Die Zahl unserer Kunden im Modehandel nimmt zu. Ich sehe es aber kritisch, wenn der Modehandel die Schuhe ins Sortiment aufnimmt, welche auch der Schuhhandel verkauft. Das ist Quatsch, das wird nicht funktionieren. Der Kunde, der ein Modehaus aufsucht, erwartet, dort andere Schuhe zu finden. Wenn er dasselbe Angebot findet wie im Schuhgeschäft, wird er sich nicht verführen lassen. Ein Modehändler muss so einkaufen, dass die Schuhe zur Mode passen, und dass er nicht zu einem weiteren Schuhgeschäft oder Shop-in-Shop wird.
Apropos Mode: Werden klassische Schuhe wieder wichtiger?
Das werde ich seit drei Jahren jede Saison gefragt. Wir befinden uns in einer Phase der langsamen Entwicklung. Es wird ja gern so getan, als bleibe der Sneaker für alle Zeit der wichtigste Schuh. Dabei unterliegen diese Trends Zyklen. Niemand kauft sich den 77. weißen Sneaker. Niemand will zusammen mit 50 anderen in weißen Sneakern auf eine Hochzeit gehen. 2030 werden wir andere Schuhe tragen. Wir sehen bereits jetzt, dass Sneaker modischer und bunter werden. Die Sneaker, die wir bei Melvin & Hamilton hybrid anlegen, funktionieren hervorragend. Wir schaffen es, unsere Brownshoe-Machart auf Sneaker zu übertragen. So entstehen Schuhe, die man bei allen Gelegenheiten tragen kann. Der Brownshoe wird trotzdem niemals völlig verschwinden.
Wie halten Sie es mit dem Thema Nachhaltigkeit?
Das Thema ist omnipräsent, auch, weil die Politik das so will. Die Frage ist: Kann man die Forderungen im gewünschten Zeitrahmen umsetzen? Ich halte es für verkehrt, einen Zeitpunkt für die Umsetzung festzulegen. Es gibt viele Unternehmen, gerade auch im preiswerteren Bereich, die die Kriterien gar nicht erfüllen können – zumindest nicht so schnell. Wir bereiten uns schon seit Längerem auf Anforderungen in diesem Zusammenhang vor. Wir befassen uns mit Nachhaltigkeit, Recycling, Entsorgung und Kreislaufwirtschaft. Unsere Second Walk-Plattform ist dafür gedacht, Melvin & Hamilton-Schuhe, die nicht oft getragen wurden, weiterzuverkaufen. Dieses Thema werden wir ausbauen, weil es Bestandteil des digitalen Produktpasses ist. Wir werden unseren Kunden zeigen, wie Schuhe repariert werden können, um ihren Wert zu erhalten. Problematisch sehe ich die Frage der Materialien. Auch da werden wir Lösungen finden, aber es werden Materialien vom Markt verschwinden, weil es sehr schwierig ist, ihre Lieferkette 100% transparent darzustellen.
Second Walk und Schuhreparatur – bedeutet das schlussendlich, dass Sie weniger Schuhe verkaufen werden?
Die reine Paarzahl und der Umsatz sind nicht die Grundlage unseres Geschäftsmodells und waren es auch noch nie. Es ist gut, dass wir gerade nicht in einem Wachstumsmarkt sind. Der Markt ist, wie er ist, und wir müssen uns anpassen. Wir werden uns in den nächsten zehn Jahren nicht mit Wachstum beschäftigen, sondern mit Profitabilität und Nachhaltigkeit. Irgendwann wird wieder ein Aufschwung kommen, dann werden wir eine wichtigere Rolle spielen als je zuvor. Ich habe festgestellt, dass wir trotz geringerer Umsätze nicht an Bedeutung verloren haben. Im Gegenteil: Die Unternehmen, die mit uns zusammenarbeiten, wissen es noch mehr zu schätzen, dass wir unsere Qualität weiter verbessert haben und darauf achten, woher unser Leder kommt.
Sind die Verbraucher preissensibler geworden?
Nur dann, wenn ein Produkt nicht verändert wurde. Wenn es neu und innovativ ist, besteht überhaupt keine Preissensibilität. Dann sind das Verständnis und die Akzeptanz gegeben. Wenn man aber einfach nur die Preisschraube hochdreht, dann funktioniert es nicht.
Was stimmt Sie optimistisch?
Dass es im Leben immer weiter geht. Wir werden irgendwann in einer Welt leben, die wir uns heute noch nicht vorstellen können. Wenn ich meine Kinder anschaue, habe ich nicht den Eindruck, dass sie beunruhigt sind. Sie wachsen auf mit dem, was ist. Und irgendwann wird ein Weg auftauchen. Junge Menschen werden Ideen entwickeln, von denen wir heute keine Ahnung haben. Die Welt wird nicht untergehen.