehörte der österreichische Kinderschuhhersteller Richter. Für H/W 25/26 hat das Unternehmen eine Zusammenarbeit mit Sympatex gestartet, um einige Styles aufzuwerten. Das werde vom Handel sehr gut angenommen, erklärte Geschäftsführer Josef Renner und fügte hinzu: „Wir bekommen das Feedback, dass unsere Kollektion im Hinblick auf Materialien und Preise passt. Das Kinderschuhsegment hat sich wieder stabilisiert. Die Händler wollen, dass es uns gibt.“ Einen Neustart gab es am Gardasee für Sven Walter (2Go-Shoes) mit der Lizenzmarke Lerros. Für das Herrenbrand entwickelt 2Go-Shoes ab H/W 2024/25 Schuhkollektionen für Damen und Herren. Neben den ersten Styles der neuen Lizenzmarke zeigte Walter am Gardasee auch Modelle der Eigenmarke 2Go-Fashion. „Wir freuen uns darauf, mit Lerros zu starten. Gemeinsam mit unserer Eigenmarke werden wir unsere Zwei-Marken-Strategie fortsetzen“, ist Walter überzeugt.
„Leo ist in unserer Region ein wichtiges Thema. Stärker als Bordeaux läuft bei uns Knallrot.“
Laura, Annabell, Nathalie und Christian Penciulescu| P+P, Heinsdorfergrund
Im Hotel Du Lac präsentierte Carsten Richter die neue Geox-Kollektion, laut seiner Ankündigung „die beste Kollektion ever“. Zum Angebot gehören neben Kinderschuhen mit spannenden Features und Lizenzthemen wie Superman, Lilo & Stitch sowie Harry Potter Damen- und Herrenschuhe mit Fokus auf Funktion und eine modische Optik. So baut Geox sein Easy-In-Konzept mit verstärkter Fersenkappe für den einfachen Einstieg aus; zugleich sollen die Silhouetten durch eine zeitgemäße Optik und modische Akzente überzeugen. „Wir kommen mit Geschwindigkeit zurück in den Markt“, erklärte Richter während der Messe, „wir haben im Hinblick auf Produktleistung, Value for Money, Modegrad und Funktion viel erreicht.“
Der Hersteller Relife war mit einem neuen Stand auf der Expo Riva Schuh vertreten. Laut Timo Schmermund (Head of Sales DACH) wird die neue Kollektion gut angenommen, vor allem auch warm gefütterte Ware, „obwohl der Winter bislang weitestgehend ausgeblieben ist“, sowie Langschaftstiefel. Jürgen Friedl, der im Hotel Liberty die Kollektion von Imac präsentierte, zeigte sich mit dem Zuspruch auf das umfangreiche Angebot des Unternehmens – zu sehen war eine große Kollektion für verschiedene internationale Märkte – zufrieden. Die Stimmung, indes, so der Branchenkenner, könnte besonders in Deutschland besser sein: „Ich wünsche mir, dass mehr auf die Möglichkeiten als auf die Herausforderungen geschaut wird.“
„Ich glaube, dass der Langschaftstiefel stärker wird. Aber ich rate dennoch dazu, das Thema nicht überzubewerten.“
Matthias Rodemeier|Tamaris
Die kommende Wintersaison wird in der Damenschuhmode durch eine Rückkehr der cosy looks geprägt. Das zeigt sich in der DOB mit fließenden Silhouetten und viel Strick. Dazu passend dürften Ugg- und Inuikii-Styles an den Füßen eine Rolle spielen, und auch darüber hinaus sind Fake Fur-Varianten als flauschiges Deko-Element an vielen Schuhen zu sehen, seien es Booties oder Sneaker – oder sogar Fußbettpantoletten, die dann mit groben Stricksocken getragen werden. Die Böden werden insgesamt etwas kräftiger und profilierter; deutlich sichtbar etwa bei Schnürboots und sportiven Loafern.
Nach wie vor ist viel Leo in den Kollektionen zu sehen. Dies wird allerdings unterschiedlich bewertet. Schon in der F/S-Saison 2025 wird das Muster omnipräsent sein. Ob es im Winter noch zieht, darin herrscht Uneinigkeit. „Das Leo-Thema ist nicht weg, hat seinen Höhepunkt jedoch überschritten. Snake und Kroko werden als Alternativen schon sehr gut gegriffen“, sagte Matthias Rodemeier, Head of Customer Offer & Inventory Management bei Tamaris. Je nach Standort ist das Leoparden-Fleckenmuster aber weiterhin relevant; davon sind Annabell, Laura und Nathalie Penciulescu überzeugt: „Leo ist in unserer Region ein wichtiges Thema.“
„Wir freuen uns darauf, mit Lerros zu starten. Gemeinsam mit unserer Eigenmarke 2Go-Shoes werden wir unsere Zwei-Marken-Strategie fortsetzen.“
Sven Walter|2Go-Shoes
Dem Langschaftstiefel wird eine starke Rolle zugesprochen – sowohl als klassische „Reiter“ Variante, als auch als rustikalerer Style mit Profilboden. „Langschaftstiefel sind bei uns sehr wichtig, vor allem die Varianten in Lederstretch. Zu den Highlights bei den Langschaftstiefeln gehört ein dunkelbrauner Stretch-Stiefel“, sagte Stefan Frank. Der Handel nimmt das Thema Langschaftstiefel positiv auf: „Röcke werden wichtiger, auch in verschiedenen Längen. Dadurch nehmen Boots und Langschaftstiefel an Bedeutung zu“, erklärte Pia Kolb, Schuhhaus Fritz Frank, Bretzenheim.
„Die Händler wollen, dass es uns gibt.“
Josef Renner und Johann Furthmayr|Richter
Matthias Rodemeier bestätigte: „Ich glaube, dass der Langschaftstiefel stärker wird. Aber ich rate dennoch dazu, das Thema nicht überzubewerten.“ Gerswind Majowski (Majo Schuhe, Kelkheim) fasste die Situation rund um Boots und Stiefel so zusammen: „Langschaftstiefel liefen bei uns gut. Hier werden wir Ergänzungen vornehmen. Biker-Boots und Modelle mit zu großen Nieten und Schnallen waren bei uns nicht erfolgreich. Wir werden Ugg-Boots ordern, aber konzentriert und von den richtigen Lieferanten. Wir müssen einen Grat finden zwischen modischen und topmodischen Styles.“
Bei dieser Frage gehen die Meinungen auseinander. Sie dreht sich um den potenziellen Nachfolger für den Retro-Sneaker. Deutlich wurde am Gardasee: Die schlanken Sportschuhe mit der Schalensohle spielen weiterhin eine wichtige Rolle in den Kollektionen, bei Damen- ebenso wie bei den Herrenschuhen. Spätestens 2026 aber dürfte sich das Thema erledigt haben. Einige Akteure erwarten kräftigere Böden als Nachfolger-Varianten. Einer von ihnen ist Matthias Rodemeier: „Der Retro-Sneaker ist gekommen, um zu bleiben. Ab 2026 werden wir aber auch neue Styles sehen. Wir gehen davon aus, dass dann verstärkt neue Böden zu sehen sein werden. Bei Tamaris sind das unter anderem wintertaugliche und Plateau Varianten.“
Andere sehen aber auch schlanke Formen und dünne Sohlen à la Speedcat, dem Puma Trendmodell aus dem Jahr 1999: „Im Hinblick auf Retro-Sneaker glauben wir, dass sich die Silhouette verändern muss. Eine Rolle könnten Nullsohlen spielen“, sagte Pia Kolb. Auf der Expo Riva Schuh waren in einigen Kollektionen erste verschlankte Sneaker auf Minimalsohlen zu finden. Ralf Grossmann (Gerli) urteilte in der Diskussion salomonisch:„Wie auch immer das Rennen ausgeht: Bequemlichkeit schlägt alles.“ Bei den Herren zeichnen sich auf der Expo Riva Schuh vor allem zwei wichtige Trendthemen ab: Boots, gern auch kernig, und Sneaker – auch in Hybridvarianten. Bei den sportlichen Styles stehen einerseits die Retro-Varianten hoch im Kurs. Wichtig sind aber auch Varianten mit Performance-Sohle und Komfort-Features wie einer verstärkten Fersenkappe, so dass man einfach in den Schuh hineinschlüpfen kann.
„Alle wünschen sich höhere Preislagen. Das ist auch theoretisch richtig, aber die Endverbraucher nehmen dies nur bedingt an.“
Karsten Bolle|Caprice
Zurück zu den Bergen des Trentino: Beige, Taupe und Braunnuancen von Cognac bis Mokka dominieren in den Schuhkollektionen – sowohl für Damen, als auch für Herren. Oliv spielt vor allem im sportlichen Bereich eine Rolle. Als eleganter Akzent dient im Damensegment Rot von Bordeaux bis hin zu leuchtendem Karmin. Und unverzichtbar sind erwartungsgemäß mit einem Anteil von mindestens 60% die Klassiker Schwarz, Nero und Black.