Frau Novotny, wie lautet Ihr 100-Tage-Fazit?
Martina Novotny: Ich gehe nie mit einem 100-Tage-Plan in eine neue Position. Vielmehr nehme ich mir die 100 Tage Zeit, um zu schauen, wie die Organisation funktioniert, was gut und was vielleicht veränderungsbedürftig ist, wo es Dringlichkeiten gibt und wo nicht. Diese 100 Tage sind schon rum. Ich habe mir die Zeit nehmen können, und das ist sehr gut. Und nun steht mein 100-Tage-Plus-Fazit an. Ich glaube, dass sich einiges verändern muss – und dass ich einiges verändern muss.
Haben Sie dafür Beispiele?
Die ANWR ist ein traditionelles und sehr erfolgreiches Unternehmen. Ich sehe den Luxus, dass man hier Dinge ohne Druck oder Not verändern kann. Ich komme aus Unternehmen, in denen immer restrukturiert wurde, es ging von einem Change-Prozess zum nächsten. Jetzt bin ich zum ersten Mal in einer Position, in der es ebenfalls um Veränderungen geht, ich aber auch die Zeit habe, um noch einmal mehr drüber zu schlafen, nachzudenken und eine Strategie zu formen. Nehmen wir das Thema Digitalisierung. Da ist in den letzten Jahren viel Gutes passiert. Manches müssen wir noch strategischer angehen und uns klare Ziele setzen. Wir müssen uns fragen, wie wir die Händler unterstützen können, wie wir Dienstleistungen konzipieren und wie ein Investmentplan dafür aussieht.
Empfinden Sie es als etwas Besonderes, dass Sie als Frau Vorstandsmitglied sind?
Für mich persönlich ist es nichts Besonderes. Ich merke aber, dass es für die Menschen drumherum manchmal noch etwas Besonderes ist, und das respektiere ich. Es zeigt mir, dass wir gerade das eine oder andere aufbrechen, von dem ich als Neue gar nicht wusste, dass es so war. Ich bin sehr positiv aufgenommen worden. Meine Kolleginnen und Kollegen waren sehr freundlich, sie erwarten aber auch etwas von mir. Und ich höre an der einen oder anderen Stelle auch: Endlich ist da mal eine Frau. Es dürfte also an der Zeit gewesen sein. Ich bin seit mehr als 15 Jahren im Handel in Führungspositionen. Ich will nicht sagen, es war immer leicht. Ich habe aber Karriere gemacht und die Jobs bekommen, die ich wollte und auf die ich hingearbeitet habe.
Es gibt wenig Frauen in der Schuhbranche. Das mag auch daran liegen, dass Mädchen und Frauen zurückhaltend bei MINT-Fächern sind. Und Frauen werden zurückgeworfen, wenn sie Mütter werden.
Ja, das glaube ich auch. Es liegt an der Erziehung und Sozialisation. Da muss sich die Kultur ändern. In meinen früheren Jobs habe ich gesehen, dass Frauen, die Familien haben, oft benachteiligt sind. Es gibt in Führungspositionen immer noch nicht die Situation, dass Frauen wie Männer gleichermaßen in Elternzeit gehen können, ohne automatisch einen Karriererückschritt zu haben. Das ist ein großes Problem. Ich kenne Frauen, die auf einem super Weg waren – und dann haben sie zwei Kinder bekommen. Auch wenn dann die Männer die Betreuung übernehmen, ist die Familiensituation eine andere. Man kann nicht mehr 12 bis 14 Stunden am Tag arbeiten und nicht mehr jeden Termin wahrnehmen. Im Vertrieb ist man nicht mehr so mobil. Damit rutscht man automatisch auf der Karriereleiter nach unten. Unternehmen müssen gewährleisten, dass eine Karriere in einer abgewandelten Form trotzdem möglich ist, ohne dass man dauernd diesen Spagat hat zwischen schlechter Elternschaft und schlechter Arbeit.
Was machen Frauen im Job anders als Männer?
Es heißt ja häufig, Frauen seien viel zu emotional. Das Gegenteil ist der Fall. Sie sind sachlich, sie wollen ihre Dinge erledigen, Lösungen finden und weitermachen. Männer sind häufiger Gossip-Träger als Frauen. Sie gehen manches eher spielerisch an und es wird nicht jedes Wort ernst genommen.
Man sagt auch, Frauen seien ängstlicher als Männer. Das mag sein. Dadurch aber, dass sie so pragmatisch sind, befassen sie sich kurz mit Herausforderung und der Angst, reflektieren das Thema und gehen den nächsten Schritt. Die Angst wird geringer, wenn man weiß, worauf man zuläuft.
Im Handel tut sich etwas: Es gibt junge Unternehmerinnen, die nachrücken und die Firmen ihrer Eltern übernehmen. Das ist eine gute Entwicklung!
Es sind gar nicht so wenige junge Unternehmerinnen! Wir schauen gerade, wie wir die Wahrnehmungen im Hinblick auf diese Händlerinnen schärfen können. Das eine ist, die Personen selbst in ihrer Arbeit zu unterstützen. Das andere ist, ihnen auch eine Bühne zu geben, zu zeigen, das geht, das es zum Erfolg führt und auch Spaß macht. Im Bereich IT mache ich übrigens das gleiche. 15% unserer Mitarbeitenden sind Frauen. Wir versuchen, deren Anteil zu erhöhen, um eine andere Art der Diskussions- und Unternehmenskultur zu erreichen. Wichtig ist mir zu betonen: Die Unternehmenskultur ist nicht schlecht, aber sie kann noch besser sein. Dabei reden wir aktuell nur über Frauen. Wir könnten auch über tatsächliche Diversifikation sprechen – davon sind wir noch meilenweit entfernt.
Man braucht dafür aber Flexibilität auf allen Seiten.
Das stimmt natürlich. Es gibt genug Frauen, die irgendwann in ihrem Berufsleben sagen: Ich habe jetzt andere Prioritäten. Das kann aus verschiedenen Gründen der Fall sein. Und dann ist es eben so. Die Frauen, die ich kenne und die solche Entscheidungen getroffen haben, haben dies sehr bewusst getan und waren sich der Konsequenzen bewusst. Ich habe aber auch diejenigen erlebt, die gesagt haben: Ich bekomme ein Kind und möchte nach drei bis sechs Monaten wieder arbeiten. Da muss dann Flexibilität geboten werden. Das ist die Pflicht des Arbeitgebers und meine Strategie, dann zu schauen, wie das gehen kann. Das erfordert in einigen Fällen ein gewisses Umdenken. Aber ich stelle fest, dass viele dafür sehr offen sind. Man braucht eben jemanden, der das vorantreibt. Aber das ist Führung, dafür sind meine Kollegen und ich da.
Ihre Aufgabenbereiche im Vorstand – IT, Digitales – würde man aus traditioneller Perspektive als Männerdomänen bezeichnen. Mussten/müssen Sie als Frau mit diesen Schwerpunkten besondere Überzeugungsarbeit leisten oder sich mehr beweisen als Männer?
Intern muss ich das nicht. Die meisten meiner Kollegen und Mitarbeitenden haben schnell gemerkt, dass ich weiß, wovon ich spreche. Nach außen merke ich, dass es manchmal noch Fragezeichen gibt. Die meisten schwenken aber schnell um – ob das aufgrund sozialer Erwünschtheit geschieht oder weil sie sich selber erwischen, kann ich nicht sagen. Es gibt aber immer noch Vorurteile. Ich habe einen wirklich guten Freund, als ich dem erzählt habe, was ich jetzt neues mache, hat er gesagt: Frauen in der IT, da wissen wir ja, dass das nichts wird. Sie können sich die Diskussion vorstellen, die wir an diesem Abend hatten. Ich beobachte, dass es bei Männern um die 40 manchmal merkwürdige Kommentare gibt. Die ältere Generation ist mir und meinen Kolleginnen gegenüber deutlich offener. Da heißt es: Endlich frischer Wind. Ich hatte in meiner Karriere schon Momente, in denen ich dachte: Wofür machst Du das? Aber ich hatte dann auch Frauen an meiner Seite, die mir gesagt haben: Du bist Rolemodel, du machst das nicht nur für Dich, sondern auch für andere Frauen, deren Vorbild Du bist. Das ist mir wichtig zu betonen: Wir sind in einer Gemeinschaft und in einer kulturellen Veränderung, die wir mit treiben müssen. Und das ist nicht immer leicht.
Wie wichtig ist Netzwerken in diesem Zusammenhang?
Es ist sehr wichtig. Ich bin im Netzwerken inzwischen ganz gut geworden. Zu schauen, was bei anderen passiert, wo man lernen und was man für das eigene Unternehmen mitnehmen kann, ist von großer Bedeutung. Ich achte auch darauf, mich mit Frauen zu vernetzen. Wir müssen das tun und uns dafür Zeit nehmen. Schauen, wie wir einander helfen, uns unterstützen und voneinander lernen können.