„Digitalisierung im Handel ist eine Herausforderung für die Zukunft. Sie erfasst Unternehmen aller Größen und Branchen und beeinflusst die gesamte Wertschöpfungskette. Lassen wir uns nicht davon überrollen, sondern gestalten wir unsere Zukunft selbst“, mahnte BDSE-Präsidentin Brigitte Wischnewski zur Eröffnung des Branchentalks, der von BDSE und schuhkurier organisiert wurde und dem rund 70 Teilnehmer folgten.
Der E-Commerce-Experte Marcus Diekmann von der Agentur Shopmacher brachte es in seinem Vortrag ’Killer-Commerce – nur die Besten werden überleben‘ auf den Punkt: Die Umsätze in der Branche stagnieren, die Tendenz geht hin zum günstigen Schuh, gleichzeitig herrscht ein enormer Verdrängungswettbewerb zwischen dem Fachhandel, vertikalen Anbietern, Markenstores und Textiliten. Darüber hinaus habe der stationäre Handel das Potenzial von E-Commerce schlichtweg verpennt und sich von Pure Playern die Butter vom Brot nehmen lassen. Die Folge: Frequenzrückgänge in den Innenstädten und eine „allgemeine Rabattitis“, an der allein der Handel selbst Schuld trage.
Der Kunde sei bereits informierter als die meisten Verkäufer und entscheide sich in der Regel zunächst für ein Produkt, und erst dann für den Vertriebskanal. „Die Digital Natives werden erst noch zu Kunden“, betonte Diekmann und kündigte nach den aktuellen Sättigungsanzeichen für die Zukunft weiteres Wachstum im Onlinehandel an. Um davon zu profitieren, dürfe der stationäre Handel erfolgreiche Online-Stores aber keinesfalls kopieren. Er müsse sich entweder im Netz auf ein bestimmtes Sortiment spezialisieren oder aber seinen Webauftritt vor allem als Marketing- oder Serviceinstrument nutzen. Mit der Angebotsbreite von Zalando und Amazon könne der Fachhandel es ohnehin nicht aufnehmen.
Kunden suchten im Netz durchaus nach lokalen Händlern oder erhältlichen Marken, scheiterten aber meist an der Auffindbarkeit. Absolute Pflicht sei somit für jeden Händler zumindest eine Internetpräsenz mit Adresse und Öffnungszeiten und die Angabe der geführten Marken. „Geschäftsmodelle müssen völlig neu durchdacht werden“, so Diekmann, „nicht die Wünsche der Händler sind wichtig, sondern die des Kunden.“ Und diese gingen längst über Click & Collect, lange Rückgabefristen und Kauf auf Rechnung hinaus.
Dass das Thema Digitalisierung über Multichanneling hinaus geht, machte Referent Markus Müller von GS1 Germany bewusst und stellte die Vorteile des digitalen Informationsaustauschs zwischen Handel und Industrie heraus. „EDI sollte jeder Unternehmer zur Chefsache machen“, mahnte Müller und beleuchtete die Vorteile hinsichtlich Prozessoptimierung und Einsparung von Kosten und Zeit. Neben der höheren Geschwindigkeit und Transparenz bei der Nachversorgung mit Ware sei EDI die Voraussetzung für die elektonische Regalverlängerung, für Onlineplattformen und Marktplätze. Auch eine standardisierte Begrifflichkeit von Produkten, und somit deren bessere Auffindbarkeit im Netz, könne EDI leisten. Voraussetzung dafür sei aber die Bereitschaft des Handels, sich mit neuester Technik auseinanderzusetzen und diese am PoS zu nutzen. „Es reicht nicht aus, das Tablet an- und wieder ausschalten zu können“, so Müller.
Wie es um die Digitalisierung des Handels in der Praxis steht, zeigte die anschließende Podiumsdiskussion mit Rexor-Geschäftsführer Günter Neunaber und den Schuhhändlern Rudolf Berg und Wigand Sauer. Letztere führten ihre Erfahrungen mit eigenen Onlinestores und Social Media aus. Dass die zwingende Ausseinandersetzung mit Digitalisierung oftmals nicht der Realität entspricht, stellte Neunaber mit wenigen bitteren Worten fest: „Es gibt noch Händler, die nicht einmal eine Homepage haben. Das ist tragisch.“
Einen ausführlichen Bericht über das Marktgespräch Schuhe lesen Sie in schuhkurier Ausgabe 46.