„Wir wollen auch weiter aus Deutschland heraus wachsen“
Interview mit Hendrik van Elten
- 07.01.2026
- Petra Steinke
- 1 Minute
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schuhkurier: Welche Schwerpunkte werden Sie in den kommenden Jahren bei Elten setzen?
Hendrik van Elten: Es heißt ja immer „Schuster, bleib bei deinem Leisten“ und genau das gedenken wir auch zu tun. Elten ist als Schuhhersteller, speziell für Sicherheitsschuhe, bekannt und diesen Weg werden wir weiterhin gehen. Wir sehen aber auch, dass sich in den nächsten Jahren der Arbeitsmarkt in Deutschland verändert und damit die Menge an potenziellen Sicherheitsschuhträgern eher sinken wird. Darauf müssen wir reagieren, um langfristig erfolgreich zu sein. Daher haben der Ausbau unserer Internationalisierung sowie das Erschließen neuer Industrien einen hohen Stellenwert, den wir weiterverfolgen. Es gilt zu hinterfragen, wo wir mit unseren Schuhen, unserem Service und unserer Marke den Trägern echte Mehrwerte bieten können.
Welche langfristige Vision verfolgen Sie für Elten in den kommenden zehn bis fünfzehn Jahren – in einem Markt, der sich technologisch und gesellschaftlich stark verändert?
Wie schon erwähnt muss Elten den Fokus auf internationale Märkte legen, um auf die demografische Entwicklung in unserem Kernmarkt zu reagieren. Die Vision ist, sich vom deutschen Marktführer zum europäischen und international agierenden Marktführer weiterzuentwickeln. Dabei müssen wir natürlich stets die Trends der Branche im Auge behalten und unser Portfolio entsprechend anpassen. Allein durch die Internationalisierung kommen andere Designs, andere Branchen und andere Ansprüche auf uns zu. Schon in Großbritannien stellt sich der Kunde heute einen anderen Sicherheitsschuh vor als der Kunde in Deutschland.
Wie stark verändern sich Anspruch und Verhalten der Kundschaft – etwa im Hinblick auf Nachhaltigkeit, Komfort oder Design? Und wie reagiert Elten darauf?
Die Zeiten der schweren Sicherheitsschuhe sind vorbei. Viele unserer Kunden sind mehrere Kilometer täglich zu Fuß unterwegs. Da zählen vor allem Leichtigkeit und Komfort. Aus meiner Sicht wird der Sicherheitsschuh immer mehr zum Lifestyle-Produkt – und das ist auch gut so. Heute zählen neben dem Schutz vor allem das Design, der Komfort und die Leichtigkeit. Wir verwenden viele Materialien, die auch im Laufschuhbereich eingesetzt werden, wie zum Beispiel die Dämpfungsmaterialien Super Critical Foaming oder Infinergy von BASF. Darüber hinaus bieten wir viele Add-ons an, die von den Kunden gerne angenommen werden. Allen voran die 3D-Fußvermessung inklusive orthopädischer Beratung, um auf Fußfehlstellungen reagieren zu können. Auch das erhöht wiederum den Komfort und damit auch die Zufriedenheit der Träger.
„Made in Germany“ – wie zukunftsfähig ist die Fertigung am Standort Uedem angesichts steigender Kosten und wachsendem Preisdruck im Markt?
Sicherlich waren die Rahmenbedingungen in Deutschland mal besser. Hier ist vor allem die Politik gefordert, dass der Standort Deutschland international wieder attraktiver wird. Das fordern viele Familienunternehmen seit Jahren. Nichtsdestotrotz sind wir mit unserem Unternehmen und der Produktion seit 1910 in Uedem verwurzelt. Dabei wird es auch bleiben. Wir wollen auch weiter aus Deutschland heraus wachsen.
Welche Rolle spielt das Thema Digitalisierung in Ihrer Unternehmensstrategie – sei es in der Produktion, der Kommunikation oder im Kundenkontakt?
Durch die Corona-Pandemie ist die Kommunikation schon deutlich digitaler geworden, sowohl im Team als auch mit den Kunden. Gerade bei kurzen Abstimmungen ist das auch mehr als hilfreich. Dennoch ist der persönliche Kontakt für uns nach wie vor entscheidend. Gerne laden wir unsere Partner nach Uedem ein, um ihnen auch die Produktion der Schuhe und das Gefühl für Elten näherzubringen. Das lässt sich so digital nicht darstellen. Darüber hinaus bin ich überzeugt, dass uns die Digitalisierung heute schon viele Möglichkeiten der Prozessoptimierung gibt. Dies wird sich noch rasanter entwickeln und hilft uns, uns auf die wirklich wichtigen persönlichen Momente zu konzentrieren. Repetitive Tätigkeiten werden mehr und mehr wegfallen, Datenanalysen werden vereinfacht. Das gibt uns den Raum, als Mitarbeiter noch gezielter und spezialisierter auf unsere Partner zuzugehen.
Welche konkreten Innovationsprojekte oder Produktentwicklungen stehen aktuell auf Ihrer Agenda? Gibt es zukunftsweisende Themen wie smarte Materialien, KI oder Individualisierung?
Wir haben auf der A+A mehrere Neuheiten vorgestellt. Zwei davon sind ein Ultralight-Sicherheitsschuh und eine Fußvermessungsapp mit Footprint. Das Modell „Tavixx“ aus unserer neuen Serie „Wellmaxx Feel“ ist der leichteste Sicherheitsschuh, den wir je gemacht haben und auch einer der leichtesten am Markt. Er zahlt auf die immer mehr verschwimmenden Grenzen zwischen privatem Schuh und Arbeitsschuh ein. Die App ist aus meiner Sicht einer der Trends der Branche in einem Bereich, in dem wir schon seit Jahren aktiv sind: Wir stellen die individuellen Bedürfnisse des Trägers in den Mittelpunkt. Passgenaue Schuhe, orthopädische Veränderungen und Einlagen sind hier gefragt. Durch Fortschritte in der KI wird es uns gelingen, noch individueller auf den Träger und dessen Anwendungsbereich einzugehen. Und das Ganze digital vor Ort. Wir sind damit weniger an Termine oder personelle Ressourcen gebunden.
Wie werden Sie die Unternehmenskultur verändern – etwa im Umgang mit Mitarbeitenden, in der Führungsriege oder in der Nachwuchsgewinnung?
Auch hier würde ich nicht unbedingt von direkter Veränderung sprechen. Schließlich ist die aktuelle Struktur in den letzten Jahren mehr als erfolgreich gewesen.
Ich denke, es wird uns gelingen, in den nächsten Jahren als Unternehmen noch demokratischer zu werden und mehr auf die Innovationskraft aus den eigenen Reihen zu setzen. Uedem ist nicht der Nabel der Welt, daher ist für mich entscheidend, dass wir weiterhin eine Kultur schaffen beziehungsweise diese bewahren, aus der wir als Unternehmen innovativ sein können. Das braucht einen gewissen Freiraum. Ich denke, diese Innovationskraft hat Elten immer ausgezeichnet, und das wollen wir beibehalten. Aber dafür müssen wir als Organisation stetig im Wandel sein.
Nachhaltigkeit ist längst mehr als ein Schlagwort – wie definieren Sie nachhaltiges Handeln für Elten konkret?
Aus meiner Sicht sieht man aktuell, wie Nachhaltigkeit missverstanden wird. Für viele Unternehmen war Nachhaltigkeit ein unternehmerisches Ziel, welches aber jetzt in Zeiten des Kostendrucks in den Hintergrund rückt. Für mich ist Nachhaltigkeit untrennbar mit Beständigkeit verbunden. Wir haben uns vor einigen Jahren dazu entschieden, den Weg stärker zu forcieren und sind dabei auch geblieben. Wir setzen dabei auf viele Punkte. Das betrifft die üblichen Dinge wie erneuerbare Energien oder energetische Sanierungen. Wir beschäftigen uns aber vor allem auch mit Recycling von Schuhen und haben aktuell erfolgreiche Projekte zur Reinigung von kurz getragenen Schuhen initiiert. Dadurch können wir den Müll und die Kosten bei Kunden mit hoher Mitarbeiterfluktuation signifikant reduzieren. Und genau das bedeutet nachhaltiges Handeln für mich bei Elten. Wir müssen die Balance finden zwischen dem, was ethisch und ökologisch richtig ist, was aber auch für uns und die Kunden wirtschaftlich darstellbar ist. Hier sind wir auf einem guten Weg und konnten auch dieses Jahr zum zweiten Mal in Folge die Platinmedaille von Ecovadis erreichen.
In Familienunternehmen ist das Thema Werte oft tief verankert. Was möchten Sie als nächste Generation bewahren – und wo setzen Sie bewusst neue Akzente?
Werte sind wichtig, dürfen aber nicht zum Nachteil werden. Viele Aspekte werden sicherlich bestehen bleiben. Traditionen – gerade mit Hinblick auf unsere Verwurzelung in Uedem, das Handwerk der Direktbesohlung und den Drang zur Innovation – bleiben bestehen. Sie bilden den Kern von Elten und werden uns auch in den kommenden Jahrzehnten definieren. Daneben sind aber auch Veränderungen nötig. Unser Markt wird globaler, agiler und vor allem durchlässiger. Es ist daher wichtig, dass auch Elten als Organisation immer agiler wird, um auf Veränderungen zu reagieren. Die Zeit der Vertriebsgebiete oder Branchen ist vorbei. Wir müssen da sein, wo der Kunde uns sucht. Agilität ist also sicherlich einer der zentralen Werte, die wir noch stärker verankern müssen. Und ich bin überzeugt, dass die strategische Beständigkeit eines Familienunternehmens diese Werte nur verstärken kann.
Wenn Sie in zehn Jahren zurückblicken: Woran würden Sie erkennen, dass der Generationswechsel wirklich erfolgreich war?
Ich würde dies an mehreren Punkten festmachen. Maßgeblich ist sicherlich der wirtschaftliche Erfolg. Es gilt, das, was mein Vater in den letzten Jahren aufgebaut hat, zu erhalten und weiter zu wachsen, internationaler zu werden.
Darüber hinaus ist es für mich ein Erfolg, das Vertrauen der Mitarbeiter zu haben. Wenn das Team, das für die bisherige Entwicklung von Elten verantwortlich ist, auch in der Zukunft den Weg mitgeht und sich darin wiederfindet, sehe ich das als große Bestätigung. Und ein weiterer Punkt ist natürlich der gemeinsame Übergang mit meinem Vater. Ich bin zuversichtlich, dass wir diesen gut gestalten und er mir danach beratend zur Seite stehen wird. Wenn auch er sich in einigen Jahren noch in der Ausrichtung des Unternehmens wiederfinden kann, bewerte ich den Generationswechsel als erfolgreich.
Auf der A+A präsentierte das Unternehmen Produktneuheiten, Innovationen und sein Orthopädie-Konzept. (Foto: Elten)
Was war für Sie persönlich der Moment, an dem klar war: Ja, ich will ins Familienunternehmen einsteigen?
Für mich war der Schritt eigentlich immer klar. Von klein auf habe ich mitgearbeitet. In den Schulferien im Lager, später auch in der Produktion und im Vertrieb. Mir war aber auch wichtig, andere Erfahrungen zu machen. Dazu habe ich neun Jahre in Berlin gelebt, dort studiert und rund vier Jahre für das Start-up Flink, dem europäischen Marktführer im Quick-Commerce, gearbeitet. Es war mir ein Anliegen, in einem anderen Umfeld zu arbeiten und von Leuten reflektiert zu werden, die nicht meinen Vater als Vorgesetzten haben. Ende 2024 haben mein Vater und ich dann gemeinsam entschieden, dass nun der richtige Zeitpunkt für den Eintritt ist. So bin ich im Januar bei Elten gestartet und bereue den Schritt keinesfalls.
Welche Werte oder Prinzipien aus der Elten-Tradition sind Ihnen so wichtig, dass Sie sie unbedingt bewahren wollen?
Beständigkeit. Ich habe vier Jahre in einem Start-up gearbeitet. Am Ende war ich einer der Mitarbeiter mit der längsten Unternehmenszugehörigkeit. Bei Elten sieht das natürlich anders aus. Viele Mitarbeiter begleiten uns ihr ganzes Leben. Teilweise bringen sie sogar die nächste Generation mit ins Unternehmen. Diese Kultur will ich unbedingt beibehalten. Ich sehe Elten nicht nur als ein Familienunternehmen der Familie van Elten, sondern auch der Mitarbeiter, die uns so lange schon begleiten.
Und umgekehrt: Wo sagen Sie ganz klar – das müssen wir heute anders machen als die Generationen vor uns?
Ich würde nicht sagen, das müssen wir anders machen. Man muss sich an die Zeit und die Ansprüche am Markt anpassen. Gerade ist der Markt geprägt von der anhaltenden Forderung nach Einsparungen. Darauf müssen wir reagieren können. Für mich ist die wichtigste Aufgabe, die Unternehmensprozesse regelmäßig zu hinterfragen und zu optimieren, um auch keine versteckten Kosten zu produzieren. Ich erwarte hier durch den Megatrend Künstliche Intelligenz noch weitreichende Entwicklungen. Am Ende müssen wir die Prozesse so gestalten, dass wir die Zeit mit möglichst wertvollen Interaktionen mit unseren Geschäftspartnern nutzen können und nicht mit Dingen, die sich automatisieren lassen.
Familienunternehmen stehen oft für langfristiges Denken. Wie stark prägt das Ihren eigenen Führungsstil?
Wie schon angesprochen, sehe ich nicht nur die Familie van Elten als Teil des Familienunternehmens, sondern all die Leute, die uns schon so lange begleiten. Mir ist wichtig, diese Kultur beizubehalten. Wir wollen eine positive Unternehmenskultur prägen, die sich durch lange Unternehmenszugehörigkeit, persönliches Wachstum und gemeinsame Erfolge auszeichnet. Das spiegelt sich hoffentlich auch in meinem Führungsstil wider. Ich möchte versuchen, die Menschen auf dem Weg der Veränderung mitzunehmen, neue Anreize zu setzen, aber auch von deren Erfahrung zu lernen. Ich bin überzeugt, dass wir mit einer demokratischen, aber dennoch klaren Führung das Beste erreichen und gemeinsam fürs Unternehmen Wertschöpfung erzeugen.
Wie erleben Sie das Zusammenspiel mit der älteren Generation – ist das eher Absicherung, Sparring oder Reibung?
Die Zusammenarbeit funktioniert sehr gut und harmonisch. Ich denke, man kann viel voneinander lernen, sich gegenseitig neue Impulse geben und Veränderungen positiv diskutieren.
Gerade im Übergang in die neue Generation in der Geschäftsführung klappt diese Zusammenarbeit mit meinem Vater sehr gut. Ich sehe es schließlich auch als Aufgabe eines Familienunternehmens, auf dem Erfolg der vorherigen Generationen aufzubauen.
Wie wollen Sie junge Talente für das Unternehmen begeistern – und welche Rolle spielen dabei Themen wie Nachhaltigkeit, Purpose oder Work-Life-Balance?
Sicherlich hat sich in den letzten Jahren der Blick auf die Arbeit geändert. Im Gegensatz zu der Generation davor bleiben junge Menschen nicht mehr zwingend ihr Leben lang im gleichen Unternehmen. Daher ist es heute noch wichtiger, Anreize und Perspektiven für neue Mitarbeiter aufzuzeigen. Dies ist auch unser Bestreben in den nächsten Jahren noch viel mehr. Ich bin der Überzeugung, dass durch Digitalisierung und KI einfache, repetitive Tätigkeiten immer mehr wegfallen. Das erlaubt uns, das bestehende Personal mehr zu spezialisieren und damit auch Mehrwerte für die Kunden zu schaffen. Ich denke, damit können wir bestehenden und neuen Mitarbeitern auch die Möglichkeit aufzeigen, sich entsprechend zu entwickeln und den Weg der Internationalisierung aktiv mitzugestalten.
Das mittelständische Familienunternehmen aus Uedem fertigt Fußschutz in über 115-jähriger Tradition, beschäftigt derzeit über 400 Mitarbeitende und erzielt eine Jahresproduktion von über 3 Mio. Paar Schuhen. Die Anwender und deren Bedürfnisse stehen laut dem Unternehmen im Mittelpunkt bei der Entwicklung neuer Modelle. Diese sollen nicht nur sicheren Schutz vor Verletzungen bieten, sondern auch die Anforderungen an Ergonomie, Tragekomfort, Gesunderhaltung der Füße und modernes Design erfüllen.