Wie sind die Erwartungen der italienischen Schuhindustrie für 2022?
Giovanna Ceolini: Die Daten für das zweite Quartal werden auf der Micam-Messe im September bekannt gegeben. Die Zahlen für den Zeitraum Januar bis März 2022 vermitteln jedoch ein aussagekräftiges Bild der Branche. Im ersten Quartal des Jahres 2022 stiegen die Exporte (+21,4% im Wert) und die Ausgaben der Haushalte (+20,6%) an. Die Zeichen standen somit auf Wachstum. Im vergangenen Jahr war der Gesamtumsatz der Branche wieder auf 12,7 Mrd. Euro (+18,7%) gestiegen, aber lag immer noch unter dem Wert von 14,3 Mrd. vor der Covid Pandemie 2019. Die nationale Produktion stieg auf 148,8 Mio. Paar (+13,8%).
Die allmähliche Erholung der Unternehmen führte Ende Februar mit dem Konflikt zwischen Russland und der Ukraine zu einem Einbruch der Exporte in diese Länder um wertmäßig -52 %. Zu den Auswirkungen des Krieges kommen die steigenden Energiekosten und Rohstoffpreise hinzu. Außerdem bleibt die Angst vor dem Wiederauftreten von neuen Virusvarianten. Die Situation ist also sehr komplex, und wir hoffen, dass sie sich so bald wie möglich normalisiert.
Was sind die größten Herausforderungen für die italienische Schuhindustrie?
Der Konflikt zwingt viele italienische Schuhhersteller, die von diesen Märkten abhängig sind, zur Diversifizierung. Angesichts der neuen Sanktionen, die das Bankensystem betreffen, ist die Abwicklung von Verkäufen äußerst kompliziert geworden. Die Suche nach anderen Märkten erfordert Zeit und Ressourcen, die gerade dann fehlen, wenn die Aufträge nicht abgewickelt werden. Politisch gesehen ist der Handlungsspielraum unserer Regierung eher begrenzt. Die meisten Mittel werden derzeit dazu verwendet, die Folgen der steigenden Energiepreise abzufedern und die Einkommen zu stützen. Es ist daher an der Zeit, sich auf die Digitalisierung, die Nachhaltigkeit und die Ausbildung zu konzentrieren, was wir bei Assocalzaturifici seit einiger Zeit tun.
Wie schätzen Sie Covid, Vertriebsketten, Energiepreise und Verbraucherverhalten ein?
Die Pandemie hat sich stark auf unsere Branche ausgewirkt, da Italien in den letzten zwei Jahren mit am stärksten von den Beschränkungen betroffen war. Auch die jüngsten Daten über Gründungen und Aufgaben von Unternehmen sowie die Beschäftigungslage sprechen für sich. Im ersten Quartal 2022 sank die Zahl der aktiven Unternehmen um 36, dafür verzeichnete aber der Beschäftigungstrend einen zaghaften Anstieg. Das Energieproblem ist noch nicht gelöst und sorgt kurzfristig für Verunsicherung. Außerdem ist auch das Konsumklima weit davon entfernt, sich auf dem Niveau der Vergangenheit einzupendeln. Laut dem Fashion Consumer Panel von Sita Ricerca für Assocalzaturifici sind die Käufe der italienischen Haushalte in den ersten drei Monaten des Jahres mengenmäßig um +15,4% und wertmäßig um +20,6% gegenüber dem gleichen Zeitraum von 2021 gestiegen, aber es besteht immer noch eine Lücke von etwa 10% im Vergleich zu der Situation vor der Pandemie. Die stärkste prozentuale Erholung verzeichneten klassische Herren- und Damenschuhe mit 30%. Das Einkaufsverhalten der Touristen in Italien ist immer noch weit vom Niveau des Jahres 2019 entfernt, trotz einer teilweisen Erholung im Jahr 2021 und einem ermutigenden Start in 2022.