Zurück zum Rhythmus
Gespräch mit SABU-Geschäftsführer Stephan Krug
- 26.10.2023
- Petra Steinke
- 3 Minuten
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Gespräch mit SABU-Geschäftsführer Stephan Krug
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Headerfoto: SABU-Geschäftsführer Stephan Krug sprach mit schuhkurier über die Lage der Branche. (Foto: SABU)
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Viele Industrieunternehmen wünschen sich frühe Aufträge. Der Handel beklagt oft die Order im Blindflug. Hersteller, die noch spät in der Orderrunde Schuhe verkaufen, bemängeln zu geringes Interesse des Handels. Gibt es den richtigen Orderrhythmus für die Schuhbranche? Und wenn nein, wie kann man diesen neu gestalten? Ein Gespräch mit SABU-Geschäftsführer Stephan Krug.
Stephan Krug: Das Messethema ist ein essenzieller Bestandteil, wenn man über den Saisonrhythmus spricht. Beim Auftaktworkshop der Initiative #schuhhandelhatzukunft wurde das Thema erstmals auf breiter Front diskutiert. Und es ist ein undankbares Thema. Wir setzen uns seit Jahren damit auseinander und es gibt viele verschiedene Meinungen und Interessen. Daher sollte man im ersten Schritt einmal die Leitplanken diskutieren, die branchenweit gelten und innerhalb derer es dann einen gewissen Bewegungsspielraum gibt bzw. geben muss.
Über allem steht die Frage: Wann möchte der Konsument die Ware im Laden haben? Wir müssen konsequent kundenzentriert arbeiten. Hinzu kommen dann einige Einflussfaktoren. Zum Beispiel das Wetter. Da winken viele gerne ab, weil wir es nicht beeinflussen können. Was lehrt uns aber die aktuelle Saison? Sie lehrt uns, dass das Kaufverhalten auch sehr stark vom Wetter abhängt. Daher ist das mit den terminlichen Leitplanken so eine Sache. Denn wenn wir das Wetter mit einbeziehen, müssen wir mittlerweile auch über die Auswirkungen des Klimawandels sprechen. Das führt uns zum Beispiel zu Fragen wie: Brauchen wir wirklich noch Winterschuhe und wenn ja, wann? Aber auch ohne in diese Thematik weiter einsteigen zu wollen, muss man diskutieren, ob der bisher geltende Ansatz, dass zum Beispiel die Winterware am 1. September in den Geschäften sein muss, noch aktuell ist. Reicht es vielleicht auch erst im Oktober? Dabei müssen dann unter anderem noch die unterschiedlichen Ansprüche kleiner und größerer Händler und der Modegrad berücksichtigt werden. Aber man sollte und muss sich intensiv mit diversen Einflussfaktoren auseinandersetzen.
Die SABU-Messe soll es dem Handel ermöglichen, sein Sortiment optimal aufzustellen.
Ja. Wir operieren unter bestimmten Gegebenheiten, was etwa die Produktionszeiten und Produktionsstätten betrifft. Die Leadtimes umfassen in Asien ca. sechs Monate und in Europa fünf. Da sollte es aber künftig möglich sein, dass die Digitalisierung auch bei den Produzenten zu höherer Effizienz führt. Man müsste die Leadtimes mit dem Einsatz moderner Technologien doch verkürzen können. Das sehe ich im Moment leider noch nicht umgesetzt. Aber der gemeinsame Anspruch muss es doch sein, eine Zeitersparnis zu erzielen; also in Fernost die Leadtimes auf fünfeinhalb oder fünf Monate und in Europa auf viereinhalb oder vier Monate zu verkürzen. Zwei bis zu vier Wochen Erkenntnisgewinn können schon zu einem substanziell besseren Abverkauf führen. Im Kern ist es so, dass wir generell gesprochen zu wenig von der richtigen und zu viel von der falschen Ware haben. Dieses Problem zu lösen, hilft der Marge und dem regulären Abverkauf, und es reduziert Abschriften und Überbestände.
Es stimmt, wir waren vor Corona schon bei einer höheren Nachorderquote und „näher“ an der Saison. In der Pandemie haben wir uns angesichts der Lieferkettenproblematik der Lieferanten wieder einen zusätzlichen Puffer eingebaut, um Störungen aufzufangen. Was ich jetzt vermisse, ist die Rückwärtsentwicklung zum Status quo, den wir vorher hatten. Wir sind noch nicht dahin zurückgekehrt, insbesondere im Halbschuhbereich nicht.
Es ist für die Industrie vorteilhaft, frühzeitig Aufträge zu generieren und Produktionsstätten auszulasten. So erreicht sie einen gleichmäßigen Produktionsfluss und die pünktliche Auslieferung. Das ist effizient für eine Fabrik, weil sie auf diese Weise wegkommt von großen Peaks und hin zu einer gleichmäßigeren Auslastung. Das Thema ist also industriegetrieben. Dies bedeutet im Gegenzug für den Handel, dass er sich frühzeitig festlegen muss, ohne maximal aussagekräftige Abverkaufsquoten zu kennen. Ich glaube, dass dies die schlechteste aller Lösungen ist. Vielmehr muss man sich im Vorausblick überlegen, wann der Kunde welche Ware braucht und erwartet. Davon ausgehend, müsste man überlegen, ob man Sandalen nicht im Februar oder März, sondern vielleicht im April braucht. Womöglich sogar erst in der zweiten Aprilhälfte. Da würde ich eine gewisse Disziplin und Logik auf Industrie- und Handelsseite erwarten.
„Wir müssen uns im Austausch der Stakeholder auf Leitplanken und Zeitfenster einigen, innerhalb derer man vernünftig arbeiten kann.“
Stephan Krug|Geschäftsführer SABU
SABU-Geschäftsführer Stephan Krug sprach mit schuhkurier über die Lage der Branche. (Foto: SABU)
Mir stellen sich die Nackenhaare hoch, wenn Hersteller sagen: Was der Handel früh bei mir ordert, kann er nicht mehr bei anderen verplanen. Oder wenn Händler sagen: Ich fange früh mit der Order an, denn ich will irgendwann auch mal fertig werden. Ich halte beides für falsch bzw. kontraproduktiv. Wir wollen am Ende des Tages alle ein profitables Geschäftsmodell betreiben. Und das, was wir hier aktuell machen, tut dem nicht gut. Wenn man als Händler vernünftig und mit Wissen einkaufen will, ist dies erst ab einem bestimmten Zeitpunkt möglich. Ich höre von größeren Kunden auch das Argument: Ich muss viel einkaufen, daher muss ich früh anfangen, sonst schaffe ich das nicht. Da sage ich: Gut, wenn Dir das einen drei bis fünf Prozent schlechteren Abverkauf wert ist, dann mache es so.
Viele Händler reagieren auf solche Ansagen inzwischen sehr selbstbewusst nach dem Motto: Wenn Du das nicht garantieren kannst, dann kaufe ich da, wo man es garantieren kann. Die Industrie lebt zu einem großen Teil von den Aufträgen, die der Handel platziert. Und der Handel ist ihr Kunde. Er sollte das Gefühl haben, hier auch wie ein Kunde behandelt zu werden. Da sollte man sich nicht unter Druck setzen lassen. Generell ist der Konkurrenzdruck unter den Lieferanten allerdings groß genug, so dass es immer eine Alternative gibt.
Die aktuelle Situation führt dazu, dass sich Lieferanten mit alternativen Distributionskanälen beschäftigen müssen, sprich D2C bzw. E-Commerce. Dort wachsen die Bäume allerdings auch nicht in den Himmel, denn auch diese Kanäle konnten sich nicht von der allgemeinen Kaufzurückhaltung abkoppeln. Auch durch die gestiegenen Kosten – sprich Porto, Provision und Personal – ist E-Commerce eher unattraktiver geworden.
Daher richtet die Industrie den Fokus stärker auf die etablierten Marktteilnehmer. Da geht mehr, aber auch das hat seine Grenzen. Bei den Aufträgen für F/S sehen wir aktuell ein Minus von 5 bis 10%. Es ist also Druck auf dem Kessel bei den Lieferanten. Daher wird derzeit viel möglich gemacht, was vorher nicht machbar war, beispielsweise bei den Mindestmengen, dem selektiven Vertrieb oder anderen Vorgaben.
Wir müssen uns im Austausch der Stakeholder – Industrie und Handel mit den Verbundgruppen als Moderatoren – auf Leitplanken und Zeitfenster einigen, innerhalb derer man vernünftig arbeiten kann. Über allem muss stehen, was der Endverbraucher gerne hätte. Hinzu kommen Übergangszeiten, in denen man beispielsweise schon erste modische Themen zeigen kann. Aber zuerst müssen wir uns das große Ganze anschauen – und erst dann über Sonderfälle wie modische Sandalen zum frühen Zeitpunkt sprechen. Das „Einschleichen“ von neuen Warengruppen muss flexibel sein. Es gibt Marken, bei denen das gut funktioniert. Im Straßenschuhbereich sind wir ohnehin in der glücklichen Lage, dass für viele Marken der hiesige Markt der Heimatmarkt ist. Sie gehen auf die Anforderungen hierzulande recht gut ein. Aber trotzdem hat man sich vom Corona-Zeitplan nicht mehr zurückbewegt zu den vorherigen Zeiten.
Ein Argument lautet immer, Halbschuhe müssten früh kommen, damit wir einen längeren Abverkaufszeitraum haben. Für mich ist der Halbschuh längst ein Ganzjahresschuh. Wenn man über offene oder Winterware spricht, sage ich: Das passt. Bei den anderen Warengruppen braucht man aber ein stetiges Grundrauschen sprich laufendes Angebot und muss sich überlegen, ob man wirklich noch in Saisonrhythmen denken darf. Vielleicht sind sogar monatliche Lieferrhythmen denkbar.
Dazu kommt von der Industrie der Einwand: Der Handel will uns nur zweimal im Jahr sehen. Aber das ist das gleiche Argument wie „Ich kaufe im Juli nichts, da bin ich im Urlaub.“ Da sage ich: Ok, dann nicht. Am Ende wird das Geschäft vom Konsumenten bestimmt und nicht von unseren Urlaubsplänen. Man braucht grobe Leitplanken und innovative Ideen – und natürlich eine Verbesserung der Leadtimes. Es wird am Ende des Tages ohnehin so kommen, dass wir mit geringeren Paarzahlen leben müssen. Der Konsum geht klar in die Richtung: weniger kaufen, wertiger kaufen, länger nutzen und wieder verwenden, so dass die Materialressourcen, die zur Produktion aufgewendet werden, wieder in einen Kreislauf kommen. Überhaupt sind einige Kollektionen aktuell viel zu groß und zu vielfältig.
Das ist ein schwieriges Thema und nicht pauschal zu beantworten. Allgemein gesprochen sind für Damenschuhe meiner Ansicht nach 200 bis 300 Artikel ausreichend, für Herrenschuhe 100 bis 150. Bei Kinderschuhen muss man aufgrund der langen Größengänge von 200 bis 300 Artikeln ausgehen. Die Realität ist aber: Es gibt Marken, die präsentieren pro Saison 600 bis 800 Artikel, die sich teils nur in kleinen Details unterscheiden. Die sehen wir als Schuhkenner. Aber der Endverbraucher sieht sie nicht. Ein großer Auftrag eines Händlers würde um die 60 bis 70 verschiedene Artikel umfassen. Das heißt, es wird im besten Fall von den großen Kunden nur jeder zehnte Schuh geordert.
Wenn man einen Rhythmus hat, der am Bedarf des Konsumenten und zum Teil auch über das Wetter definiert ist und von dem die saisonalen Schuhtypen abhängen, dann kann man daraus einen gewissen Ablaufplan für eine Saison entwickeln. Der Endverbraucher will also zu einem bestimmten Zeitpunkt offene, sommerliche Ware. Davon abgeleitet ergibt sich die terminliche Einkaufs- und nachgelagert die Produktionsplanung. Und dann stellt sich die Frage, wie oft kauft der Handel ein, um den Anforderungen der Verbraucher unter Berücksichtigung der Leadtimes gerecht zu werden? Hinzu kommt dann das bereits beschriebene Grundrauschen mit Halbschuhen über das ganze Jahr. Der Händler muss sich überlegen, wie viele Termine er für die Order benötigt. Bei 60 Lieferanten braucht man entsprechend 60 Termine und dafür etwa 20 bis 30 Arbeitstage plus Vor- und Nachbereitung. Es gibt Händler, die alles auf einmal erledigen. Und es gibt Unternehmen, die die Order über einen längeren Zeitraum strecken. Aus meiner Sicht bieten sich drei Terminperioden je Orderrunde an. Man braucht zunächst einen Eindruck von dem, was modisch (Textil und davon abgeleitet im Schuh) kommt, also eine Messe, die den ersten Überblick bietet. Es ist für einen Großteil der Händler sehr wichtig zu wissen, was an Farben, Akzentuierungen und Modellen relevant wird. Und im Anschluss braucht man dann mindestens zwei Orderperioden idealerweise nach Lieferterminen/ Warengruppen.
Ich würde mir eine repräsentative Umfrage dazu wünschen, wie viele Akteure im Handel eine Auftaktmesse wünschen und wann diese wo stattfinden soll.
Ja. Daher war es auch die Idee von ANWR und SABU, das Angebot zu reduzieren und mehr Frequenz zu schaffen. Es gibt zu viele Messen für immer weniger Marktteilnehmer. Natürlich tragen die Ordercenter ihren Teil dazu bei, dass große Messen weniger branchenweite Relevanz haben; ebenso die Verbundgruppen, die ja auch ein zusätzliches Angebot schaffen. Dazu kommt eine gewisse „Erschöpftheit“ seitens der Händler und der Industrie. Es sind unterschiedliche Komponenten, die das Ganze spürbar beeinflussen, so dass eigentlich keiner aktuell mit der Frequenz bei den großen Messen zufrieden ist und alles zunehmend regionalisiert wird. Dabei spielt im Übrigen auch ein gewisser Convenience-Aspekt eine Rolle: Viele wollen nicht mehr so weit reisen, speziell kleinere Händler, die oft selbst im Geschäft stehen und dort in der Orderzeit zu lange ausfallen. Wir werden uns also konzentrieren müssen. Ich sehe keine andere Möglichkeit. Es müssen insgesamt weniger Veranstaltungen werden. Wir sind alle nicht mit der Frequenz zufrieden. Zudem müssen wir uns bemühen, Messen noch interessanter und attraktiver zu machen, so dass mehr Händler kommen und auf ein auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenes Angebot treffen.