Das können nicht viele: In diesem Jahr feiert Dr. Joachim Stoll das 15-jährige Jubiläum seines Onlineshops Koffer24.de. Noch im alten Jahrtausend wagte der Inhaber des Fachgeschäftes Leder Stoll in Frankfurt den Schritt ins Internet. Während sich viele “Onliner” der ersten Stunde wieder aus dem Netz verabschiedet haben, mischt der Internet-Vorreiter aus dem Lederwarenhandel weiter erfolgreich mit. Auf der “Webchance” setzte sich Stoll mit der Bedeutung des Internets für den inhabergeführten Fachhandel auseinander. LR sprach mit dem Fachhändler im Nachgang der Veranstaltung. Dabei wurde deutlich: Bei dem Thema geht es längst nicht mehr nur um die Frage, ob ein eigener Online-Shop Sinn macht oder nicht.
LR: Soll man als inhabergeführter Fachhändler heute noch einen Online-Shop eröffnen?
Joachim Stoll: Das kann ich nicht beantworten, befürchte jedoch, dass der Vorstandsvorsitzende der Rewe, Alain Caparros, Recht hatte mit dem Hinweis, dass die erfolgreichen großen Online-Händler keinen Bezug zur Ware mehr haben, sondern Spezialisten in Mathematik und Datenanalyse sind. Produktkenntnisse rücken in den Hintergrund. Das erwarte ich auch für unsere Branche. So hoch hängt die Latte für Neueinsteiger. Daher empfehlen wir vom Handelsverband dem stationären Handel, als erstes seine Auffindbarkeit im Netz zu verbessern. Dazu gehört auch, einmal seinen Laden selbst zu googeln. Was steht in den Bewertungsportalen über mein Geschäft? Wie sieht mein Gesicht im Netz aus? Rentiert sich die Anfahrt aus Kundensicht?
LR: Was ist mit einer Teilnahme auf Marktplätzen wie Amazon und Co.?
Stoll: Amazon und Ebay sind die Marktführer bei den Marktplätzen. Amazon ist ein zweischneidiges Schwert, denn es betreibt Eigenhandel im großen Stil. Alles wird analysiert – und die besten Artikel in den Eigenhandel gezogen. Danach bleibt für uns nicht mehr viel übrig, außer die Sortimentsbreite um die Renner herum anzubieten. Aber Frequenz und Umsätze sind gigantisch und ziehen viele Händler an wie Motten das Licht. E-Commerce-Forscher meinen daher, wir graben uns bei Amazon unser eigenes Grab. Ebay und Newcomer wie Rakuten – explizit ohne Eigenhandel – erscheinen da plötzlich nicht mehr als Bedrohung, sondern als Chance. Der Handelsverband Hessen wird hier zumindest informieren, welche Einstiegsmöglichkeiten es dort speziell für kleine Händler gibt.
LR: Wie verändert das Internet das klassische Handelsmarketing?
Stoll: Die Verschiebungen sind offensichtlich. Da die Auflage vieler Tageszeitungen sinkt, schwindet deren Bedeutung als Werbeträger für Prospekte und Anzeigen. Oft bei steigenden Preisen. Was bringt noch ein Inserat im gedruckten Telefonbuch? Und wie lange noch? Wir wissen, dass über das Handy in Zukunft große Teile der Kommunikation laufen werden. Social Media wird künftig ein fester Baustein im Handelsmarketing. Die ECE testet Center Apps. Städte wie Bensheim entwickeln Apps. Neue Zahlungssysteme wollen die Kunden mit integrierten Bonussystemen an sich binden. Hier muss man vor Ort alle Augen offen halten. Dabei sein. Denn keiner weiß, was sich durchsetzt: SMS ist plötzlich out, weil alle ,what’s appen’. Dabei steckte die lokale SMS-Werbung gerade in den Startlöchern. Nur Facebook scheint sich durchzusetzen. Noch.
LR: Gibt es Marketing-Alternativen abseits des Internets?
Stoll: Werbung im Lokalradio macht je nach Region und Sender nach wie vor Sinn. Events jeglicher Art sind ebenso erfolgreich. Der Aufwand ist zwar hoch, aber sie bleiben den Kunden im Gedächtnis. Wegen steigender Portokosten lohnen sich Mailings nur auf Basis einer sauberen, gepflegten Kundendatei und eines zugkräftigen Themas. Wir testen seit letztem Jahr Postwurfspezial mit spezieller Zielgruppenauswahl. Die Verbindung offline-online muss geübt werden. Generell kann die Zukunft aber nur in stärkerer Vernetzung liegen: in der Stadt, im Händlerverbund, mit der Markenindustrie. Die Strategie “Jeder Händler agiert für sich einzeln, ist gleich Einzelhändler” wird meines Erachtens nicht mehr lange funktionieren.