„Wir klagen nicht, um andere zu ärgern“

Warum Verdi gegen Sonntagsöffnungen vorgeht

Orhan Akman ist Bundesfachgruppenleiter Einzel- und Versandhandel bei Verdi. (Foto: Kay Herschelmann)
Orhan Akman ist Bundesfachgruppenleiter Einzel- und Versandhandel bei Verdi. (Foto: Kay Herschelmann)

Verdi verhindert durch zahlreiche Klagen verkaufsoffene Sonntage. Warum geht die Gewerkschaft gegen die Aktionstage vor? Fragen an Orhan Akman von Verdi. 

Verdi lehnt trotz der Corona-Krise verkaufsoffene Sonntage ab und geht  vielerorts gerichtlich gegen Sonntagsöffnungen vor. Warum?

Die Ladenöffnungsgesetze der Bundesländer sehen vor, dass Sonntagsöffnungen nur in Verbindung mit einem besonderem Anlass zulässig sind. Wo diese Vorgabe durch die Kommunen nicht eingehalten wird, gehen wir mit rechtlichen Schritten dagegen vor. Verdi hat das Grundgesetz nicht geschrieben. In diesem wird der arbeitsfreie Sonntag
jedoch besonders geschützt. Es ist problematisch, wenn für den Konsum ein gesellschaftlicher Konsens wie das Grundgesetz aufgekündigt und aufgeopfert werden soll. 

In zahlreichen Handelsunternehmen stößt Ihr Vorgehen jedoch auf Unverständnis… 

Wir klagen nicht, um andere zu ärgern! Wir klagen nur dann, wenn das Gesetz gebrochen wird. Es ist paradox: Wir, Verdi und die Allianz für den freien Sonntag, gelten als „die Spielverderber“, obwohl wir für die Einhaltung des Gesetzes sorgen. Es wäre vielmehr notwendig, wenn sich die kommunalen Verwaltungen nicht einseitig an den Wünschen der Unternehmen vor Ort orientieren, sondern sich als Vertreter der gesamten Bevölkerung verstehen würden. 

Könnte in der aktuellen Situation nicht auf den Anlassbezug verzichtet werden, da Stadtfeste etc. aufgrund der Corona-Pandemie schlicht nicht stattfinden können?

Seit 1989 erleben wir eine ständige und schrittweise Liberalisierung und Ausdehnung der Ladenöffnungszeiten. Diese hat jedoch nicht zu einer Stärkung des mittelständischen Fachhandels oder des stationären Einzelhandels geführt. Im Gegenteil: Allein seit 2010 sind knapp 40.000 Unternehmen und Läden aus dem Markt verdrängt worden und mussten Insolvenz anmelden. Und nun soll der Sonntag die strukturellen Probleme des Einzelhandels lösen? Die Fortsetzung der Deregulierung ist keine Lösung und nicht im Sinne des Fachhandels. Wir sollten uns vielmehr wieder verstärkt mit der Regulierung des Marktes und mit den Auswirkungen der
Plattform-Ökonomie beschäftigen. Die großen Online-Player müssen in die Verantwortung genommen werden. Sie begehen Tarifflucht, nutzen die  öffentlich finanzierte Infrastruktur und zahlen zugleich kaum Steuern. Das darf so nicht weitergehen und hier sehen wir dringend politischen Handlungsbedarf. Auch der HDE muss sich die  Frage gefallen lassen, warum sie ausgerechnet Amazon als „oT-Mitglied“ (ohne Tarifbindung) im Verband aufnehmen. Mit Billiglöhnen und Tarifflucht machen Unternehmen wie Amazon das Leben von Facheinzelhandel und tarifgebundenen Unternehmen schwer. Ich möchte jedenfalls nicht, dass die Menschen ihre Schuhe künftig nur noch bei Zalando, Amazon oder Alibaba kaufen. 

Das vollständige Interview mit Orhan Akman lesen Sie in schuhkurier 38/2020. Das ePaper der Ausgabe finden Sie hier.

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Helge Neumann / 16.09.2020 - 09:25 Uhr

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