Wo Mode Alltag ist: Ein Streifzug durch Antwerpen
Unterwegs in einer Stadt voller Stil
- 10.12.2025
- Valentina Görke
- 1 Minute
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Headerfoto: Omoda (Foto: Redaktion)
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Aktuell existieren insgesamt 69 Schuhgeschäfte. Davon werden 40 unabhängig geführt, 29 gehören zu Filialisten. Die größte Präsenz im Stadtgebiet haben die Ketten Van Haren, Chaussea und Torfs mit zusammen acht Filialen. Daneben sind internationale Konzepte wie Courir, Foot Locker oder Snipes vertreten. Rund die Hälfte der Läden, insgesamt 35, befinden sich im Zentrum der Stadt. Insgesamt belegen die Schuhgeschäfte in Antwerpen eine Verkaufsfläche von rund 15.500 qm.
Sowohl in den Stores als auch auf den Straßen Antwerpens fällt auf, dass es den Menschen weniger darum zu gehen scheint, auffällige Labels zu zeigen, sondern vielmehr darum, den eigenen Stil zu repräsentieren. Diesen Anspruch spiegelt auch der lokale Einzelhandel wider. Die Auswahl reicht von internationalen Marken bis hin zu kleinen Boutiquen – und findet ihre Kundschaft: Mit jährlich 11 Mio. Besuchern ist die Meir Antwerpens belebteste Einkaufsstraße und eines der 15 beliebtesten Einkaufsziele Europas. Sie zieht damit noch mehr Besucher an als Brüssels Haupteinkaufsstraße Nieuwstraat. Die Kaufkraft in Antwerpen ist 45 % höher als der europäische Durchschnitt. Die Stadt wurde von den Einzelhändlern des Landes sogar zum beliebtesten Einkaufsziel Belgiens erklärt.
Auf der Einkaufsstraße Lombardenvest, im Herzen der Innenstadt, haben sich neben großen Namen wie Dries van Noten und Acne auch zahlreiche belgische und niederländische Marken angesiedelt. Eine von ihnen ist die niederländische Schuhmarke und Ladenkette Manfield, die mittlerweile mehr als 45 Filialen in den Niederlanden, Belgien und Deutschland zählt. Neben Dauerrennern wie Sneakern in allen Varianten stehen hier auch bordeauxfarbene Pumps in Samtoptik und spitz zulaufende Loafer im Animalprint in den Regalen. Die Saison laufe gut, berichtet eine Mitarbeiterin im Laden. Rund die Hälfte des Abverkaufs entfalle auf Sneaker, die übrigen 50 % teilen sich Loafer, Boots, Sandalen und Galanterie. Das Sortiment umfasst beinahe ausschließlich die Eigenmarke Manfield, ergänzt lediglich durch die Herrenschuhmarke Van Lier. Sneaker liegen durchschnittlich bei 130 Euro, Stiefel bei 200 Euro und Loafer bei 120 Euro. Damit liegt Manfield preislich noch unter vielen anderen Schuhanbietern in der Innenstadt. Doch die Kunden hier sind offenbar durchaus bereit, höhere Preise zu zahlen.
Das zeigt sich auch im Familienunternehmen Monar gleich nebenan. Inhaberin Els De Maeijer führt das Geschäft gemeinsam mit ihrem Bruder Tom. Ihre Eltern gründeten Monar 1967. Els De Maeijer führt ein bewusst kuratiertes Sortiment, von welchem sie auch nicht abweichen will. „Ich möchte mich nicht von Trends beeinflussen lassen. Ich kaufe ausschließlich das ein, was mir persönlich gefällt und was ich im Laden stehen haben möchte. Das ist eine reine Bauchentscheidung. Mein Gefühl sagt mir direkt, ob ein Modell für mich interessant ist oder nicht.“ Ebenso konsequent bleibt sie bei ihrer Preisstrategie. „Bevor ich etwas an meinen Preisen ändere, mache ich den Laden lieber ganz zu.“ Ihre Kunden wissen, was sie wollen und dass sie es bei Monar bekommen. Auf Sneaker wird bis auf einige ausgesuchte Modelle verzichtet. Nur wenige Meter weiter befindet sich mit Monar & Clothes die neueste Filiale des Unternehmens, die sich in den 2000er-Jahren als Gegenstück zum reinen Schuhladen entwickelte. Dort konzentriert sich das Angebot auf Sneaker und Streetwear. Damit spricht Monar gezielt verschiedene Zielgruppen an – anscheinend mit Erfolg. Auch hier spricht man von einer „sehr zufriedenstellenden Saison“.
Ein Aspekt, der sich durch Antwerpens Einzelhandel zieht, ist der Service im Laden. Hier wird sich Zeit für die Kunden genommen. Beratung spielt eine wichtige Rolle. Genau das also, was laut Konsumenten oft im deutschen Schuhfachhandel fehlt. Das Motto „Der Kunde ist König“ wird in Antwerpen großgeschrieben. Kundenfreundlich sind auch die fünf autofreien Straßen des Einkaufsviertels ‚Wilde Zee‘: Korte Gasthuisstraat, Wiegstraat, Lombardenvest, Groendalstraat und Schrijnwerkersstraat. Dort sind die szenigeren und exklusiveren Geschäfte angesiedelt, während sich auf der bekanntesten Einkaufsstraße Meir die großen Ladenketten befinden.
Von Monar geht es weiter zu Omoda. Der Store wurde 2013 eröffnet und ist die erste Niederlassung in Belgien. Auch hier reichen die Wurzeln weit zurück: bis ins Jahr 1875, als Lourus Jan Verton mit seiner Frau Mina das erste Geschäft in Zierikzee eröffnete. Daraus entwickelte sich Omoda, heute ein Familienunternehmen mit 32 Filialen. In den Regalen des Antwerpener Stores stehen vorwiegend Stiefel. Die Farben der aktuellen Kollektionen: Schokoladenbraun und Bordeaux. Deutsche Besucher kommen vor allem während der Ferien und an Feiertagen. Ein Aspekt, der sie anzieht, ist, dass Omoda auch Gabor im Angebot hat. Ein echter Verkaufsmagnet – vor allem, seitdem es keinen eigenen Gabor-Store mehr in Antwerpen gibt. „Viele ältere Menschen, die weite Schuhe brauchen, kaufen bei uns ein, weil sie wissen, dass wir Gabor-Schuhe anbieten“, so eine Mitarbeiterin.
Abzweigend von der Lombardenvest gelangt man auf die Kammenstraat, die lange als Straße der Alternativen galt. Heute ist sie zwar mainstreamiger, dennoch bleibt ihre Vergangenheit sichtbar. Im Fokus steht mit Läden wie Suspicious, Arte Antwerp und Carhartt WIP der Streetstyle. Dazu kommen spezialisierte Sneakerstores, darunter Drip Drops. Dort empfangen mich zwei junge Mitarbeiterinnen, Selin Taşdemir und Lisa Buzzi. Im Laden läuft Hip-Hop, an den Wänden reihen sich Modelle von Nike, Adidas, Air Jordan, New Balance, Asics und Yeezy. Aktuell gefragt seien Asics Gel, Travis-Scott-Sneaker, Nike Dunks sowie die Adidas-Klassiker Samba und Campus. Farblich dominieren Khaki, Camouflage, Bordeaux und Braun. Anders als reguläre Schuhgeschäfte setzt Drip Drops klar auf klobige Modelle. Low-Pro? „Das tragen Pinterest-Girls. Wir tragen Streetstyle.“ Die Kundschaft: vor allem Sneakerheads und Sammler, auch aus den USA und Großbritannien. Drip Drops kauft nicht direkt bei Herstellern, sondern bei Wiederverkäufern, die seltene Modelle anbieten – was Kauf- und Endpreise erhöht. Oft bringen Kunden besondere Paare direkt in den Laden. „Wenn Qualität, Zustand und Verpackung stimmen, nehmen wir sie ins Sortiment“, sagt Lisa Buzzi.
Wenige Meter weiter befindet sich Shoe Class, ein weiteres auf Sneaker spezialisiertes Geschäft. Gründer und Inhaber Marc Duwyn betreibt seinen Laden seit 45 Jahren. Ursprünglich als Skateshop gestartet, ist dieser seit 1980 auf der Kammenstraat ansässig und läuft aktuell besser denn je. „Wir wachsen pro Monat zwischen 20 und 30 %. Letzten Monat waren es zwar ‚nur‘ 10 %, aber wir können uns wirklich nicht beschweren“, sagt Duwyn. Zu den Bestsellermarken zählen Saucony, New Balance, Asics und The Mercer Brand. Großes Potenzial sieht Marc Duwyn für die spanische Marke Coolway. Besonders die silberfarbenen Modelle liefen momentan gut. Für den Winter prognostiziert er Bordeaux als Trendfarbe. Neben seinem Gespür für Trends spielt jedoch vor allem seine persönliche Beratung eine große Rolle. „Eine Kundin sagte neulich zu mir: ‚Ich kaufe meine Sneaker immer bei dir, weil du Erfahrung hast und mich berätst‘. Ich kenne die Größen, die Modelle und die Kunden.“ Auch seine Tochter arbeitet seit bereits 14 Jahren im Laden. Genau dieser persönliche Bezug sei es, der viele Stammkunden immer wieder zurückbringe.
Seiner Linie treu bleibt auch Zappa. Das vor 25 Jahren gegründete Schuhgeschäft setzt seit der Eröffnung der ersten Filiale Walk The Line im Jahr 2014 auf das Prinzip „Made in Europe.“ Laut Unternehmensangaben arbeitet Zappa ausschließlich mit kleineren Werkstätten und Herstellern in Italien, Portugal, Spanien und Frankreich zusammen. „Wir verkaufen nicht nur Schuhe, die gerade im Trend sind, sondern haben unseren eigenen Stil“, sagt Mitarbeiterin Flo de Vocht. Diese Besinnung auf den individuellen Stil scheint sich wie ein roter Faden durch Antwerpens Schuhhandel zu ziehen. Bei Zappa sind die Kunden richtig, für die es auch mal ein farbenfroher Schuh sein darf. Der Durchschnittspreis liegt bei 200 bis 300 Euro. Neben Sneakern kaufen Kunden hauptsächlich Boots. Auch die derzeit populären Modelle im Cowboy-Stil sind hier zu finden. Zappa setzt, wie viele andere, in der kommenden Saison auf die Farben Bordeaux und Dunkelgrün. „Wir verkaufen jedoch eher bunte Schuhe, auch im Winter. Dafür sind wir bekannt.“ Auch hier ist man mit der aktuellen Saison zufrieden, blickt jedoch mit gemischten Gefühlen auf den Herbst und Winter: „Im Winter kaufen die Leute nicht so viel, weil die Schuhe tendenziell teurer sind.“
Den Schlusspunkt setzen der Concept Store Graanmarkt 13 und der Herrenschuhhersteller Ambiorix – zwei echte Highlights des Antwerpener Einzelhandels. Ersterer liegt mitten im Theater- und Museumsviertel, zwischen dem Theater Toneelhuis und dem ehemaligen Wohnhaus von Peter Paul Rubens. Seit 15 Jahren betreibt Inhaberin Ilse Cornelissens ihr Geschäft. Ein Highlight dieses Jahr sei die Kollaboration zwischen der schwedischen Marke Tretorn und dem niederländischen Designkollektiv Kassl Editions gewesen: eine Gummistiefel-Interpretation des klassischen Loafers. Verkaufspreis: 140 Euro. „Verglichen mit den anderen Schuhen, die wir verkaufen, ist das ein sehr angemessener Preis“ – darunter zum Beispiel Schuhe von Aeyde, die zwischen 295 und 395 Euro kosten. Die amerikanische Marke Dear Frances ist erst seit Kurzem im Sortiment und mit Modellen ab 500 Euro deutlich hochpreisiger. Dadurch verkaufen sich diese momentan eher langsam, man müsse sich „erstmal einfühlen“. Insgesamt sei Graanmarkt 13 durchaus ein „High-End-Store“. Die Kundschaft kaufe sehr bewusst ein. Ilse Cornelissens möchte in ihrem Store eine Mischung aus modischer Spitze und zeitlosem Stil anbieten. Ein Verkaufsmagnet sei das Label Kassl Editions, dessen Mitgründerin Ilse Cornelissens ist. Auch „bordeaux- und silberfarbene Schuhe sowie High Heels funktionieren bei uns immer, ebenso wie die Marken Aeyde und Dear Frances. Klassiker wie Schwarz sind ohnehin immer gefragt. Auffällig ist außerdem, dass Schuhe vorne insgesamt weiter und runder werden. Den Trend sehe ich aktuell bei vielen Marken.“ Zur Veranschaulichung zeigt Ilse Cornelissens Ballerinas der belgischen Modedesignerin Sofie D’Hoore. Sneaker werden nicht angeboten. Das sei in erster Linie eine Entscheidung aus Platzgründen. Wert legt sie außerdem auf lokale Marken aus Belgien und den Niederlanden. „Viele Geschäfte bieten heutzutage ein sehr ähnliches Sortiment an. Darum möchten wir uns abheben und lokalem Design eine Bühne geben.“
Den Abschluss der Tour bildet das Traditionsgeschäft Ambiorix, das dieses Jahr sein 130-jähriges Bestehen feiert. Laut Store-Managerin Elke Baert ist Ambiorix das einzige Unternehmen in Belgien, das dort noch seine eigenen Schuhe produziert. „Aktuell werden viele formelle Schuhe verkauft, da viele unserer Kunden Hochzeiten oder Abschlussfeiern vor sich haben.“ Erstaunt sei sie über das Interesse jüngerer Kunden an eher klassischen, preppy Modellen. Stichwort: „Old Money“. Im Gegensatz dazu würden ältere Herren vermehrt zu jüngeren, sportlicheren Styles greifen. Die meisten Kunden sind zwischen 40 und 70 Jahren, darunter viele Stammkunden. Gefragt seien momentan dunkelbraune Modelle, was sich diesen Sommer bewährt habe. Deshalb wolle man auch bei der nächsten Sommerkollektion auf dunkle und gedeckte Farben setzen. Auch Wildleder sei ein Thema. Die Nachfrage ginge in Richtung runder und legerer Formen. Preislich bewegen sich die Sneaker bei 250 Euro, die formaleren Modelle bei 260 bis 330 Euro und die Boots bei ungefähr 400 Euro. Auf die Frage nach der Bedeutung deutscher Kunden für Ambiorix erklärt Elke Baert: „Die ist groß, denn gerade in Deutschland werden Langlebigkeit und Nachhaltigkeit wertgeschätzt.“
Statt blind dem Mainstream zu folgen, präsentieren viele Schuhgeschäfte in Antwerpen ein sorgfältig zusammengestelltes Sortiment, das oft den persönlichen Geschmack des Inhabers widerspiegelt – und demonstrieren, dass selbst in einem herausfordernden Marktumfeld Wachstum und Kundenbindung möglich bleiben. Auch der Fokus auf regionale Marken scheint ein wichtiger Aspekt zu sein. Man ist stolz auf belgische und niederländische Labels, die häufig besonders modische Modelle herstellen. Insgesamt zeigt sich das Angebot in Antwerpen stärker auf Mode ausgerichtet als auf Komfort. Viele Händler setzen auf ein klares Profil, persönliche Beratung und mutige Sortimentsentscheidungen. In erster Linie zeigt Antwerpen, dass Einzelhandel auch in den heutigen Zeiten noch Spaß machen kann und darf.