Nachhaltigkeit in der Schuhindustrie: „Komplexität reduzieren“
Diskussionsrunde der Zulieferindustrie
- 12.09.2023
- Petra Steinke
- 6 Minuten
Diskussionsrunde der Zulieferindustrie
Herr Tackenberg, welche Rolle spielt Nachhaltigkeit beim PFI und wie wollen Sie das Thema als Vorsitzender weiter vorantreiben?
Michael Tackenberg: Unter dem Oberbegriff Nachhaltigkeit kann man vieles zusammenfassen. Jeder versteht etwas anderes darunter, und manchmal ist der Begriff fast abgedroschen. Für mich wäre das Thema Kreislaufwirtschaft richtig und wichtig. Wir werden irgendwann dazu kommen müssen, uns mehr mit dem Thema recyceln zu beschäftigen. Wir müssen Demontage von Schuhen in den Mittelpunkt stellen. Stand heute gibt es nicht einen einzigen Schuh auf dem Markt, den man wieder auseinander nehmen und in Einzelteile zerlegen bzw. recyceln kann. Es gibt Ansätze; wir beim PFI haben auch schon ein Forschungsprojekt initiiert. Wir können die PU-Sohle herunterschneiden, aber dann haben wir erst einen Anfang. Wir Fachleute wissen, aus wie vielen Materialien ein Schuh besteht. Ich glaube, wenn wir bei der Materialentwicklung beginnen und die Materialien zur Verfügung stellen, die recyclingfähig sind – und das wird früher oder später verpflichtend sein – dann kommen wir gemeinsam dem Ziel näher. Es wird ein Gesetz dafür geben. Wir sollten uns also jetzt schon auf den Weg machen. Wenn wir uns erst damit befassen, wenn es so weit ist, wird es zu spät sein. Beim Thema Nachhaltigkeit sucht sich aktuell jedes Unternehmen etwas aus. Der eine benutzt recyclingfähiges Papier, andere haben eine treibstoffarme LKW-Flotte. Das alles ist auch gut so. Man kann nicht in allen Belangen nachhaltig sein. Das sind aber alles Nebenkriegsschauplätze. Es ist nicht das, worum es im Kern geht. Wir haben ganz andere Aufgaben. Der Green Deal und die Kreislaufwirtschaft sind relevant und müssen vorne angepackt werden.
Wenn wir über den Schuh reden, müssen wir über Materialien reden, über Design, Entwicklung und Produktion. Herr Rosenfelder, wie gehen Sie vor und was bedeutet Nachhaltigkeit für Ihr Unternehmen?
Marc Rosenfelder: Wir haben uns der Frage auf zwei Ebenen genähert. Die erste Ebene: Wir sind ein Familienunternehmen, das lokal in der Schuhstadt Pirmasens angesiedelt und regional aktiv ist. Wir versuchen, lange Transportwege zu vermeiden und lokal zu arbeiten. Viele Schuhhersteller, aber auch das PFI und ISC sind in der Region
ansässig. Dadurch sind Bemusterungen und Transportwege kurz. Ebenso versuchen wir, unsere internen Prozesse effizienter zu gestalten und zu digitalisieren, sowie den Materialverlust in der Produktion so gering wie nur möglich zu halten. Weil wir ein Familienunternehmen sind, das Entscheidungen für sich selbst trifft, können wir die Prozesse sehr gut überschauen und schnell entscheiden. Bei Neuanschaffungen und Reparaturen werden Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit kombiniert. Die zweite Ebene befasst sich mit der Produktentwicklung selbst.
Michelle Schwartz: Dabei geht es nicht nur um Materialverlust. Der Schuh besteht aus vielen Komponenten und wir sind nur einer von vielen Zulieferern. Wir können von unserem Standpunkt aus versuchen, recycelte/ nachhaltige Materialien einzubringen. Da spielen dann aber auch wieder Faktoren wie Zertifikate und Herkunftsnachweise eine Rolle. Es geht um kurze, sinnvolle Produktions- und Lieferwege. Dabei sind viele Ebenen zu berücksichtigen. Auch in der Produktion stellt sich die Frage, was ist effizient und nachhaltig, wie können wir sinnvoll agieren?
Jeder kann nur für seine eigene Komponente sprechen. Wie gestaltet sich das Thema bei Colortex?
Michael Sanio: Wir haben ähnliche Ansätze wie unsere Kollegen. Wie ich Herrn Tackenberg verstehe, geht es ihm darum, wie das Endprodukt recyclingfähig wird. Das hier jeder seine Aufgaben macht, da bin ich mir sicher – von der Photovoltaikanlage bis zu allen weiteren Möglichkeiten, die man nach jetzigem Stand der Technik als nachhaltig bezeichnen kann. Fakt ist, dass wir in der Lage sind, aus allen recycelten Materialien ein neues Produkt zu gestalten, welches den höchsten modischen Ansprüchen entspricht und auch hinsichtlich der Belastbarkeit funktioniert. Die große Problematik ist, die Komponenten am Schuh wieder voneinander zu trennen. Sie haben beispielsweise Polyester, Polyamide, Baumwolle, thermoplastische Materialien, Klebstoffe und vieles mehr. Es ist in erster Linie Aufgabe der Schuhindustrie, dieses Verfahren zu standardisieren, indem man nur definierte bzw. spezifizierte Materialien einsetzt und letztendlich ein Produkt hat, welches Spezialfirmen in der Nähe der Firma wieder zerlegen können. Wenn jeder sein eigenes Süppchen kocht, wird es unmöglich sein, für alle eine standardisierte Lösung zu finden. Alles, was wir als Vorlieferant anbieten, ist zertifiziert. Wir können vieles möglich machen, aber der Haupteinflussfaktor liegt bei den Schuhproduzenten. Es hat Jahre gedauert, bis die Schuhe so haltbar wurden, wie wir uns das alle gewünscht haben, z.B. dass diese nicht mehr nach einer kurzen Tragezeit auseinanderfallen und Sohlen sich nicht lösen oder vergilben. So ganz einfach können wir den jetzigen Qualitätsanspruch nicht vom Tisch wischen und sagen, wir machen es jetzt anders. Der Konsument muss zum Schluss auch zufrieden sein und ebenfalls stets im Fokus unseres Handelns stehen, die Schuhindustrie hat es in der Hand. Diese anspruchsvolle Aufgabe kann nur von einem Verband oder mit Hilfe von Richtlinien auf den Weg gebracht werden, indem gewisse Standards eingeführt werden.
Herr Willenbrink, welchen Weg beschreitet BASF?
Felix Willenbrink: BASF hat sich der Reduktion von CO2-Emissionen verschrieben, hat Ziele und Maßnahmen definiert, um von der Abhängigkeit von fossilen Rohstoffen und Energieträgern loszukommen. Speziell mit Blick auf die Schuhindustrie geht es uns um das Thema Transparenz. Wir haben schon relativ früh gesagt, wir wollen den CO2-Fußabdruck aller Produkte transparent machen. Das können wir mit gewissen Einschränkungen jetzt auch. Das, denke ich, ist ein wichtiger erster Schritt und wird auch so wahrgenommen. Für viele unserer Kunden ist es relevant, mit welchem Fußabdruck die Materialien daherkommen. Wir haben uns darüber hinaus die Frage gestellt, wie wir Materialien nachhaltiger machen können. Da spielen grüne Energie eine Rolle oder alternative Rohstoffe, Stichwort Rezyklate oder Biomasse. Wir haben verschiedene Konzepte, um diese so einzusetzen, dass es ökonomisch interessant ist. Wir fokussieren uns darauf, dass diese Materialien nicht nur geeignet sind für Kleinserien, sondern auch für die Masse der Schuhe. Das ist unser Ziel. Ich glaube, zur Kreislaufwirtschaft kommen wir nur, wenn wir uns miteinander verknüpfen. Das Thema muss vernünftig in der Industrie orchestriert werden. Wir als Materialhersteller stehen am Beginn der Kette und auch wieder am Ende, weil wir das, was aus dem Recycling herauskommt, wieder übernehmen sollen, um neue Materialien daraus herzustellen. Genau da muss eine vernünftige Verknüpfung her. BASF ist kein Recycling-Unternehmen. Wir brauchen Firmen, die ein Take-Back-System aufbauen, Schuhe sammeln und sortieren, Materialien trennen. Michael Tackenberg: Bis jetzt waren wir stolz darauf, dass es 140 Arbeitsschritte und 250 Materialien braucht, um einen Schuh zu produzieren. Davon müssen wir wegkommen. Das muss über die Produzenten von Schuhen kommen, ja. Aber das Angebot an Materialien, mit denen die Hersteller Schuhe machen können, muss gebündelt werden. Denn 250 Materialien irgendwann wieder zu trennen, das wird definitiv nicht funktionieren.
Man müsste also den Materialeinsatz verringern, um wegzukommen von den 250 verschiedenen Materialien. Bedeutet das, Sie alle müssen weniger Materialien anbieten?
Michael Sanio: Nicht unbedingt, denn wir produzieren bereits sortenrein mit Polyester, Polyamid oder Baumwolle, das ist nicht das Problem. Wir werden in naher Zukunft auch klimaneutral produzieren und können unsere Hausaufgaben machen, aber es geht um das Endprodukt. Einen Schuh auseinanderzunehmen, das ist derzeit ein unlösbares Problem. Wir brauchen Standards dafür, sonst entsteht ein riesiger Müllberg oder der Schuh landet in der Müllverbrennung. Hinzu kommt: man benötigt eine gewisse Sortenreinheit, um wieder neu zu starten. Dies ist nur gewährleistet, wenn das, was gesammelt wird, die gleiche chemische Zusammensetzung hat.
Gibt es diese Standards für Recycling nicht?
Michael Tackenberg: Nein, die gibt es nicht. Wenn wir darauf warten, dass ein Verband diese entwickelt, werden wir lange warten müssen. Das wird nie passieren. Ich glaube auch nicht, dass man weniger Materialien braucht. Die Vielfalt muss weniger werden. Wir benutzen derzeit sechs, sieben verschiedene Verstärkungsbügelstoffe. Das ist Quatsch. Man kann auch mit einem oder zweien auskommen. Das trifft dann natürlich wieder alle. Jahrelang ging es nur in die Richtung, immer noch ein bisschen spezieller zu werden, und wenn die Firma A mit diesem Zwischenfutter arbeitet, dann kann B damit nicht arbeiten; B braucht ein eigenes Zwischenfutter, um sich zu unterscheiden. Jeder weiß, wovon ich rede. Das ist der Alltag. Je größer und einflussreicher ein Hersteller ist, desto mehr Extra-Varianten und Materialien braucht er. Dadurch wird alles komplizierter.
Stockmayer-Standort in Pirmasens (Foto: Stockmayer)
Marc Rosenfelder: Nicht nur die Materialvielfalt müsste angepasst werden, sondern auch die Kollektionen. Viele Schuhhersteller meinen, es müsse noch dies und jenes in das Portfolio aufgenommen werden, weil das die anderen auch machen. Warum sich nicht auf seine Stärken konzentrieren, dort vereinheitlichte Materialien einsetzen, welche im besten Fall auch den Aspekten der Nachhaltigkeit gerecht werden. Ob das nun Materialien aus recycelten, nachwachsenden oder sogar kompostierbaren Rohstoffen sind, oder Textilien die sogar alle Eigenschaften auf einmal besitzen, kann der Kunde selbst entscheiden. Hauptsache, die Quantität wird reduziert und dafür die Qualität der Materialien hinsichtlich der Nachhaltigkeit erhöht. Im Moment versuchen viele Hersteller eher, möglichst vielfältige Kollektionen anzubieten, weil sie meinen, dass der Handel diese wünscht…
Michael Sanio: Jeder muss schauen, dass er überlebt. Manche eben mit der Strategie einer sehr vielfältigen Kollektion. Einige sind schon in Nischen positioniert, andere in der Situation, sich beispielsweise von Pumps zu verabschieden und andere Schuhmodelle anzubieten. Diese Entwicklung geht kontinuierlich weiter und hört nicht auf. Zudem gibt es den Wettbewerb nicht nur in Deutschland, sondern global.
Die ganze Welt spielt mit auf diesem Markt. Nur wenn man „up to date“ bleibt, kann man überleben. Unsere Strategie ist es, mit aktuellen Grundmaterialien immer modische Einflüsse „on demand“ mit geringstmöglichen Losgrößen produzieren zu können. Nicht sinnlos für das Lager, sondern nur das, was gerade tatsächlich gebraucht wird. Wenn eine Schuhfabrik
nun 80 Modelle produziert statt 120, sind es immer noch 80 Modelle mit einem Materialmix aus diversen Komponenten, das ist ein Riesenthema. Jeder Schuhhersteller will sich von der Konkurrenz unterscheiden, indem er andere Komponenten verwendet, das ist über Jahre so gewachsen. Dies nun einfach auf eine kleine Kollektion mit verschiedenen Standardmaterialien herunterbrechen zu wollen, ist schwierig. Michael Tackenberg: Die Kollektionäre der Industrie gehen über Messen und sammeln Materialien ein. Wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, recyclingfähige Materialien auszusuchen, dann werden die doch zugreifen. Ihnen ist es doch wurscht, es muss ja nur passen.
Marc Rosenfelder: Das machen wir ja schon. Wir suchen z. B. bestimmte Grundmaterialien aus, die dem Leitgedanken der Nachhaltigkeit entsprechen. Naturfasern wie Baumwolle und Hanf, oder welche die schon recycelt und entsprechend zertifiziert sind. Das findet schon statt. Die Problematik ist, man will einen Schuh über einen anderen Leisten ziehen. Ich will nicht sagen, dass man eine Kollektion auf drei Modelle
reduzieren muss. Man sollte sich nur vom Überschwang und Überfluss verabschieden und sich auf das Wesentliche konzentrieren, wenn man nachhaltig leben möchte. Wir wollen alle überleben und weiterkommen. Der Zielkonflikt zwischen wirtschaftlichem Wachstum und Nachhaltigkeit würde für uns alle bedeuten, wir werden arbeitslos. Denn das Nachhaltigste wäre, den Schuh solange zu tragen, bis er auseinanderfällt. Dann hätten wir alle keinen Job mehr. Man muss zwischen Nachhaltigkeit und Fast Fashion einen guten Mittelweg
finden.
Ist es denn so, dass die Kreativen nachhaltige Materialien bevorzugen würden, wenn sie die Wahl hätten?
Michael Tackenberg: Ihnen ist wichtig, dass sie Materialien sehen, aus denen sie eine Kollektion machen
können. Wenn da ein nachhaltiges oder recycelbares rotes Material dabei ist und eines, das nicht recycelbar ist, dann haben sie sicher kein Problem damit, das umweltfreundlichere zu nehmen.
Das PFI-Gebäude in Pirmasens (Foto: PFI)
Es sei denn, das recycelbare ist deutlich teurer…
Michael Tackenberg: Der Preis wird aber überall vorgeschoben. In Deutschland geht nichts, weil alles zu teuer ist. Das ist eine super Ausflucht für jeden, der es sich gerne leichter machen möchte: Wir können alle jammern, aber es wird trotzdem kommen. Ich weiß, dass es kompliziert wird. Aber wenn wir einfach nur abwarten, lösen wir das Problem nicht. Am schlimmsten finde ich es, wenn irgendwann andere kommen und sagen: „Ihr müsst!“ Dann können wir uns doch besser vorher Gedanken machen und mit Vorlauf arbeiten.
Marc Rosenfelder: Sie glauben, dass das Angebot an recycelbaren oder recycelten Materialien zu gering ist?
Michael Tackenberg: In der Summe schon. Jeder hat seine eigenen Materialien, um konkurrenzfähig zu sein. Und je mehr Unsicherheit im Markt herrscht, desto größer werden die Kollektionen. So geht es nicht nur beim Schuhproduzenten, sondern auch bei den Materiallieferanten. Da muss ja auch immer mehr kommen, damit jeder was finden kann.
Wer sich aktuell mit dem Auseinandernehmen des fertigen Schuhs befasst, ist die Sicherheitsschuh-Branche. Das ist auch die nicht ganz so komplexe aller Varianten, weil weniger Materialien verarbeitet werden. Wenn ich versuche, einen modischen Sneaker auseinanderzunehmen, ist eine völlig andere Situation und viel komplexer. Man kann einen Schuh genauso schön machen mit nur 50 statt 250 Materialien. Das fällt gar nicht auf und der Schuh ist nicht minderwertiger…
Herr Willenbrink, bekommen Sie den Impuls aus der Schuhindustrie und wie beurteilen Sie das Thema Kosten?
Felix Willenbrink: Wir bekommen diese Diskussionen natürlich auch mit. Es gibt viele Einzelmaterialien, die theoretisch recycelbar sind. Aber es geht ja letztendlich darum, den Schuh auseinanderzunehmen. Und dann muss man schauen, wie man Fraktionen bekommt, die dann in ein Recycling münden. Wir haben in einigen Bereichen Erfahrung mit Recycling, und zwar da, wo wir Produktionsabfälle zurücknehmen und wieder in die Produktion zurückführen. Das ist der einfachste Fall, weil man die Qualität des Rezyklats zu 100% einschätzen kann. Man weiß, es ist das Material, das auch originär genutzt wurde,und man kann es wieder einschmelzen. Wenn wir nun den Schritt gehen, Schuhe zu trennen und uns dann die Fraktionen anschauen, dann müssen wir uns fragen, welche Qualitäten vorliegen. Derjenige, der Schuhe mit Recycling-Anteil herstellt, will ja keine Kompromisse bei der Qualität machen. Wir sind also gefordert, die neuen Materialien so darzustellen, dass sie auch mit Recycling-Anteil der üblichen Qualität entsprechen, was Leistung und Abrieb betrifft. Das geht nur, wenn das Rezyklat, das wir übernehmen, eine möglichst hohe Reinheit hat. Das heißt, der Sortierprozess ist wichtig und nicht die Tatsache, dass das einzelne Material theoretisch recycelbar ist. Das Thema Trennung und Sortierung in möglichst reine Fraktionen ist der nächste wichtige Schritt, ohne dass der erste überflüssig ist. Wir haben schon Projekte initiiert, bei denen wir versucht haben, einen Schuh aus einer Materialklasse zu kreieren. Das geht, ist meiner Ansicht nach aber nicht für alle Schuhe realistisch. Man ist eingeschränkt bei der Materialauswahl, die Designer sind dadurch in ihrer Kreativität limitiert, enttäuscht und haben Langeweile. Eine gewisse Vielfalt nicht nur in Farben, sondern auch im Material braucht man durchaus. Die Reduktion auf möglichst wenige Materialklassen halte ich für den richtigen Weg. Und wenn man sich dann noch überlegt, dass man Design for Recycling betreiben kann, indem eine Trennung möglichst einfach und effizient möglich ist, so dass man dann eine große Zahl von Schuhen in einem automatisierten Prozess trennen kann in einzelne möglichst reine Fraktionen, dann wäre das gut. Zu den Kosten: Nachhaltige Materialien sind in der Regel teurer. Das hängt aber auch damit zusammen, dass die Produktionsprozesse für nachhaltige Rohstoffe meist in einem kleineren Maßstab gemacht werden oder es weniger Auswahl gibt. Wenn die Nachfrage in eine bestimmte Richtung geht, bzw. wir die Materialien in größerem Produktionsmaßstab produzieren können, wird sich das ausnivellieren.
Das Thema Nachhaltigkeit scheint die Menschen zu beschäftigen. Im Zweifel entscheiden sie sich am Point of Sale aber oft gegen das nachhaltige Produkt. Das spiegeln viele Händler an die Industrie und entsprechend zurückhaltend agieren dann die Hersteller. Der Impuls kommt also nicht. Steigt bei Ihren Kunden die Nachfrage?
Deniz Kolb: Definitiv ja, wir bekommen viele Anfragen zu recycelten Materialien, auch im Hinblick auf die dazugehörigen Zertifikate. Die Kunden erwarten aktuell eine breite Auswahl in diesem Bereich und wir sind auch in der Lage, diesem Wunsch nachzukommen, die Nachfrage ist hoch. Vor einem Jahr hätte ich noch gesagt, dass dies ein kurzlebiger Trend ist, der kommt und wieder geht. Nach einer kurzen ruhigeren Zeit merkt man in diesem Quartal deutlich, wie das Interesse nun wieder steigt.
Ist das bei Stockmayer ähnlich?
Marc Rosenfelder: Das Thema hat vor vier, fünf Jahren angefangen. Heute sind wir in einem Stadium, in dem Recycling eine Selbstverständlichkeit, ein Must-have ist. Wobei wir zur Zeit eine Tendenz verstärkt zu Naturfasern feststellen können. Aber ich sehe auch eine Überforderung des Kunden. Der kann bald nicht mehr unterscheiden, was die einzelnen Labels bedeuten. Hier müsste eine Standardisierung oder Vereinheitlichung stattfinden. Was ist denn nachhaltig? Ist die Kuhhaut nachhaltig, weil das Tier ohnehin geschlachtet wird? Oder der Textilschuh? Polyamid basiert auf Rohöl – ist das also nachhaltig? Es gibt nicht ein Ziel und nicht einen Weg. Der Kunde müsste hier besser abgeholt werden mit einer gewissen Vereinheitlichung und klaren Zertifizierungen.
Michael Tackenberg: Der Handel fordert da eigentlich zu wenig. Er könnte ja sagen, ich will ein Siegel mit diesen und jenen Kriterien. Das kommt aber nicht. Man wartet immer auf die Siegel, die die Industrie an den Handel heranträgt. Wenn man dann mal in ein normales Schuhgeschäft geht, da ist eine Aussage zu Nachhaltigkeit kaum zu finden. Es gibt drei Aufsteller von verschiedenen Marken – und sonst passiert nichts. Der Handel könnte sich zusammenschließen und Ideen entwickeln.
Wer kann das denn machen?
Michael Tackenberg: Es gab erste Ansätze mit dem BTE, darüber mal nachzudenken. Aber der Handel scheint mir noch nicht bereit. Schon die Diskussion wäre doch wichtig, um die relevanten Fragen zu klären. Geht es um Kinderarbeit? Um weniger Spritverbrauch? Was will der Handel? Aber da kommt nichts. Und in der Industrie macht es dann jeder für sich alleine und überlegt sich ein Label, das er an den Schuh anbringt und an den Handel gibt. Und der soll das dann verkaufen. Und dann ist die Überforderung da.
Wenn es der Handel nicht macht, könnte doch die Industrie ihre Kräfte bündeln und die Standardisierung vorantreiben.
Michael Tackenberg: Wenn wir darauf warten, werden wir lange warten. Da ist jede Marke für sich alleine unterwegs. Der Handel könnte aber eine Anforderung nach draußen geben als Signal an die Industrie. Viele ruhen sich auch aus und sagen: Ich bin Mitglied bei Cads. Aber seine Hausaufgaben muss man doch trotzdem machen.
Was wünschen Sie sich in Zusammenhang mit Nachhaltigkeit?
Michael Sanio: Wir als Zulieferer haben unsere Hausaufgaben gemacht, wir tun unser Bestes, um unser Angebot kontinuierlich zu optimieren. Wir versuchen die Designer zu motivieren, mit solchen Materialien zu arbeiten und auch stets, das Thema zu pushen. Aber wir sind nur ein Teil der ganzen Kette, letztendlich muss es auch vom Konsumenten gewünscht und bezahlt werden. Einen Schuh in seine Einzelkomponenten zu zerlegen ist eine komplexe Sache für sich. Es ist eine Generationsaufgabe, vor der wir hier stehen und wir müssen uns hier alle mit modernsten Produktionsmöglichkeiten und kurzen Wegen am Standort an alldem beteiligen. Ich weiß nicht, ob es hinsichtlich der Nachhaltigkeit sinnvoll ist, z. B. recycelte Fasern aus Indonesien über lange Transportwege zurückzuholen, auch über dieses Thema könnte man stundenlang diskutieren. Es muss um Müllvermeidung von Anfang an gehen und um den sinnvollen Einsatz von Komponenten. Wünschen würden wir uns, dass die Kunden vielleicht ein bisschen offener und mutiger werden, nachhaltige Materialien einzusetzen.
Felix Willenbrink: Wir werden das intelligent angehen müssen, sprich, erstmal geht es darum, den Kreislauf zu schließen. Wir brauchen Rücknahme- und Recycling-Systeme. Und wir müssen auch einen Gedanken daran verschwenden, ob aus einem Schuh wieder ein Schuh werden muss oder auch andere Produkte und Materialien daraus gefertigt werden können. Da sehen wir, als nicht nur für die Schuhindustrie tätiges Unternehmen, unsere Stärke, wir haben einen Materialfokus über verschiedene Industrien hinaus. Aber es bedarf auch einer Steuerung und Regulierung sowie oder Standardisierung. Wir brauchen ein Labelling, Transparenz zum Beispiel durch einen Digital Passport, wo genau nachvollziehbar ist, welche Materialien im Produkt enthalten sind. Wir sind bereit, unsere Kunden in diesem Bereich zu unterstützen. Michelle Schwartz: Es wird noch einige Jahre dauern, aber wir sind in unserer Branche schon weit vorn. Die Gespräche finden statt und müssen weitergeführt werden. Jeder muss seine Hausaufgaben machen.
Marc Rosenfelder: Die Sensibilisierung der Kunden in der Schuhbranche ist schon weit vorangeschritten. Das nehme ich deutlich wahr und sehe es sehr positiv. Die Menschen machen sich Gedanken, woher der Schuh kommt. Das fragt niemand beim Autokauf oder bei Möbeln. Deniz Kolb: Ich wünsche mir, dass irgendwann alles funktioniert, und das wird nur gehen, wenn alle mitmachen.
Michael Tackenberg: Ohne Regulierung werden wir auf diesem Weg allerdings nicht vorwärts kommen. Also lassen Sie uns doch die Regulierung als Chance sehen: Als Chance, sie selbst gestalten zu können. Wir haben keine Lobby wie die Automobilbranche. Aber wenn wir am Anfang mit Hirnschmalz herangehen, sehe ich es als Gelegenheit für die deutschen Schuhproduzenten und Zulieferer, vorne mit dabei zu sein. Dann übernimmt die Industrie vielleicht auch die Themen, die wir schon kreiert haben. Wir können selbst an der Regulierung mitwirken.
Michael Sanio: Aus dem Schuh muss nicht immer ein Schuh werden. Das ist aufgrund der vielen Komponenten nicht möglich. Wir müssen eine sinnvolle Anwendung finden für die Vielzahl an Materialien und Kombinationen.
Marc Rosenfelder: Designer, Schuhhersteller – alle würden sagen, wir brauchen mehr Hilfe und Unterstützung. Sie werden von allem überschwemmt, vom Gesetzgeber, vom Green Deal und dutzenden Zertifizierungen und Labels. Es wäre wirklich ratsam, einen Standard zu entwickeln, bei dem wir alle mit ins Boot holen können. Wir gestalten eine große Konferenz, vielleicht einen Arbeitskreis, und arbeiten alles aus. Dazu gehören die Voraussetzungen, die Umsetzung und das Label. Dadurch entsteht eine Win-Win-Situation für alle, jeder hat etwas davon, vor allen Dingen der Endverbraucher.
Michael Tackenberg: Wir müssen vorne anfangen, mit dem Material, mit den Zulieferern. Das ist der Beginn. Ich sehe uns als PFI in der Entwicklungsphase mit betroffen. Es geht darum, wie wir einen gemeinsamen Aufschlag hinbekommen können.
Die Teilnehmenden am Roundtable:
Deniz Kolb, Textilingenieurin, bei Colortex, unter anderem für Entwicklung und Qualitätssicherung zuständig
Marc Rosenfelder, Geschäftsführer Stockmayer, unter anderem verantwortlich für die Bereiche Prozessoptimierung, Einkauf und Verkauf
Michael Sanio, Geschäftsführer Colortex, langjährige Expertise im Bereich Leder und Textilien
Michelle Schwartz, Textilingenieurin bei Stockmayer, verantwortlich für Qualitätssicherung, Entwicklung und Nachhaltigkeit
Michael Tackenberg, Vorsitzender des Prüf- und Forschungsinstitutes in Pirmasens
Felix Willenbrink, Bereich Performance Materials bei BASF, dort als Segment Manager zuständig für Polyurethane im europäischen Marktsegment Schuh, Sport und Freizeit
Headerfoto: Roundtable zum Thema Nachhaltigkeit in der Schuhbranche (v.o.l.n.u.r.): Michael Tackenberg (PFI), Marc Rosenfelder und Michelle Schwartz (Stockmayer), Felix Willenbrink (BASF), Michael Sanio und Deniz Kolb (Colortex)
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