Der Wahnsinn greift wieder mal um sich. Verbraucher, die sich in den letzten Tagen überlegt hatten, anlässlich des Saisonstarts (der angesichts der Witterung ja erst ab Anfang Oktober wahrgenommen wurde) einmal in die Stadt zu gehen, wurden schon auf den ersten Metern in der Fußgängerzone eines besseren belehrt: Die Saison ist mitnichten gerade gestartet – denn wir feiern bereits Mid Season Sale. Und das schon seit Mitte September.
Kauf zwei, nimm drei. 20% auf Stiefel und Stiefeletten. Satte Rabatte für alle, die auf Facebook ein ’Like‘ geben. Mode- und Schuhhändler übertrumpfen sich gegenseitig mit neonfarbenen Lockangeboten. Und auch online wird mit mehr oder weniger phantasievollen Schnäppchenaktionen um Kunden geworben. Warum plakatiert eigentlich noch kein Händler: „Nimm einfach alles gleich mit! Kostenlos!“ Das wäre die logische Fortsetzung des Rabatt-Irrsinns. Damit hier kein Missverständnis aufkommt: Dass bei 32 Grad, die immerhin noch vor wenigen Wochen herrschten, die Luft dünner wird und Panik sich breit macht, ist nachvollziehbar. Der September findet als rabenschwarzer Monat in der Bilanz des Handels Niederschlag. Da muss – kurz und knapp – Geld in die Kasse, und zwar möglichst schnell. Nur: Kommt über solche Aktionen denn überhaupt nennenswerter Umsatz zustande? Locken beinahe schon unmoralische Angebote dieser Art ernsthaft Leute ins Geschäft, die dann glücklich ein schönes neues Produkt kaufen? Am ehesten profitiert hier wohl der Onlinehandel, der dem Verbraucher Rabatte zuwirft, während dieser daheim auf dem Sofa sitzt.
Shoppen? Nur noch reduziert!
Wenn sich Freunde beim Treffen im Café nebenbei darüber austauschen, wo und wie sie gern einkaufen und dabei Sätze fallen wie: „Mal ehrlich: Wann habt Ihr eigentlich das letzte Mal ein Kleidungsstück oder ein Paar Schuhe zum regulären Preis gekauft?“ oder: „Wenn ich etwas bestimmtes haben will, dann google ich so lange, bis ich irgendwo ein Angebot finde. Zur Not warte ich die paar Wochen, bis es reduziert ist“, dann ist klar: Hier wurde nicht einfach wieder eine Saison vergeigt. Hier ist etwas grundsätzlich aus den Fugen geraten. Und das wahrscheinlich unumkehrbar. Denn derlei Aussagen werden inzwischen von Menschen getätigt, die sich das gute Kleidungsstück zum regulären Preis durchaus leisten könnten – die aber überzeugt sind, dass ’regulär‘ gleichbedeutend ist mit ’überteuert‘. Und: Man schämt sich dieser Haltung keineswegs, sondern findet sie eher zeitgemäß.
Allerorten – auch in dieser Zeitschrift – wird immer wieder aufs Neue gepredigt, man möge doch dem Verbraucher ’Geschichten erzählen‘, ihm besonderen Service bieten und Ware immer wieder neu inszenieren. Und zugleich wird all dies am Point of Sale mit der Brechstange zunichte gemacht. Im selben Moment. Wo das hinführen wird? Zu noch schrilleren Aktionen in der kommenden Saison. Und in die Verzweiflung.