Auch wenn es hier um Damenschuhe gehen soll: Welche Schuhe tragen Sie selbst gerade?
Markus Brüning: Ich habe mich heute für einen salbeifarbenen Pulli entschieden, daher trage ich dazu auch salbeifarbene Sneaker.
Raten Sie auch Ihren Kundinnen, den Schuh so perfekt abzustimmen?
Natürlich, das ist ein absolutes Muss! Der Schuh ist das Allerwichtigste, er bestimmt den Look. Der falsche Schuh kann die gesamte Erscheinung ruinieren. Daher muss er genau auf jedes einzelne Outfit abgestimmt werden. Ebenso kann man mit dem Schuh jeden Look in eine andere Richtung drehen, in Richtung Sportivität genauso wie in Richtung Eleganz. Der Grad der Eleganz wird durch die Absatzhöhe definiert.
Sie folgen also ganz klaren Regeln?
Es gibt eben gewisse Grundsätze. Der wichtigste lautet: Der äußere Rahmen muss stimmen, in der Mitte kann man mogeln.
Das müssen Sie erklären!
Den äußeren Rahmen bilden Mantel, Tasche und Schuhe. Diese drei Elemente sind essenziell, da muss man auch investieren; alles, was in der Mitte ist, also Hose, Shirt oder Pulli, darf auch günstiger sein. Der Schuh spielt übrigens nicht nur beim Outfit, sondern auch für uns in der Beratung eine Schlüsselrolle.
Inwiefern?
Wir geben der Kundin zu jeder Anprobe einen passenden Schuh mit in die Kabine. Ich möchte keine Kundin barfuß vor dem Spiegel stehen sehen, insbesondere bei Kleidern, wenn es um Längen geht.
Ist da nicht alles erlaubt? Viele Frauen tragen ja auch zum Kleid vorzugsweise Sneaker.
’Geht das auch mit Sneakern?‘ Diese Frage höre ich in der Tat ganz oft, wenn eine Kundin im Kleid vor dem Spiegel steht. Wenn es um ein knielanges Kleid geht, lautet meine Antwort knallhart: ’Nein!’ Da ist das ein absolutes No-Go. Das gilt in diesem Fall übrigens nicht nur für den Sneaker, sondern meist auch für den Ballerina. Wer ein knielanges Kleid trägt, muss auch Absatz tragen, denn dieser Typ Kleid ist Eleganz – und die muss sich im Schuh fortsetzen.
Wie sieht es bei den anderen Rocklängen aus?
Ein längeres Kleid vergrößert den Spielraum bei der Schuhauswahl. Ab Wadenlänge ist auch der Ballerina eine Option. Der Mary-Jane sieht zu einem langen Kleid im Bohemian Style natürlich toll aus. Auch wenn ich persönlich den Ballerina insbesondere zur Hose cool finde.
Für den Sneaker und flache Absätze generell spricht ja auch der Komfort. Einen ganzen Abend auf Heels zu bestreiten, ist vielen, gerade nicht mehr ganz jungen Frauen nahezu unmöglich…
Daher rate ich meinen Kundinnen auch immer, bei Events zusätzlich zum eleganten Schuh ein Paar passende, schöne Schläppchen in der Tasche zu haben. Das ist in Anwaltskanzleien oder im Consulting ohnehin state of the art: Unterwegs trägt man Turnschuhe, dort angekommen steigt man auf Absatz um. Zu dem Typ Kleid, den man in diesem Umfeld Kleid trägt, sollten das zumindest Kitten Heels sein. Aber ich gebe zu: Es ist oft alles andere als einfach, diesen Anspruch umzusetzen; allein schon weil viele Frauen Hallux valgus haben oder Einlagen tragen müssen, was bei der Schuhauswahl und -beratung eine erhebliche Einschränkung darstellt. Glücklicherweise haben wir nebenan mit Zumnorde einen der besten Schuhhändler Deutschlands; darauf verweisen wir unsere Kundinnen immer sehr gern, wenn sie bei uns nichts Passendes finden.
Sie führen Schuhe von Luxuslabels wie Prada, Chloé, Bottega Veneta oder Brunello Cuccinelli. Sind Ihre Kundinnen beim Schuhkauf so spendabel wie bei der Mode?
Der Schuh muss in der Regel deutlich günstiger sein als das Kleid. Wer ein sehr hochwertiges Outfit oder Kleidungsstück kauft, will nicht auch noch eine sehr hohe Summe für den Schuh dazu ausgeben. Da wird schon eine deutlich andere Preislage angestrebt.
Gilt das für jeden Schuhtyp?
Ausschlaggebend ist in der Regel, wie häufig man einen Schuh tragen kann. Bei Schuhen für einen bestimmten Anlass wird auf den Preis geschaut. Wenn man ihn aber im Alltag häufig tragen kann, ist man großzügiger. Während und nach Corona war der Preis nicht im Vordergrund, wenn der Schuh gefiel. Inzwischen hat sich das gedreht: Die Kundin im Luxusgenre gibt zwar immer noch viel Geld aus – aber sie achtet sehr genau darauf, wofür.
In welchen Schuh investiert sie aktuell?
Zum Beispiel in einen Veloursleder-Slipper von Prada in Cognac oder Dunkelbraun für 850 Euro. Der war in 14 Tagen ausverkauft. Diesen Typ Collegeschuh kann man jederzeit und überall tragen, daher wurde über den Preis nicht groß diskutiert. Ein sehr hochwertiger Pumps ist demgegenüber sehr schwer verkäuflich. Es mag paradox sein, aber so ist es nun mal: Wenn eine Kundin schon in eine Hose, das passende Top und einen Glitzerpulli eine erhebliche Summe investiert, dann sollte der Schuh dazu dennoch deutlich günstiger sein.
Tut das nicht manchmal in der Seele weh?
Man muss anerkennen, dass sehr günstige Schuhe eine ungeheure Wirkung haben können. Ich war gerade auf einer Hochzeit, auf der die jungen Frauen alle Sandalen von Zara trugen, die einem Modell von Bottega Veneta sehr ähnlich waren, und dazu French Pedicure. Die Wirkung war spektakulär! Genau darum geht es: den Wow-Effekt für diesen einen Tag. Dass man die Schuhe danach vielleicht wegwerfen kann, ist egal.
Show-Schuhe dürfen nicht teuer sein, in den richtigen Schuh fürs wahre Leben ist man bereit zu investieren.
Genau. Solche Pumps müssen was hermachen, ruhig mit Glitzer und Steinen – aber bitte für kleines Geld. Allerdings muss man sich immer wieder bewusst machen, dass diese Prozesse oft komplett irrational sind. Wir hatten beispielsweise Schläppchen von Chloé mit Schaumsohle für 490 Euro: Die hat praktisch jede mitgenommen, obwohl knapp 500 Euro für einen Schuh vom Typ Badeschläppchen ja durchaus viel Geld sind. Von einem sehr schönen Schuh für 650 Euro dagegen haben wir von acht Paaren nur drei verkauft. Die Prada Slipper für 850 Euro wiederum wurden uns aus der Hand gerissen. Warum? Keine Ahnung. Anderes Beispiel: Bei Prada-Pumps wurde immer wieder moniert, dass das Logo zu dick sei. Bei besagtem Slipper dagegen hat genau dieses Logo niemanden gestört. Rational begründen kann man das alles nicht.
Vielleicht hat der Prada-Slipper ja emotional irgendetwas getriggert…
Ja, das denke ich auch. Schließlich geht es bei Mode um Emotion, um ein Lebensgefühl, darum, sich selbst etwas Gutes zu tun – und das gilt erst recht für den Schuh. Ein falscher Schuh vermittelt ein schlechtes Gefühl… als sei man sich selbst nichts Besseres wert. Bei dem Prada-Slipper haben sicher auch die warmen Brauntöne und das weiche Veloursleder eine Rolle gespielt.
Beides ist aktuell wieder neu.
Richtig. Velours hatten wir lange nicht mehr. Hinzu kommt der Komfort Gedanke, der ist existenziell. ’Oh, der ist aber schön weich‘, das habe ich bei diesem Schuh immer wieder gehört. Komfort ist das neue sexy? Absolut. Ein Schuh, der keinen Komfort hat, verdirbt die Stimmung schon bei der Anprobe. Es geht immer wieder um Komfort. Und bei Velours steht praktisch dran: Dieser Schuh tut nicht weh. Letztendlich bleibt so ein Erfolgsschuh aber ein Zufallstreffer. Obwohl wir natürlich wissen, worauf es in unserem Genre beim Schuh ankommt.
Worauf kommt es an?
Der Absatz sollte beim Pumps nicht höher als 6 cm sein, aber trotzdem nicht aussehen wie für Oma. Der Leisten sollte spitz sein, rund geht gar nicht, egal ob bei Pumps oder Ballerina, und das Material wie gesagt nachgiebig.
Gibt es einen Schuh, der immer geht?
Tolle Boots, eine tolle Stiefelette mit 4 cm Absatzblock, sicherer Stand – das läuft. Sneaker gehen natürlich auch immer; und wenn Farbe und Komfort stimmen und der Schuh ein luxuriöses Gefühl vermittelt, darf der Preis dies auch widerspiegeln. Dennoch: Es bleibt eine Gratwanderung. Eine Garantie gibt es nie. Sicher ist nur: Ohne den richtigen Schuh läuft gar nichts.
Was läuft bei Handtaschen?
Aktuell etwa Luxustaschen von Bottega Veneta in sehr großen Formaten. Die neue Diana Bag von Tod’s kommt ebenfalls gut an. Generell gut sind Totes. Der Hype um die ganz kleinen Taschen ist vorbei. Es geht jetzt wieder mehr darum, dass auch etwas in die Tasche hineinpasst. Es müssen nicht mehr unbedingt Cross-Body-Bags, es darf auch mal wieder Henkel sein. Farbe ist wichtig – aber Sommerfarben wie Salbei, helles Rosé, Nude oder Weiß sind mit Vorsicht zu genießen: Bei so hellem Leder ist die Reklamation quasi schon mit eingepreist. Helle Braun- und Naturtöne sind im Zweifel die bessere Wahl. Und natürlich Schwarz, das geht immer.
Welchen Stellenwert hat der Schuh gegenüber Tasche und Outfit für Ihre Kundinnen?
Die Tasche ist das Investment Piece schlechthin. Aber wenn eine Kundin einen Schuh gefunden hat, der ihr passt, der super bequem ist und toll aussieht, dann ist das ein Volltreffer. „Am meisten freue ich mich über den Schuh“, das hören wir an der Kasse immer wieder. Wenn beim Schuh alles stimmt, dann bekommen wir dafür mehr Lob als für den tollsten Kaschmirpullover.