Fünf Holzkisten stehen im Seminarraum des Campus von Legero United, gefüllt mit Steinen, Tannenzapfen oder Schnürsenkeln. Ganz verschiedene Materialien, die ganz unterschiedliche taktile Erlebnisse auslösen, ob kalt oder warm, weich oder hart, glatt oder porös. Dass alles mit den Händen aber auch mit den Füßen wahrzunehmen, sei wichtig für die Entwicklung des Kindes, argumentiert Kinderphysiotherapeutin Verena Peinsipp in ihrem Vortrag beim Superfit-Pressetermin. Es sei wichtig, die Kinder auch mit den Füßen viele Erfahrungen sammeln zu lassen – und das gehe am besten barfuß.
Kinder entdecken die Welt, nehmen alle Dinge irgendwann einmal zum ersten Mal wahr und lernen so, sich in ihrer Umwelt zurechtzufinden. Und so wie die Hände möglichst vielen Umwelteinflüssen ausgesetzt werden sollen, um die Wahrnehmung zu trainieren, gelte das gleiche für die Füße. Schließlich seien Füße bei sehr vielen Erwachsenen unterentwickelt. Und das liegt nicht an angeborenen Problemfüßen, stellt die Physiotherapeutin klar: „Der Großteil der Neugeborenen hat gesunde Füße. Es gibt aber Zahlen, dass 40% der Erwachsenen an Fußproblemen leiden.“ Bei der Therapie rückt sie daher in den Mittelpunkt, dass der Fuß mehr Barfußzeit braucht. Draußen können Kinder verständlicherweise nicht überall barfuß laufen, doch es sei wichtig, sie auch nicht nur zuhause auf dem warmen Teppichboden dem direkten Bodenkontakt auszusetzen. Sie müssten auch mal draußen die verschiedenen Böden ertasten oder alternativ auf einem Barfußparkour wie denjenigen, den sie aus den Kisten vor sich aufgebaut hat. Das Motto der Physiotherapeutin, das sie den Eltern mitgibt: „Den Schuh so lange wie nötig und so wenig wie möglich tragen.“
Babys mit den Füßen greifen lassen
Gerade Babys müssten ihrer Einschätzung nach viel Zeit barfuß verbringen, um nach den Füßen und Zehen zu greifen, verstehen zu lernen, was sie alles mit ihnen machen können und ein Gefühl für den eigenen Körper zu entwickeln. Sie merken oft sehr gut, wie kompetent ihre Füße eigentlich sind, greifen ebenso mit ihnen nach dem Spielzeug, wie mit ihren Händen. „Das alles ist ein ganz wichtiger Prozess, denn im Fuß befinden sich zirka 75.000 Nervenenden. Diese brauchen Reize, um sie an das Gehirn weiterzuleiten. Das sendet dann die Informationen zurück, wie sich die Muskeln und Gelenke verhalten sollen“, erklärte Peinsipp. In ihrem Alltag erlebe sie, wie häufig Eltern mit ihren kleinen Kindern in Stramplern, Strumpfhosen und mehreren Paar Socken zum Termin kommen. Das Kind so einpacken zu wollen, um es vor Kälte zu schützen, sorge dafür, ihm ganz viele Reize vorzuenthalten und damit auch ganz viele Möglichkeiten, einen gesunden Fuß zu entwickeln.
Einschränkung so klein wie möglich halten
Schuhe seien immer eine Kompromisslösung, die die Wahrnehmung einschränkten. Und gerade deswegen sollten Eltern ihren Kindern gute Schuhe kaufen, die den Fuß am wenigsten behindern, stellt Peinsipp in ihrem Vortrag klar. Wichtig seien eine wirklich gut sitzende Passform und eine flexible Sohle. Einen Schuh zu finden, der sich perfekt an den Fuß anschmiegt sei manchmal schwierig und mit Kindern oft anstrengend. Dennoch ermutigte sie dazu, sich die Zeit zu nehmen, den Schuh für das Kind zu finden, der wirklich am besten passt. Und auch, nach dem sich der Fuß entwickelt hat, was meistens bis zum Eintritt ins Volksschul- bzw. Grundschulalter passiert ist, sei das Thema Barfußlaufen noch nicht vom Tisch. Auch erwachsene Füße würden durchs Barfußlaufen gut trainiert: barfuß durch den Wald zu gehen wirke wohltuend wie eine Massage, gab Peinsipp auch den Teilnehmenden an der Expertenrunde mit auf den Weg.