Im Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung distanziert sich Donald Tang, seit 2023 Vorsitzender des Verwaltungsrats von Shein, von dem Gedanken, das Unternehmen sei ein Fast-Fashion-Anbieter: „Im Zentrum unseres Geschäftsmodells steht die On-Demand-Mode. Wir sind kein Fast-Fashion-Unternehmen. Wir bieten das an, was sich unsere Kunden wünschen.“ Anstatt die Wünsche und Vorstellungen einiger weniger Designer in Masse zu produzieren, stelle sein Unternehmen die Wünsche der Verbraucher in Kleinstmengen her. „Wir stehen nicht für Massenprodukte, sondern für kleine Mengen von jedem Kleidungsstück. Wir haben die Lieferkette neu gedacht.“ Dabei stelle Shein Mode in der Qualität zur Verfügung, die von den Verbraucherinnen und Verbrauchern gewünscht sei.
Das Argument, tausende täglich in Frankfurt eintreffende Pakete überforderten den dortigen Zoll, lässt der Unternehmer nicht gelten: „Wir haben ein Team von Mitarbeitern vor Ort in Frankfurt, das eng mit dem deutschen Zoll zusammenarbeitet. Wir haben uns bewusst für Frankfurt als Umschlagplatz für einen Großteil unserer Produkte in Deutschland entschieden, um den lokalen Anforderungen bezüglich Zoll vollkommen gerecht zu werden.“ Compliance, Transparenz und Nachhaltigkeit hätten für Shein höchste Priorität: „Wir halten uns an die Regeln.“
Politische Bestrebungen, die aktuelle Gesetzeslage, nach der Lieferungen bis zu einem Warenwert von 150 Euro zollfrei bleiben, wovon wiederum Shein massiv profitiert, sieht Tang gelassen. „Es ist nach meinem Verständnis kein Schlupfloch. Es ist das Gesetz, und das gilt für alle. Wir profitieren offensichtlich davon. Wir arbeiten damit, genau wie jeder andere, der unter das Gesetzt fällt. Wenn andere finden, dass das nicht fair ist, stehen wir Änderungen sicher nicht im Weg. Das Einzige, das ich fordere, ist: Die Produkte sollten dann nach dem Großhandelspreis und nicht nach dem Preis im Handel verzollt werden. Gleiche Wettbewerbsbedingungen bedeuten, dass die Regeln für alle gelten – gleichermaßen und fair.“ Die Zollbefreiung sei jedoch nicht die Grundlage des Erfolgs von Shein. „Wir verkaufen, vor allem weil wir die beste Auswahl für den individuellen Geschmack haben, nicht wegen unserer Preise Es gibt eine Menge Unternehmen, die günstigere Sachen verkaufen als wir.“
Gegenüber Zwangsarbeit und Kinderarbeit gebe es bei Shein keinerlei Toleranz: „Derartige Lieferanten fliegen sofort raus, ohne Diskussion.“ Zudem arbeite Shein mit einer Zulieferer-Softwareplattform: „Die Produzenten müssen für uns vollkommen sichtbar sein, damit wir Aufträge zuteilen, aber auch Prüfungen durchführen können.“
Shein verkaufe keine Produkte in China, habe aber 90% seiner Lieferkette dort. In Europa sei die Türkei das Produktionszentrum. Dort sei Shein in kurzer Zeit zu einem der größten Exporteure geworden. Zudem verfüge das Unternehmen über Lagerhäuser in Italien und Polen. „Diese Lokalisierungsstrategie trägt jetzt Früchte. Wir haben kürzere Lieferzeiten, weil wir näher an den Kunden sind. Die Designs funktionieren auch besser. Wir wollen diese Strategie noch konsequenter weiterverfolgen.“
Künftig will Shein seine Leistung als „Supply chain as a service“ auch anderen Unternehmen zur Verfügung stellen. „Sie können auf unsere Plattform kommen und sich dann voll auf Design und Modetrends konzentrieren. Wir übernehmen alles andere.“