Wie relevant sind Strömungen wie Quiet Luxury oder Old Money Style?
Das sind wichtige Themen. Früher konnte das Logo nicht groß genug sein, heute ist oft schon ein kleiner Name auf dem Schuh zu viel. Andererseits gibt es Marken wie Adidas oder Nike, mit denen man sich gern schmückt. Im gehobenen Schuheinzelhandel jedoch wollen die Leute keine Marke mehr präsentieren.
Was braucht ein Lieferant, um Sie zu überzeugen?
Vor allem ein tolles Produkt. Außerdem muss dieses Produkt eine Lücke in unserem Sortiment füllen oder etwas bieten, das es im Markt nicht gibt.
Wo ist zurzeit so eine Lücke?
Definitiv beim Sneaker. Die Kundin hat den Sneaker in allen möglichen Farben; es fehlt der Reiz, einen weiteren zu kaufen. Daher braucht der Markt etwas ganz Neues.
Wie könnte ein neuer Sneaker aussehen?
Das ist schwierig. Vielleicht geht er ja ein bisschen zurück zur Klassik, wie etwa bei Hogan, mit einer gewissen Orientierung am Samba. Dennoch könnte ich nicht sagen, dass das meine persönliche Idee für einen neuen Sneaker ist. Mitunter ist es auch ein Promi oder Influencer, der einen bestimmten Schuh trägt – und plötzlich will ihn jeder haben. Der Kunde ist ja oft dankbar für einen Impuls.
Könnte nicht auch der Bootsschuh diesen Impuls setzen?
Natürlich wird der Bootsschuh auch verkauft. Ich glaube aber nicht, dass er den normalen Sneaker ablösen wird, denn er ist mit seinem Komfort nicht mehr wegzudenken. Entscheidend wird ein neues Thema beim Sneaker sein. Dass das möglich ist, zeigt der Sensationserfolg von On.
Worauf führen Sie den Erfolg hier zurück?
Auf die Bequemlichkeit, den Look, den Preis. Der Preis ist ein sehr wichtiges Kriterium. Sie bekommen in diesem Segment für 150 Euro einen Schuh, der genauso oder noch angesagter ist als ein Schuh für 400 Euro. Hinzu kommt, dass On mit der speziellen Sohle für besonderen Komfort sorgt. Ein ähnliches Phänomen ist übrigens Ugg. Die Abverkaufsquote liegt bei 90 %. Da kauft die Mama sich einen Schuh, die Tochter bekommt einen und der Papa noch einen Hausschuh. Ugg kann jeder tragen, das ist ein Produkt wie der VW Golf.
Eigentlich geht es bei Ugg oder On nicht um Mode, eher um eine Art Versorgung auf emotionaler Ebene, oder?
Ja, das Produkt muss den Kunden irgendwie berühren, jedoch ohne langweilig zu sein. Und es muss fair sein in Bezug auf Preis und Leistung. Das halte ich für extrem wichtig.
Dass ein Produkt die Kundin berührt: Können Sie das spüren, wenn sie durch Ihren Laden geht?
Ja, das kann man erkennen. Auch wenn die Kunden eigentlich schon mit verschränkten Armen ins Geschäft kommen, nach dem Motto: Ich komme zwar rein und schaue mich um, aber ich brauche nichts und will auch nichts kaufen. Daher ist die Interaktion zwischen Personal und Kundin wichtiger denn je. Es geht darum zu erkennen, was sie interessiert – und ihr sofort eine Brücke zu diesem Produkt zu bauen.
Das setzt voraus, dass nicht die Frage ’Was will ich verkaufen?‘ im Mittelpunkt steht, sondern ’Was ist das Richtige für diese Kundin?‘…
Richtig, es muss für diese Kundin passen. Ich erwarte von allen Mitarbeitenden, dass sie sich zu 100 % dafür einsetzen und unsere Kunden gut beraten; denn nur der zufriedene Kunde kommt wieder. Die Kunst dabei ist, der Kundin etwas anzubieten, wonach sie selbst vielleicht nicht gegriffen hätte, das ihr aber dennoch gefallen könnte. Denn das ist unsere Aufgabe: sie zu animieren, mal etwas Neues auszuprobieren und ihren Schuhschrank zu erweitern. Personal, Angebot, Kompetenz – dieser Dreiklang spielt eine immer wichtigere Rolle.