“Angesichts solch tragischer Unglücke ist der Ruf nach verschärften Kontrollen verständlich”, betonte AVE-Präsident Matthias Händle. “Für eine wirklich nachhaltige Verbesserung der Arbeitsbedingungen müssen wir aber erreichen, dass die Länder selbst mehr Verantwortung übernehmen und sich dort das Bewusstsein für bessere Sozialstandards verändert. Westliche Handelsunternehmen können und müssen diesen Prozess fördern und begleiten.” In Bangladesch kommt es immer wieder zu tragischen Unglücken in Textilfabriken. Zuletzt waren Ende April beim Einsturz eines Gebäudes in der Nähe von Dhaka, das mehrere Nähereien beherbergte, rund 600 Menschen ums Leben gekommen. Kontrollen seien zwar ein wichtiges Instrument, aber ihre Wirkung werde in der öffentlichen Wahrnehmung stark überschätzt. “Audits sind letztlich nur eine Momentaufnahme”, so Händle. “Für westliche Unternehmen ist es kaum möglich, eine hundertprozentige Einhaltung der Regeln zu garantieren.” Wichtig seien deshalb begleitende langfristig angelegte Bildungs- und Aufklärungsmaßnahmen. “Wir müssen die Unternehmen und Behörden vor Ort in unternehmerischer Verantwortung schulen und so einen Bewusstseinswandel erreichen.” Sanktionen oder einen Rückzug westlicher Unternehmen aus Bangladesch, wie von einigen gefordert, sieht Händle als den falschen Weg an. “Dies würde die wirtschaftliche Entwicklung in Bangladesch um Jahre zurückwerfen und letztlich wieder die Ärmsten treffen”, so Händle. “Die Verbesserung von Arbeitsbedingungen ist ein langfristiger Prozess. Grundvoraussetzung ist aber, dass das Land sich wirtschaftlich weiterentwickelt.”
Händle wies in diesem Zusammenhang auf das Engagement des europäischen Handels hin. Über 1.000 europäische Handelsunternehmen engagieren sich seit knapp 10 Jahren in der Business Social Compliance Initiative (BSCI) für bessere Arbeitsbedingungen in den Lieferländern. Ein Schwerpunkt ist dabei das “capacity building” vor Ort. In über 100 Seminaren jährlich schult die BSCI Unternehmer und Manager in den Lieferländern in allen Aspekten der unternehmerischen Verantwortung (Arbeitssicherheit, Entlohnung, Arbeitszeiten etc.). Ein weiterer Schwerpunkt ist der Dialog mit Stakeholdern auf lokaler Ebene, also Regierungsvertretern, Verbänden der Wirtschaft, Gewerkschaften und NGOs.