Neue Perspektiven
So lief das Bequemschuhsymposium
- 04.05.2023
- Marlies Heinz, Laura Klesper, Petra Steinke
- 5 Minuten
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Wie geht das Bequemschuh-Geschäft zukünftig voran? Dieser Frage näherten sich die Referenten aus unterschiedlichen Richtungen und mit verschiedenen Perspektiven. Berkemann-CEO Thomas Bauerfeind blickte in seiner Begrüßung nur kurz zurück: „Probleme hatten wir genug, auch mehr, als wir uns vor zehn Jahren hätten vorstellen können. Aber wo Schatten ist, ist auch Licht.“ Gerade könne man sich anschauen, „wie die Großen fallen“. Das bedeute aber nicht, dass kleinere Händler sich ausruhen können.
„Probleme hatten wir mehr als wir uns hätten vorstellen können. Aber wo Schatten ist, ist auch Licht.“
Thomas Bauerfeind|CEO Berkemann Gruppe
Das Bioseehotel in Zeulenroda ist traditionell Austragungsort des Bequemschuhsymposiums. (Foto: Volkmar Heinz)
Mit dieser Fragestellung eröffnete der Neurowissenschaftler und Deutsche Meister im Science Slam, Dr. Henning Beck, als erster Speaker in Zeulenroda seinen Vortrag. In 45 Minuten sprach er über die Arbeit des menschlichen Gehirns im Vergleich zur Künstlichen Intelligenz. „Das Gehirn ist kein Datensammelapparat, sondern baut sich Konzepte auf“, erklärte der Wissenschaftler aus Frankfurt. Denn nicht Daten, sondern Ideen veränderten die Welt. Dabei liege der größte Unterschied zu Künstlichen Intelligenzen oder auch intelligenten Tieren darin, dass diese zwar lernen, aber im Gegensatz zum Menschen niemals verstehen könnten. Um dies zu verdeutlichen, zeigte Beck Bilder verschiedener Stühle, die von einer KI als solche identifiziert werden können. Sobald es aber an alternative Sitzmöglichkeiten wie einen Gymnastikball gehe, wäre bei der KI schnell die Grenze des Möglichen erreicht: Der Ball werde höchstwahrscheinlich nicht als Sitzmöglichkeit erkannt. „Wir sind ein Land ohne natürliche Ressourcen, sondern ein Land der Ideen. Das müssen wir uns zunutze machen“, erläuterte Beck. Für gute Ideen brauche es nicht viel, so der Neurowissenschaftler. Man müsse Denkmuster brechen, um sich von der Masse abzuheben, Ideen mit Gleichgesinnten, aber auch Andersdenkenden austauschen, dabei das Digitalisierbare digitalisieren und am Ende die Umsetzung der Idee wagen. „Denn die Sehnsucht nach neuen Ideen ist das stärkste Gefühl der Welt. Das müssen Sie als Händler sich zunutze machen“, plädierte er an das Publikum. Laut Beck geht es nie um das Produkt, sondern immer nur um die Idee des Produkts. Dies zeigte der passionierte Rennradfahrer anschaulich anhand zweier Bekleidungsgeschäfte für Radfahrer. Während im ersten, in Sydney stationierten Geschäft der Fokus auf dem Miteinander in der Community liegt, inklusive Kaffeebar und frischgebackenem Bananenbrot, zeigt sich das zweite Geschäft in geradezu nüchterner Gradlinigkeit, bei der die Informationsvermittlung zu den technischen Aspekten des Produkts im Vordergrund steht. „Am Ende werden Sie in diesen Geschäften jedoch ziemlich identische Produkte kaufen. Nämlich Radbekleidung für mehrere Hundert Dollar.“ Den Zuhörenden gab Henning Beck am Ende mit auf den Weg: „Haben Sie keine Angst vor Fehlern. Gehen Sie ins Risiko. Denn am Ende ist machen wichtiger, als etwas perfekt zu machen.“
„Haben Sie keine Angst vor Fehlern. Gehen Sie ins Risiko!“
Henning Beck|Neurowissenschaftler
Henning Beck, Neurowissenschaftler (Foto: Volkmar Heinz)
Dass sich die meisten Menschen zu wenig bewegen, ist traurige Wahrheit. Einen Impuls für die gesundheitlichen Vorteile von Bewegung gab Prof. Dr. Helmut Lötzerich von der Deutschen Sporthochschule in Köln. „Die Muskeln sind das größte Stoffwechselorgan des Körpers“, eröffnete der Sportwissenschaftler seinen Vortrag. Zunächst stellte er klar, dass auch moderate Bewegung, beispielsweise beim Spazierengehen oder Walken, schon einen positiven Einfluss auf die Gesundheit haben. An das Publikum gerichtet, bemerkte er: „Das ist für Sie ein Verkaufsargument, denn am Ende ist die Basis für das Gehen der richtige Schuh.“ Um zu verdeutlichen, was er damit meinte, zeigte der passionierte Sportler Anatomie-Bilder des Fußes. Denn dieser hat wie bei einem Stativ drei Druckpunkte, die entsprechend unterstützt werden müssen. „Nicht jeder Sport ist gut für den Fuß“, erklärte Lötzerich. Ballett, Klettern und Tanzen seien traditionell Sportarten, die den Füßen durch das falsche Schuhwerk eher schadeten. Dass Sport der Gesundheit nutze, zeigte der Fachmann in Experimenten, die die Sporthochschule in den vergangenen Jahrzehnten durchgeführt hat. Bei auf dem Laufband trainierten Mäusen zeigte sich, dass diese bei einer Krebserkrankung schneller genesen, wenn sie fit sind. Dies habe man inzwischen auch bei krebs- oder AIDS-erkrankten Menschen getestet, mit mutmachenden Resultaten. Als Tipp für das eigene Leben gab Lötzerich den Teilnehmenden mit auf den Weg: „Laufen Sie! Und wenn es nur eine Bahnhaltestelle weiter als gewohnt ist.“
„Laufen Sie! Und wenn es auch nur eine Bahnhaltestelle weiter ist als gewohnt.“
Prof. Helmut Lötzerich |Sporthochschule Köln
Inwieweit Polyurethan als Werkstoff für Komfortschuhe zum Einsatz kommen sollte, erläuterte Johan Van Dyck, Global PU Application Manager beim Materialanbieter Huntsman. Der Polyurethan-Spezialist wurde 1970 gegründet und versorgt unter anderem Schuhhersteller mit Material für Sohlen, Innensohlen und Schäfte. Laut Van Dyck hat sich Huntsman auf allen Ebenen dem Thema Nachhaltigkeit verschrieben. PU sei ein Material mit wenig Abrieb, das zudem auch einer erneuten Nutzung zugeführt werden könne. „Manche sagen, Materialrecycling funktioniert nicht mit PU. Das stimmt aber nicht.“ Sowohl physisches (Zerkleinerung) als auch chemisches Recycling, bei dem das Material in seine Bausteine zerlegt wird, seien möglich – und ebenso die Nutzung von PU als Brennstoff. Ein Problem ist für den Schuhexperten, dass von den derzeit 24 Mrd. jährlich produzierten Schuhen 85% im Müll landen. Schlimmer noch: 5 bis 10% der Schuhe kommen nie an die Füße. Auf dem Kompost braucht ein Schuh 35 bis 40 Jahre, bis er vollständig zersetzt ist. Van Dyck warb für PU als Alternative, um insgesamt weniger Komponenten im Schuh zu verarbeiten und ihn damit länger nutzen zu können.
„Manche sagen, Materialrecycling funktioniere nicht mit PU. Das stimmt nicht.“
Joan Van Dyck|Huntsman
Zwei große Megatrends standen im Zent-rum des Beitrags von Zukunftsforscher Kai Gondlach: zum einen die Themen Beschleunigung, Digitalisierung und KI und zum anderen Nachhaltigkeit, Dekarbonisierung und Defossilisierung. Im Hinblick auf das Thema Beschleunigung haben die Menschen bereits intensive Erfahrungen gemacht. Seit die ersten Homo Sapiens vor 315.000 Jahren den Erdball bevölkerten, gab es enorme Entwicklungssprünge, von der Erfindung des Rads über den Buchdruck bis hin zur Industrialisierung und der Kernfusion. Dabei sei diese Entwicklung nicht linear erfolgt, sondern in Wellen, so Gondlach. Zwischen Zeiten der intensiveren Entwicklung habe es immer auch Phasen gegeben, in denen die Errungenschaften adaptiert wurden. „Zukünfte entfalten eine Sogkraft in die Zukunft. Dadurch, dass wir über die Zukunft sprechen und mehr Menschen daran glauben, dass sie relevant ist, arbeiten Menschen und Unternehmen daran und investieren Forschungsgelder.“ Zugleich verhalte sich der Mensch paradox. „Das geballte Wissen der Menschheit steht im Internet zur Verfügung. Und wir schauen uns 15-sekündige Katzenvideos auf TikTok an“, so Gondlach. Ähnlich verhalte es sich mit der Faszination Metaverse, wo Menschen inzwischen 4.000 Euro für eine virtuelle Luxus-Handtasche bezahlen.
Der zweite Megatrend umfasst laut Gondlach nicht allein Nachhaltigkeit. Vielmehr müssen alle Unternehmen, die etwas produzieren, in eine Kreislaufwirtschaft übergehen. Das solle zu einer Selbstverständlichkeit werden. Es gehe nicht allein darum, weniger Müll zu produzieren, den CO2-Fußabdruck zu reduzieren und auf verschiedenen Ebenen in zahlreichen Maßnahmen die Umwelt zu schonen. Darunter fallen aber auch gesellschaftliche Aufgaben wie die Einhaltung von Menschenrechten und die Geschlechtergleichheit. Dies, so Gondlach, seien formulierte Ziele für die nächsten Jahrzehnte, mit denen man sich bereits jetzt intensiv befassen müsse. Weltuntergangsstimmung mit Blick auf die Zukunft, das sei eine Frage der Perspektive. Und die hänge von der individuellen Situation und Stimmung ab. Wesentlich sei es, sich zu überlegen – als Privatperson ebenso wie als Unternehmer – welche Maßnahmen notwendig sein. Es gelte, in Szenarien zu denken.
„Dadurch, dass wir über die Zukunft sprechen, arbeiten Menschen daran und investieren Unternehmen.“
Kai Gondlach |Zukunftsforscher
Als „Sinnput-Geber“ stellte sich Dr. Nico Rose, freischaffender Autor aus Hamm, vor, der am Dienstagmorgen als erster Referent nach dem Mikrofon griff. Der Titel seines Vortrages: „Des Frohsinns fette Beute: Positive Emotionen als Ressource in der Führung (nutzen)“. Als Einstieg zitierte er die vermeintlich chinesische Weisheit: „Wer nicht lächeln kann, soll kein Geschäft eröffnen“. Aber anders als viele erwarteten, überhäufte er sein Publikum nicht mit spaßigen Beispielen für besagten Frohsinn, sondern verblüffte mit der These: „Alle Emotionen sind für etwas gut.“ So kamen auch Trauer und Verlustängste in seinem Vortrag vor, Gefühle, die im Arbeitsalltag oft gedankenlos beiseite gewischt werden. Wer aber nicht genug Zeit bekäme, sich von Gewohntem zu verabschieden – selbst wenn es das ungeliebte Betriebssystem war – sei blockiert für das Neue. Wie dem mit Ritualen entgegenzutreten sei, dafür brachte der Gefühls-Experte einleuchtende Beispiele: der Friedhof einer Eiscremefabrik, auf dem an jede aus dem Programm genommene Sorte ein Grabstein erinnerte; überlebte Konzepte, die, zu Papierschiffchen gefaltet, dem Fluss anvertraut wurden…
Und dann ging es doch noch um die positiven Gefühle: „Richten Sie regelmäßig Ihre Aufmerksamkeit und die Ihrer Mitarbeiter auf das, was gut gelaufen ist.“ Das Beispiel hier: Jeder sendet am Freitagnachmittag eine Mail und beschreibt seinen zufriedenstellendsten Augenblick der Woche.
„Richten Sie Ihre Aufmerksamkeit auf das, was gut gelaufen ist.“
Dr. Nico Rose|Freischaffender Autor
Eine besondere Aufgabe im zweiten Vortrag des Dienstagvormittags hatte Moderator Prof. Andreas Kaapke, der sogar die ihm ungewohnte Rolle als Leistungssportler mit Humor annahm. Er musste nämlich ein kurzes Screening auf Fehlstellungen über sich ergehen lassen, mit dem der Referent Dirk Schwager, CPO Orthopädietechnikermeister;, Leiter Sportperformance Konzepte der Bauerfeind AG, Zeulenroda, sein Herangehen illustrierte. „Screening, Diagnostik, Versorgung – Bewegung ist die beste Therapie“, hatte Schwager sein Referat genannt, mit dem er erläuterte, wie die Bauerfeind AG deutschlandweit und international an der Seite von Sportlern steht und für deren Gesundheit sowie Leistungsfähigkeit alle Register der Versorgung zieht. Gleichzeitig verwies er darauf, dass solche medical Screenings auch Teil des Angebotes an den Fachhandel sind. In der sich anschließenden Fragerunde entspann sich nicht nur ein Disput um die Einlagenversorgung in Fußballschuhen, es ging auch um die Budgetplanung bei der Versorgung von Mannschaften. Schwager verwies in diesem Zusammenhang auf ganz unterschiedliche Kooperationsmodelle. Der Expertenblick auf den Moderator erbrachte übrigens das Urteil: „Da lässt sich was machen bei ihm.“
„Einen Sportler einmal versorgen kann jeder. Die langfristige Betreuung ist das Entscheidende.“
Dirk Schwager|Orthopädietechnikermeister
Einen gemeinsamen Vortrag hielten Dr. Philipp Hoog, Leiter Strategieberatung BBE Handelsberatung GmbH, München, und Peter Frank, Senior Consultant, BBE, als letzte Redner des Bequemschuhsymposiums 2023. Ihr Thema. „Kundenorientierte Handelsformate – die Suche nach Maximierung der Kundenansprache im Schuhfachhandel“. Hoog belegte anhand einer Fotoserie mit frisch geschlossenen und frisch eröffneten Geschäften die enorme Dynamik der Handelslandschaft in Innenstädten. Er schaute auch speziell auf den Schuhmarkt, in dem durch das Bündel von Krisen der vergangenen Jahre insbesondere der Schuhfachhandel (von 12% Marktanteil in 2019 auf 9% in 2022) und die Schuhfilialisten (von 51 auf 46 %) ein Bergab hinnehmen mussten, während die Onlineumsätze von Jahr zu Jahr steigen.
„Mit einem kuratierten Angebot ist man vielleicht nicht der Größte, aber der Beste für die Kunden.“
Dr. Philipp Hoog|BBE Handelsberatung
Der zweite Teil des Vortrages jedoch riss den Vorhang der Betrüblichkeiten beiseite und setzte ganz auf „Erlebnis, Emotionalisierung und magische Momente“. Wieder ging es um zahlreiche Beispiele, diesmal aber um Betriebe, die mit besonderen Geschäftsmodellen und Visionen Kundenerwartungen wecken und erfüllen. Ein paar Stichworte: Lauf-Events, ein persönlicher Fashion-Avatar, das Internet of Things auf der Fläche oder auch das Handeln im Metaversum…
„Die Kür im Handel ist die Community, die Interaktion mit einer starken Anhängerschaft.“
Peter Frank|BBE Handelsberatung
Als die Veranstaltung am 25. April gegen Mittag mit einem Dankeschön an alle Mitwirkenden ausklang, war im Foyer so manche herzliche Umarmung zu beobachten und nicht selten die Verabredung für das nächste Mal. Der Termin steht schon fest: Das 12. Bequemschuhsymposium lädt vom 21. bis zum 23. April 2024 nach Zeulenroda.