Sind Barfußschuhe der Versuch, darauf Antworten zu finden?
Es ist sicherlich so, dass die Schuh- bzw. Therapiebranche versucht, Antworten für Fußprobleme zu finden. Wir haben diese Antworten aber schon: Bewegung und Training! Der Mensch ist von Haus aus faul und Veränderungen fallen uns schwer, weil sie anstrengend sind. Und Training ist anstrengend. Ich kann aber nur jede und jeden ermutigen, den Schweinehund zu überwinden – es lohnt sich. Wirklich! Wenn die Schuhhersteller starten würden, die Zehenboxen zu vergrößern, wäre das ein erster sehr guter Schritt. Durch die breite Zehenbox hat der Fuß die Möglichkeit, den Untergrund wahrzunehmen – Stichwort Propriozeption. Das wird von den Barfußschuhherstellern mitgedacht, und das finde ich super. Barfußschuhe sind aber kein Allheilmittel. Sie brauchen trainierte Füße. Man kann nicht nach 20 Jahren konventionellen Schuhwerks einfach auf Barfußschuhe umsteigen und diese dann acht Stunden am Tag tragen. Es braucht einen sanften Übergang und Training für den Fuß. Wir gehen ja auch nicht ins Fitnessstudio und schnappen uns als erstes die 100-Kilo-Hantel.
Der Handel hat Barfußschuhe für sich entdeckt. Das ist auch eine Chance, sich durch Beratung hervorzutun…
Ich finde es super, dass Barfußschuhe im klassischen Schuhhandel geführt werden und nicht allein online. Es ist sehr wichtig, dass Menschen einen Eindruck bekommen und die Schuhe ausprobieren können. Und es braucht vernünftige Aufklärung.
Wie bewerten Sie die konventionellen Schuhe, mit denen Sie im Schuhhandel ja auch zu tun haben?
Ich teste Schuhe auch selbst und habe festgestellt, dass viele konventionelle Schuhhersteller den Mittelfußbereich fixieren, wohingegen der Vorfußbereich maximal mobil und abrollfreudig gestaltet wird. Dies hat die Auswirkung, dass die gesamte Last auf dem Großzehengrundgelenk bzw. den gesamten Zehen landet. Dies hat nichts mit einem guten Abrollverhalten zu tun, im Gegenteil, das tut dem Fuß weh. Da würde ich sagen, dass die Schuhersteller nochmal schauen sollten, wie sie den Mittelfußbereich beweglicher lösen können und wie Übergänge softer gestaltet werden. Ein gutes Beispiel sind Sohlen aus dem Sportbereich. Es geht am Ende darum, welcher Schuh für den Fuß des Kunden der richtige ist. Es geht nicht um eine Marke. Die Maße des Fußes sollten zu den Maßen des Schuhs passen. Damit der Fuß seinen Schuh findet, wünsche ich mir von den Herstellern, dass sie ihre Schuhgrößen – Länge und Breite – auch in Zentimetern angeben. Das ist so wichtig, besonders für Barfußschuhe. Die meisten Menschen haben ein falsches Bild davon, was breit und schmal eigentlich bedeutet.
Wenn Sie im Schuhhandel Kundinnen und Kunden im Hinblick auf Barfußschuhe beraten, kann das Ergebnis dann auch ein konventioneller Schuh sein?
Ja! Wenn jemand ein massives Fußproblem hat, dann frage ich erstmal nach dem Schmerzlevel. Meistens kommt dann raus, dass alles wehtut, der Mensch viele Beschwerden hat und ich sozusagen die letzte Rettung bin. Manchmal brauchen wir dann einen Orthopädieschuhtechniker, der kurzfristig Erleichterung schaffen kann, etwa durch eine Weichbettung. Drauf können wir dann aufbauen. Bei Schmerzen ist Bewegung die beste Medizin. Aber diese muss auch erstmal möglich gemacht werden. Darum kann es sein, dass man bei einem konventionellen Schuh oder einem Laufschuh landet. Der ist dann einen Monat lang die Therapie, gekoppelt mit einer Fußübung. Und dann schauen wir weiter. Wir nehmen unsere Umgebung durch unsere Augen wahr,
aber alles, was sensorisch in den Körper kommt, passiert über unsere Füße. Wir müssen lernen, unsere Füße zu schätzen wie unsere Augen. Wichtig ist, dass der Alltag oder das Berufsleben in einem funktionellen Schuh bestritten werden, der gut passt. Auf Partys und anderen Events darf es dann auch mal ein anderer Schuh sein. Ich würde übrigens auch im Gesundheitsbereich niemanden empfehlen, den ganzen Tag auf harten Praxis- oder Klinik-Untergründen in Barfußschuhen herumzulaufen. Aber auch nicht in Crocs oder Birkenstocks. Diese Schuhe sind zwar kurzfristig alle ok, aber wer jeden Tag viele Stunden auf harten Böden laufen muss, braucht etwas anderes. Wichtig für einen solchen Alltag ist, dass die Ferse Halt hat. Man braucht einen Heel Counter und eine gute Schnürung, die das Fersenbein in den Schuh zieht.