Interview mit Ringschuh-Geschäftsführer Wilfried Harml

„Jetzt wird’s eng“

Seit dem 17. November gilt in Österreich ein harter Lockdown. Wie geht der Schuhhandel mit der neuen Lage um? Fragen an Ringschuh-Chef Wilfried Harml.

Wie überraschend kam die Entscheidung der österreichischen Regierung, nun erneut in den Lockdown zu gehen, für den österreichischen Schuh- und Modehandel?

Trotz Lockdown-Light seit Anfang November stiegen die Infektionszahlen täglich und drastisch, da die Warnungen und Empfehlungen der Bundesregierung zunehmend ignoriert wurden. Deutlich erkennbar war die Wechselwirkung zwischen Handel und Gastronomie. So gingen die Umsätze in der 1. November-Woche bei unseren Händler um -40,9% und in der Folgewoche um 27,8% zurück. Zugleich stieg jedoch nahezu täglich die Zustimmung der Händler, dass nur mit einem harten Lockdown die Infektionen einzudämmen sind. Dieser ist seit dem 17. November Realität.
Essentiell für unsere Händler wird sein, welche Maßnahmen von der Bundesregierung getroffen werden, um den Umsatzausfall auszugleichen, da die Ware auf Lager liegt, nicht mehr storniert werden kann und bezahlt werden muss. Stand heute wurde versprochen, dass es einen Umsatzausgleich zwischen 20% und 60% zum Vorjahr geben wird. Gelten Schuhe – wie beim Fixkostenzuschuss – als verderbliche und saisonale Ware, sollte mit einem Ausgleich zwischen 40% und 60% zumindest der Wareneinsatz abgegolten sein.

Aus der Erfahrung der letzten behördlich verordneten Schließung – wie haben sich Händer gewappnet für den neuen Lockdown?

Nach relativ zufriedenstellenden Umsätzen im  Juli, August, September und Oktober blickte man optimistisch nach vorne. Sich auf einen Lockdown vorzubereiten ist nahezu unmöglich, da die Ware im Lager liegt und bezahlt werden muss. Ein zusätzliches Problem sind die vielen zusätzlich gewährten Valutierungen. Durch diese Zahlungsaufschübe wogen sich die Händler in Sicherheit, jetzt laufen diese aus und die großen Warenrechnungen werden fällig, ohne Umsätze erzielen zu können. Jetzt wird’s eng. Viele befürworten den harten Lockdown jedoch aus sozialer Verantwortung und zum Wohle der Allgemeinheit, um möglichst schnell wieder die Infektionszahlen zu senken.

Was raten Sie den Unternehmern in den bevorstehenden Wochen?

Die Befürchtung, dass ein großer Umsatzanteil ins Internet wandert, ist zu beachten. Unsere Qualitäten liegen vor allem im stationären und persönlichen Bereich mit hoch qualifizierten Mitarbeitern. Es hat sich im ersten Lockdowns gezeigt, dass eine starke Kundenbindung zu den Händlern besteht. Viele Händler sehen Online-Umsätze als Zubrot aber nicht als Ersatz. Das soll aber nicht heißen, dass man ohne einen zeitgemäßen und aktuellen Internetauftritt auskommt und auch laufend über die sozialen Medien mit den Kunden kommuniziert. Unsere Empfehlung für die kommenden Wochen ist, die Geschäfte, das Umfeld und die Mitarbeiter so auf Vordermann zu bringen, dass es ab 7. Dezember wieder so richtig losgehen kann.

Wie viel Umsatzrückgang bedeutet der neuerliche Lockdown im Schnitt für österreichische Schuhhändler? Und wie sehen Sie die aufgelaufene Entwicklung für 2020?

Die Umsätze unserer Händler von August bis Oktober waren mit einem Plus von 4% absolut zufriedenstellend, obwohl ganze Warengruppen wie z.B. „Anlass-Schuhe“ komplett ausgefallen sind. Je besser die Lage der Geschäfte, umso mehr Probleme hatten die Händler, benötigte Umsätze zu generieren, da die Kundenfrequenz und der Tourismus fehlt. Von Kunden gesucht wurden Sportlichkeit, gute Qualität und gute Passform. Der üblicherweise starke November wird uns ein Umsatzminus zwischen 60 und 70% bescheren. 

Login für Abonnenten
Sie möchten alle Inhalte lesen?
  • Website-Login
  • E-Paper-Zugang
  • Alle Newsletter
Helge Neumann / 18.11.2020 - 11:01 Uhr

Weitere Nachrichten