„schuhhandelhatzukunft“ – was wollen die Initiatoren?
Interview zum Händleraufruf
- 10.08.2023
- Petra Steinke
- 8 Minuten
Interview zum Händleraufruf
Ingo Hänel: Wir sind alle recht aktive Händler und engagieren uns im Sinne der Branche. Roman Degenhardt ist Mitglied im BTE-Präsidium, Ulrich Volk und ich sind im Aufsichtsrat der ANWR Group. Wir verfügen über große Netzwerke, sind also regelmäßig mit vielen Händlerinnen und Händlern und auch vielen Herstellern im Gespräch. Wir sehen seit geraumer Zeit, was schief läuft, wo Probleme liegen und wie langsam sich manche Themen entwickeln. In der Branche hat sich ein gewisser Frust aufgebaut und das Gefühl: So geht es nicht weiter.
Roman Degenhardt: Ulrich und ich sind in der BTE-Gruppe zum Thema Datenaustausch aktiv. Diese Gruppe hat sich schon zweimal getroffen und wir haben in einem halben Jahr schon viele Themen umsetzen können. Man kann also gemeinsam etwas verändern. Nun sind es aber viele Stellschrauben, an denen gedreht werden muss. Und dafür reicht der Dialog allein unter Händlern nicht. Auch die Industrie muss dabei sein, ebenso wie die Verbundgruppen und Verbände von Handel und Industrie. Denn man wird bei manchen Themen auch mit der Politik sprechen müssen.
Ulrich Volk: Durch unsere Funktionen z.B. im Aufsichtsrat werden oft auch Themen an uns herangetragen und wir tauschen uns häufig aus. Wichtig ist mir bei unserer Initiative auch ein bestimmter Aspekt: Ich habe vielleicht noch fünf, sechs Jahre als Händler vor mir. Aber meine Tochter, die ins Unternehmen eingestiegen ist, wird noch 30 Jahre arbeiten müssen. Ich möchte nicht, dass sie mir später sagt: Du hast mich ins offene Messer laufen lassen. Wird es den Schuhhandel in 30 Jahren noch geben, wenn sich jetzt nichts verändert? Vermutlich nicht. Wir brauchen also eine Bestandsaufnahme. Und Veränderungen.
Roman Degenhardt: Es sind aktuell mehr als 130 Händlerinnen und Händler dabei. Ich habe mit vielen persönlich gesprochen und sie von unserem Vorhaben überzeugt. Es gab nicht viele, die den Brief nicht unterschrieben haben. Und es kommen auch jetzt täglich noch Händler aktiv auf uns zu, die noch unterzeichnen möchten.
Ingo Hänel: Uns war es wichtig, mit den Unterzeichnenden die Mitte des Marktes abzubilden, vom kleinen Schuhhaus bis zum größeren Filialisten. Es gab einige, die gesagt haben: Solche Aktionen haben noch nie etwas gebracht. Abgelehnt haben auch einige Unternehmen mit starkem Fokus auf Monomarken- stores. Aber um das mal ins Verhältnis zu setzen: Bei über 100 sehr positiven Zusagen und auch sehr großem Dank, dass jemand das Thema Dialog angeht, kamen bei uns drei Absagen an.
Ulrich Volk: Einige haben vielleicht auch individuelle Vereinbarungen mit Lieferanten, die sie nicht gefährden wollen. Uns geht es aber nicht um individuelle Vereinbarungen, sondern um das Ganze. Wir wollen nicht für 120 oder 130 Händler eine Lösung, sondern wir wollen sie für alle und für beide Branchen, sowohl Händler als auch Hersteller.
Roman Degenhardt: Ich kann keinen Zeitpunkt benennen. Sicher hat der Verlust der GDS als Leitmesse zu einer Störung geführt, und auch Corona hat sich sehr negativ ausgewirkt, weil es kaum noch Veranstaltungen gab, zu denen man zusammenkam. Früher, auf der GDS, waren alle Entscheider zugegen. Man hat sich getroffen und konnte sprechen. Es gab einen Austausch zwischen Unternehmer, Verkaufsleiter und Händler. Heute ist das kaum noch der Fall.
Ingo Hänel: Ein weiterer Grund, warum der Dialog verlorengegangen ist, ist der Start des Onlinegeschäfts. Das war für beide Seiten eine Möglichkeit, nicht so sehr auf den anderen zu schauen und erst einmal zu wachsen. Den Herstellern konnten stationäre Händler wegbrechen; dann verkauften sie eben mehr online. Und von den Händlern, deren stationäre Umsätze sich verlangsamten, haben auch einige online ihr Heil gesucht. Darüber hinaus kam der Dialog auch zwischen Händlern vielfach zum Erliegen, weil jeder sein Wissen für sich behalten hat.
Ulrich Volk: Jetzt ist der Punkt erreicht, an dem sich alle ein Stück weit neu ausrichten wollen. Sieht die Industrie die aktuelle Situation als ausreichend an oder haben die Unternehmen auch Bedarf, Zukunftsthemen zu besprechen? Wir wollen dafür am 4. September die Gelegenheit geben.
Ulrich Volk: Es geht nicht um Beweihräucherung und auch nicht um eine Jammersause. Unsere Agenda für den 4. September ist bewusst offen gehalten. Wir bekommen von den Verbundgruppen die Rückmeldung, dass sich in der Branche derzeit viel bewegt, weil wir, die Basis, einen direkten Appell an die Hersteller gerichtet haben. Es wäre wünschenswert, dass es nach dem ersten Treffen Arbeitsgruppen gibt, die strukturiert und zusammen mit den Verbänden an konkreten Themen weiter arbeiten. Welche Aspekte in welcher Reihenfolge wichtig sind, wollen wir gemeinsam besprechen.
Roman Degenhardt: Wir können nicht alle Probleme gleichzeitig lösen. Aber wir müssen anfangen, konkret zu sprechen. Das heißt, auch die Industrie muss sagen können, was sie bewegt. Und auch den Einkaufsvereinigungen und Verbänden kommt eine wichtige Rolle zu.
Ingo Hänel: Wenn wir jetzt schon konkrete Forderungen und Ziele formulieren, engen wir den Kreis und seine Möglichkeiten im Vorfeld ein. Wir müssen gemeinsam die dringlichsten Ziele festlegen. Und zusammen daran arbeiten. Dem einen geht es um die LUG, anderen um EDI-Anbindung. Manche werden vielleicht dabei sein und einfach erst einmal zuhören.
Roman Degenhardt: Es gab unmittelbare, größtenteils positive Reaktionen auf die erste Veröffentlichung im schuhkurier. Mit unserer Einladung zum Treffen in Mainhausen haben wir dann ca. 30 Lieferanten angeschrieben und eigentlich durchweg positive Antworten erhalten. Bereits jetzt haben mehr als 20 Hersteller für die Veranstaltung zugesagt; täglich kommen neue dazu. Ich muss sagen, ich bin begeistert! Das zeigt, dass auch die Industrie interessiert ist an einem echten Dialog.
Ingo Hänel: Da sage ich: Sie haben unseren ersten Brief nicht richtig verstanden. Er ist kein Angriff, sondern eine Handreichung. Es sollen Lösungen gefunden werden, die beide Seiten weiterbringen und vielleicht auch rentabler machen. Manche haben womöglich die ersten drei Zeilen gelesen und gleich gedacht, „der Handel will mehr Spanne“ – obwohl das im Brief gar nicht steht. Das ist nicht unser Ansatz! Ich höre, dass sich einige Lieferanten ohnehin schon mit der Situation im Handel auseinandergesetzt haben. Dort gab es bereits Sitzungen, in denen man sich die Frage gestellt hat: Was können wir tun? In diese Situation hinein kam unser Brief. Alle erkennen: Die eine Seite braucht die andere.
Roman Degenhardt: Jeder, der Fragen oder Bedenken hat, kann sich gern bei uns melden, auch unter der Mailadresse schuhhandelhatzukunft@gmail.com.
Ingo Hänel: Wir haben nicht den Anspruch, dass die komplette Industrie aufspringt. Das ist ja bei uns Händlern auch nicht so. Es gibt super Produkte, die kannst Du den Händlern umsonst in den Laden stellen und sie sagen: Nein, will ich nicht. So ist es auch auf Lieferantenseite. Die Aktiven auf beiden Seiten müssen zusammenarbeiten. Denen brennt es doch auch unter den Nägeln! Jeder hat seine eigenen Interessen. Diese müssen wir übereinanderlegen. Dann finden wir auch Lösungen. Und selbst wenn es so kommt, dass man Dinge zum wiederholten Male probiert. Wichtig ist doch, dass sich etwas bewegt.
Roman Degenhardt: Oft zielt diese Kritik auf pauschale Reduzierungen und Hauspreise. Auf die allermeisten Händler trifft das aber nicht zu. Sie machen ganz anständig ihren Job – und haben trotzdem keine vernünftige Rendite.
Ulrich Volk: In dem Zusammenhang könnte man auch über das Thema D2C und die pauschalen Reduzierungen dort sprechen. Aber es sollte keine gegenseitigen Beschuldigungen geben – sondern die gemeinsame Suche nach Lösungen.
Ingo Hänel: Reden müssen wir über die Risikoverteilung zwischen Industrie und Handel. Mir ist zum Beispiel auch ein Blick über den Tellerrand wichtig, etwa auf die Textil- und auch Sportbranche.
Ulrich Volk: Genau das ist doch ein Argument mehr für das gemeinsame Gespräch! Diese Hersteller müssten doch die ersten sein, die die Hand heben und sagen: Lass uns reden! Eine Firma, die jetzt schon sagt, sie stehe mit dem Rücken zur Wand, muss doch umso mehr am Dialog interessiert sein.
Ingo Hänel: Wir brauchen neue Kollektionen! Viele Hersteller bieten nur noch „Sicherheitsschuhe“ an, also Schuhe, die nicht wirklich polarisieren. Und wenn auch Händler nur noch auf Sicherheit kaufen, ist das nicht inspirierend.
Ulrich Volk: Es geht um das Thema Mut. Auch mal rechts und links den Blinker setzen und neue Wege gehen – als Hersteller und als Händler. Sich von anderen abheben – gepaart mit gutem Service, z.B. Nachlieferungen. Das macht dann allen Seiten Spaß.
Roman Degenhardt: Wir sehen, dass unser Produkt Schuh es dem Verbraucher leicht gemacht hat zu sparen. An diesem Standing müssen wir arbeiten. Auch hier sehe ich eine Arbeitsgruppe, die dazu Überlegungen anstellt. Die Branche hat in den zurückliegenden Jahren eine schlechte Lobbyarbeit für das Produkt gemacht. Wir müssen es schaffen, dass der Verbraucher wieder sagt: Schuhe können glücklich machen – anstatt: Eigentlich habe ich genügend Schuhe im Schrank….
Ingo Hänel: Es ist in der Krise schwieriger geworden, auch noch den zweiten Schuh zu verkaufen. Dafür gibt es spannende Zusatzprodukte und Nebensortimente. Taschen, Gürtel, andere Accessoires oder einen Tisch mit T-Shirts. Natürlich ist nicht jeder Schuss ein Treffer, aber oft hat man über diese Produkte den zweiten Schuh eben doch „drin“. Dass die Schuh-Stimmung zurückkommt, sehe ich kurzfristig nicht. Daher müssen wir anderweitig für Zusatz-Umsätze sorgen. Übrigens machen unsere Schuhhersteller bei den Accessoires auch einen immer besseren Job, auch hier kann man vieles noch weiter ausbauen. Warum ich das erwähne? Um einfach noch einmal zu unterstreichen: Die Schuhbranche ist doch eigentlich eine hochkreative Branche. Nur sind vielleicht alle Teilnehmer in guten Zeiten etwas zu bequem geworden. Jetzt aber drückt der Schuh, und die aktiven Händler – wie auch Hersteller – suchen sich ihre Wege nach neuen Produkten, neuen Konzepten, neuen „Bedarfen“, neuen Zusatzumsätzen – und auch neuen Wegen der Zusammenarbeit innerhalb der Branche.
Roman Degenhardt: Wir brennen für unsere Branche, und wir möchten, dass alle Marktteilnehmer den richtigen Weg einschlagen, dass alle wieder Spaß haben. Das wird eine Weile dauern, aber wir bekommen das zusammen hin.
Headerfoto: v.l.: Die Schuhhändler Ulrich Volk (Elzach), Ingo Hänel (Römerstein) und Roman Degenhardt (Bebra), die Initiatoren des Händleraufrufs an die Industrie. (Foto: Redaktion)
Sie haben Feedback oder Fragen an das Redaktions-Team?
Keine Ausgabe verpassen: Alles aus dem Shoe-Business - kritisch, tiefgründig und vielseitig. 100% Branchenwissen für Ihren Erfolg im Geschäft mit Schuhen. Gedruckt oder als ePaper + alle Inhalte der Website.
Abonnieren Sie den schuhkurier