schuhkurier: Was reizt Sie an Wettbewerben wie dem Iditarod Trail, der einen Menschen so an seine Grenzen bringt?
Sunny Stroeer: Ich bin da eigentlich reingerutscht. Ich bin in meiner Jugend gelaufen, aber war nie auf der Schiene, die extremsten Herausforderungen zu suchen. Das kam zufällig. Ich wurde auf einen Ultramarathon eingeladen, den es in drei Varianten mit 25, 50 und 100 Kilometer Länge gibt. Und weil ich ein Mensch bin, der immer mathematisch denkt, habe ich mir die Strecken und Zeitlimits angeschaut und dachte mir: Für die 100 Kilometer habe ich pro Kilometer die meiste Zeit. Deswegen habe ich mich dafür entschieden. Natürlich war das unfassbar anstrengend, aber auch ein unfassbar schönes Gefühl, das ich seitdem immer wieder gesucht habe.
Motiviert Sie dabei mehr das Gefühl während der Situation oder der Moment, wenn Sie es geschafft haben?
Ich würde sagen, dass mich vor allem das Gefühl währenddessen reizt. Aber es ist auch Teil der Erfahrung, wenn man in die Flip-Flops gewechselt ist und die Füße immer noch brennen.
Sie haben beschrieben, dass Sie den Iditarod Trail eine Stunde vor Ablauf der Zeitvorgabe abgeschlossen haben. Sind Ihnen solche Wettbewerbe wichtig? Es schmälert diese spektakuläre Leistung in der Natur schließlich nicht, wenn Sie 31 Tage dafür brauchen.
Ich hätte mich genauso gefreut, hätte ich den Trail in 31 Tagen abgeschlossen. Mir geht es vor allem um die Herausforderung in der Natur. Aber gerade, weil es in über 20 Jahren noch niemand geschafft hat, diese Strecke als Teil des Wettbewerbs auf Skiern zu meistern, bin ich trotzdem froh darüber. Die Wettbewerbe haben eine Außenwirkung und erzählen Geschichten.
Sie haben Ihre Leistung in Verbindung mit dem Unmöglichkeitseffekt gebracht: Sobald eine Person eine bis dahin als unmöglich geltende Herausforderung meistert, schaffen es relativ schnell auch viele andere Menschen. Wussten Sie, dass diese Herausforderung bereits gemeistert wurde?
Die Reihenfolge ist eigentlich die spannende Geschichte. Angemeldet hatten sich in dem Jahr elf Leute für die 1.600 Kilometer auf Skiern; sieben sind tatsächlich gestartet, sechs Männer und ich. Am Ende haben es fünf von uns ins Ziel geschafft – und die Männer sind vor mir angekommen, das stimmt. Wir waren über GPS miteinander vernetzt. Also wusste ich in Echtzeit, wer noch auf dem Trail war und wer aufgegeben hatte.
Aber es ist nicht so, dass ich es nur deswegen geschafft habe, weil vor mir schon jemand durchgekommen wäre – in über 20 Jahren hatte diese Strecke auf Skiern niemand gefinisht, weder Mann noch Frau. Was in dem Jahr passiert ist, würde ich eher so beschreiben: Irgendwann war klar, dass dieses Mal jemand ankommen würde. Und wenn schon, dann doch bitte man selbst. Das hat uns alle nochmal gepusht, und zwar gegenseitig. Ich glaube, die Jungs haben gesehen, dass die Frau im Feld nicht stehen bleibt, und umgekehrt. Das ist für mich der Kern am Unmöglichkeitseffekt: Sobald die Wand einmal Risse bekommt, zieht das alle mit, die noch dran sind.
Im Jahr darauf, 2025, hat dann wieder jemand gefinisht. Zwei Jahre hintereinander, nachdem über zwei Jahrzehnte lang nichts ging. Genau solche Herausforderungen, die als unmöglich gelten, reizen mich – es treibt mich an, zu zeigen, dass es doch geht.