Roundtable zum Re-Start des Handels

„Wie kann es weitergehen?“

Diskutierten über den Re-Start der Branche: 
(mittlere Reihe) Thomas Hüser, Leo Faltmann, Tobias Eichmeier, 
(unten) Stephan Krug, Friedrich Werdich, 
(obere Reihe) Helge Neumann, Petra Steinke, Holger Knapp
Diskutierten über den Re-Start der Branche: (mittlere Reihe) Thomas Hüser, Leo Faltmann, Tobias Eichmeier, (unten) Stephan Krug, Friedrich Werdich, (obere Reihe) Helge Neumann, Petra Steinke, Holger Knapp

Im Gespräch mit schuhkurier diskutierten Branchenvertreter die herausfordernde Situation. Sie fordern von der Politik mehr Beachtung, eine klare Öffnungsperspektive und auf Mode- und Schuhbusiness zugeschnittene Hilfen. 

Anmerkung der Redaktion: Das Roundtable-Gespräch fand am 29. Januar statt.

schuhkurier: Wir haben Sie zu dieser Diskussionsrunde unter dem Motto „Re-Start“ eingeladen. Wo steht die Branche gerade? Wie schätzen Sie die Situation ein?

Tobias Eichmeier: Im Moment ist die Lage schwer einschätzbar. Die Anzahl der Infektionen geht zurück, das ist positiv. Es ist wichtig, dass die Läden wieder so schnell wie möglich öffnen könnten. Alles nach Anfang März wäre für den gesamten Einzelhandel eine absolute Katastrophe. Die Lage im Handel ist prekär. Der Lockdown führt zu massiven wirtschaftlichen Schäden. Zum Zeitpunkt des Lockdowns hatten wir Abverkaufsquoten von durchschnittlich 50%. Kinder lagen etwas darüber, Herren deutlich darunter. Das sind dramatische Zahlen. Von der Politik werden vollmundig Hilfen versprochen und angekündigt. Allerdings sind die Voraussetzungen für die Überbrückungshilfe III so ausgestaltet, dass diese für unsere Mitglieder keine große Unterstützung wären. Man muss sehr genau das Kleingedruckte lesen. So hatten auch nur rund 15 bis 20% unserer Mitglieder überhaupt Zugangsberechtigung zu den Überbrückungshilfen I und II.
Trotzdem bleiben wir mit der Politik im Gespräch, und werden die gewonnene Aufmerksamkeit nutzen, um den Einzelhandel besser zu positionieren. Mit der Marketingaktion #LocalShoeLove und der Initiierung der bundesweiten Social Media Kampagne #KaufLokal und in direkten Gesprächen mit dem Bundeswirtschaftsministerium machen wir weiterhin auf den lokalen Fachhandel und dessen Mehrwert für die Gesellschaft aufmerksam. Alle Aktivitäten zahlen auf den Erhalt von vitalen Innenstädten und Gemeinden ein.

Stephan Krug: Ich rechne damit, dass es vor dem 1. März nichts wird. Wenn wir Pech haben, erst am 15. März oder noch ein wenig später. Die Auswirkungen werden schlicht katastrophal sein. Das betrifft die gesamte Modebranche. Wir haben aus Berlin erfahren, dass noch an den Details der Überbrückungshilfen III gearbeitet werden soll. Die bestehende Regelung zu den Teilwertabschlägen ist viel zu kompliziert gestaltet. Das können die Unternehmen bzw. die Steuerberater gar nicht leisten. Es ist noch vieles in Bewegung. Das ist einerseits positiv, weil es noch Nachbesserungsbedarf gibt. Auf der anderen Seite kommt dies viel zu spät. Das Geld muss nun schnell fließen. Wir brauchen jetzt Mittel zur Unterstützung der betroffenen Händler. Wir können nicht länger warten. Ansonsten geht ein Licht nach dem anderen aus. Wir müssen uns aber auch einmal Gedanken machen, wie es nach dem Lockdown weitergeht – auch wenn das aktuell schwer fällt. Damit meine ich Themen wie die Belebung der Innenstädte, die Gleichberechtigung des stationären Handels und des Onlinehandels und die weitere Digitalisierung. Diese Krise hat einige Themen verschärft bzw. an die Oberfläche gebracht, die dringend bearbeitet werden müssen. Und dann gibt es da noch das Thema Rekapitalisierung der Unternehmen. Wie gehen wir mit dem Eigenkapital-Verzehr um, der stattgefunden hat? Wie können Unternehmen mittelfristig wieder ein vernünftiges Rating bekommen? Ich rechne mit einer wirtschaftlichen Erholung erst gegen Ende 2022. Bis dahin steht uns noch eine ganz, ganz schwierige Zeit bevor.
 

Herr Werdich, Sie haben gemeinsam mit anderen Händlern die Initiative #handelstehtzusammen gegründet und damit für viel Aufmerksamkeit gesorgt. Ende Januar hatten Sie erneut ein Gespräch mit der Wirtschaftsministerin von Baden-Württemberg. Haben Sie das Gefühl, dass Sie mit Ihrem Anliegen von der Politik verstanden werden?

Friedrich Werdich: Ja, durchaus. Wir konnten unsere Kritik an der aktuellen Gestaltung der Überbrückungshilfen III vortragen und es ist auch Verständnis für unsere Vorschläge und Forderungen da. Die große Hürde liegt auf der Bundesebene. Wir müssen daher noch stärker an das Bundeswirtschaftsministerium und das Bundesfinanzministerium heran. Insbesondere das Finanzministerium hat bislang gemauert. Wir hoffen, hier in Kürze durch Gespräche ebenfalls weiter zu kommen, auch wenn es nur sehr langsam geht. Grundsätzlich will man in Berlin nicht von dem Modell der Fixkostenentschädigung abweichen. Dabei wäre das faire und noch dazu unbürokratische Rohertragsmodell für alle Beteiligten das Beste gewesen. Schade, dass sich die Politik von den Vorteilen nicht überzeugen lässt. Dieser Zug ist abgefahren. Wir müssen nun all unsere Anstrengungen darauf ausrichten, die Missstände aufzuzeigen und versuchen, das Schlimmste zu verhindern.

Stephan Krug: Es ist ganz wichtig, dass plakativ Druck von der Straße kommt, so wie es unter anderem durch #handelstehtzusammen und „Wir machen Auf_merksam“ bereits geschehen ist. Ansonsten bewegt sich nichts. Genauso wichtig ist es, auf der politischen Ebene im persönlichen Gespräch Themen anzusprechen und die handelnden Personen zu sensibilisieren bzw. aufzuklären. Da herrscht leider eine große Unkenntnis und eine gewisse Realitätsferne. Uns rennt die Zeit davon. Unglücklichweise  waren die ersten Ausarbeitungen speziell zur Überbrückungshilfe III handwerklich schlecht gemacht. Das hätte man von Anfang an besser machen müssen. Es werden momentan viele Verbesserungen diskutiert, aber perfekt wird die Lösung nicht sein, weil bereits der Ausgangspunkt falsch war. Wir brauchen schnell konstruktive und faire Entschädigungen für die enormen Schäden, die unseren Händlern durch die staatlich angeordneten Schließungen entstanden sind. Für die Zukunft heißt das, dass wir uns und die Interessen unserer Branche viel stärker als in der Vergangenheit in politische Prozesse einbringen müssen.

Tobias Eichmeier: Die Hilfen sind extrem wichtig und stehen derzeit völlig zu Recht im Fokus. Zugleich benötigen wir Klarheit über den Eröffnungszeitpunkt. Diese Salamitaktik, den Lockdown alle drei bis vier Wochen wieder zu verlängern, kann so nicht weitergehen. Nur um das klarzustellen: Wir alle erkennen die Notwendigkeit der Maßnahmen grundsätzlich an. Aber es ist meiner Meinung nach falsch, dass vor allem der Einzelhandel, die Gastronomie und die Kultur die Last tragen. Das ist bitter. Vor allem auch, weil die Hilfen nicht ausgewogen fließen. Einerseits erhält Galeria Karstadt Kaufhof bis zu 460 Mio. Euro, andererseits sind unsere Mitglieder gar nicht in der Lage, die Hilfen zu beantragen. Wir brauchen Klarheit darüber, wann und wie wir öffnen können und die Kunden wieder in die Läden bekommen. Im Moment sind die Verbraucher nämlich auf anderen Kanälen unterwegs.
 

Friedrich Werdich: Laut dem ZDF-Politikbarometer empfinden nur 3% der Deutschen die Einschränkungen beim Einkaufen als störend. Das ist erschreckend. Es muss uns gelingen, wieder eine positive Stimmung zu erzeugen und Erlebnisse zu bieten. Dazu gehört für mich eine lebendige Innenstadt. Eine Anmerkung zum Thema Öffnungstermin: Mir ist es lieber, später mit vernünftigen Inzidenzen zu eröffnen als jetzt verfrüht, wo eh keiner in die Geschäfte kommt. Und dann droht uns womöglich ein dritter Lockdown im April. Im Übrigen braucht der Handel die Gastronomie an seiner Seite. Das haben wir im November gesehen. Nur dann gibt es ein Erlebnis in der Innenstadt. Ich bin überzeugt, dass mit den Frühlingstemperaturen auch die Lebensfreude wieder zurückkehren wird. Umso wichtiger ist es, im Einklang zu eröffnen, damit die Kunden wieder angstfrei in die Innenstädte kommen.
 

Thomas Hüser: In der Gastronomie ist der Druck nicht so groß wie im Handel, weil hier ausreichend und zielgenauere Hilfen fließen. Erschrocken bin ich, wie wenig Kenntnisse in der Politik über die Prozesse im Einzelhandel vorhanden sind. Den Einkaufsvereinigungen bin ich ebenso wie der Initiative von Herrn Werdich dankbar, dass sie sich einsetzen und Druck ausüben. Wir sind hier vor Ort in Kontakt mit unseren Bundestagsabgeordneten und versuchen Aufklärungsarbeit zu leisten. Da taucht dann natürlich die Frage auf, was die Handelslobby in den vergangenen Jahren in Berlin getan hat. Die Hilfen, die angeboten werden, sind für uns Schuhhändler nicht zielführend. Jetzt aktuell wird Liquidität benötigt. Ein Gastronom kann den Einkauf schneller stoppen. Das funktioniert bei uns nicht. Ich habe lange vor diesem Lockdown Ware bestellt, die ich jetzt bezahlen muss. Die Instrumente wären doch vorhanden gewesen. Man hätte z.B. einen Liquiditätshilfekredit der KfW modifizieren können. Das wird auf zwei Jahre tilgungsfrei gestellt. Direkt mit vereinbart wird ein Restschuldverzicht nach dieser Zeit abhängig von einem nachzuweisenden Rohertragsverlust. Das wäre für beide Seiten transparent gewesen und hätte uns weitergeholfen. Ich denke auch, dass es erst 2022 zu einer Entspannung der Lage kommen wird. Aber bei uns stehen jetzt die Ordertermine für Herbst/Winter an. Wir setzen bei jeder Ordersaison wieder immense Summen für den Wareneinkauf der kommenden Saison ein. Und das muss jetzt in der Hoffnung gemacht werden, dass es dann nicht wieder zu einem Lockdown kommt. Das sorgt für Frust.
 

Herr Faltmann, Sie sind mit ihrem Beratungsunternehmen im Schuh- und Modehandel aktiv. Was erleben Sie derzeit in der Praxis?


Leo Faltmann: Wir haben es mit einer komplexen Lage zu tun, die die gesamte Modebranche betrifft. Was passiert eigentlich mit den Lieferanten? Die wissen auch nicht, wie es weitergeht und bekommen keine Hilfen. Auch das wird eine Baustelle. Gestern habe ich erfahren, dass eine Sparkasse in NRW alle Textilhändler komplett in die Sanierungsabteilung geschickt hat, weil das Branchenrating so schlecht ist. Das muss man sich mal vorstellen! Und was passiert eigentlich mit der Winterware? Wir haben nicht mal eine Klarheit, wie diese Ware bewertet wird. Dabei müssen wir schnell sein. Die F/S-Ware kommt und die Industrie will ausliefern, weil sie die Produktion vorfinanziert hat. Wir fahren auf Sicht und können uns das eigentlich gar nicht leisten.
 

Stephan Krug: Das Argument gegen die Neuberechnung ist, dass es sehr schwer nachvollziehbar und wenig transparent ist. Das ist ein komplett neuer Prozess. Es gibt doch einen auch steuerrechtlich etablierten Prozess über die Teilwertabschreibungen. Das funktioniert seit Jahren reibungslos und die Finanzämter kennen das Konzept. Warum bleiben wir nicht bei diesem Konzept? Es ist doch alles da! Das lässt sich sehr leicht umsetzen. Die jetzige Regel ist unbrauchbar.
Ich möchte noch einen Punkt ergänzen: Stichwort Kapitaldienstfähigkeit. Wir sehen jetzt schon, dass aufgrund der bestehenden Lage sehr viele Händler vom Markt quasi in die Sanierung wechseln, weil sie die Kriterien der Kapitaldienstfähigkeit nicht mehr erfüllen können. Ich finde daher den Vorschlag gut, KfW-Kredite in Mezzanine-Kapital umzuwandeln, dann wechselt diese Position von einer Fremdkapitalposition in eine bilanztechnische Eigenkapitalposition. Das stärkt das Eigenkapital und verbessert das Rating. Wir müssen uns schnell um das Thema Rekapitalisierung kümmern. Die Kreditversicherer haben sich dazu ganz deutlich geäußert: Wenn der Schutzschirm ausläuft, streichen wir dem Handel die Limits weg. Und das wird ein Riesenproblem.
 

Thomas Hüser: Das macht mir bei dieser Abschreibungsvariante  auch Angst. Dem Kapitalverzehr durch diese Maßnahme steht kein entsprechender Ausgleich entgegen. Letztlich führt das zu einem Verzehr des Eigenkapitals. Im schlimmsten Fall habe ich als Händler dann nicht nur Finanzierungsschwierigkeiten durch die am Boden liegende Branchenbewertung, sondern zusätzlich noch durch diesen Verzehr des Eigenkapitals. Dann finde ich mich nicht mehr in der Sanierungsabteilung der Bank wieder, sondern direkt in der aktiven Abwicklung.
 

Stephan Krug: Das muss man zusammen betrachten. Dazu gibt es nur wenig Lösungsvorschläge. Eine Idee war ja, die Kriterien für die Kapitaldienstfähigkeit aufzuweichen. Das wurde sofort abgeblockt. Ich habe auch noch keine 100% Antwort darauf. Wir werden mit unserer Bank eine Zwischenfinanzierung anbieten. Aber das löst das Problem des Ratings und der Rekapitalisierung nicht. Es verschafft nur Zeit, um an Lösungen zu arbeiten.
Ich hatte letzte Woche ein Gespräch mit Bundestagsabgeordneten. Einer sagte zu mir: „Wir sind nicht da, um dem Handel eine Vollkaskoversicherung zu geben.“ Ich habe ihm erklärt, dass er da etwas völlig missverstanden habe. Wenn man bei 30% Umsatzverlust 40% der Fixkosten erstattet bekommt, hat das nichts mit Vollkasko zu tun. Da sind signifikante Verluste aufgelaufen und dafür wollen wir einen kleinen Ausgleich erhalten. Das ist sicher nicht großzügig bemessen. Was großzügig bemessen ist, war die Hilfe für die Gastronomie. Knausrig wollen sie jetzt bei uns sein. Und da schwillt mir der Kamm.

 

Leo Faltmann: In der Bekleidungs- und Schuhbranche ist das Thema Warenfinanzierung sehr wichtig. Wir müssen auch die Perspektive der Industrie in Betracht ziehen. Ein Hebel wären Staatsbürgschaften für die Warenfinanzierung.


Tobias Eichmeier: In einem normalen Jahr stehen Januar und Februar für 10 bis 12% Umsatzanteil eines Unternehmens. Das Saisonende dient sehr stark zur Schaffung von freier Liquidität für die nächsten Wareneingänge. Das fehlt jetzt. Deshalb ist der 1. März wirklich extrem wichtig. Wir müssen gemeinsam mit der Industrie eine Finanzierung auf die Beine stellen.
Wir haben eine Bank, die das Thema Warenkreditversicherung mit abdeckt. Trotzdem wird jetzt Neuware geliefert. Das ist auch richtig, um neue Warenbilder aufzubauen. Aber die Rechnungen komme eben auch, und dafür fehlt die Liquidität. Wir müssen mit der Industrie Valuten vereinbaren, die dann fällig  werden, wenn über Abverkäufe wieder Liquidität hereinkommt.
 

Wie schätzen Sie die Haltung der Industrie zu diesem Thema ein? Die Hersteller haben ja auch eigene Probleme zu bewältigen.
 

Tobias Eichmeier: Die Hersteller haben im Schnitt 20 bis 25% weniger F/S-Aufträge erhalten als im Vorjahr. Hinzu kommen die Läger für Sofortware und Nachorder. Da sind wir schnell bei -40, -50% der Produktionsmenge. Was das bedeutet, kann man sich ausmalen. Wir sehen eine sehr hohe Bereitschaft bei den Herstellern, die Händler zu unterstützen. Wir sehen aber auch, dass die Möglichkeiten der Industrie unterschiedlich sind.
 

Stephan Krug: Viele Händler nehmen erst wieder Ware an, wenn sie wissen, wann geöffnet werden wird. Für einen Großfilialisten ist das schwer, denn bei ihm staut sich relativ schnell viel auf. Das ist auch auf Lieferantenseite ein Problem. Auch bei den Zustellern sind die Kapazitäten zu beachten. Es ist eine Zwickmühle für den Händler, der vielleicht schon Ware reinnehmen und vorbereiten müsste, und den auf der anderen Seite die Rechnungen drücken. Ich spüre da eine große Unsicherheit. Die Industrie muss sich auf 20 bis 30% weniger Auftragsvolumen einstellen. In diesem Jahr trifft es neben dem Handel auch die Hersteller hart. Ein großes Problem ist auch: Es ist viel Ware zurückgehalten worden. Wenn es wieder losgeht, muss die raus. Das wird auch logistisch eine Herausforderung. Und die Ware muss dann auch bezahlt werden.
 

Tobias Eichmeier: Wir empfehlen unseren Händlern, die Ware jetzt reinzunehmen. Wir gehen stark davon aus, dass am Tag des Bekanntwerdens des Shutdown-Endes jeder versucht, die Ware schnellstmöglich zu bekommen, und das wird dann logistisch nicht zu stemmen sein. Das heißt, wir haben dann unvollständige Warenbilder und vielleicht noch Winterware in den Läden.

 

Herr Werdich, wie gehen Sie derzeit mit Blick auf die Ware vor?
 

Friedrich Werdich: Wir nehmen Ware an. Wir wollen uns vorbereiten. Wenn es wieder losgeht, ist es essenziell, die Kunden zu überraschen und nicht mit alten Kamellen aufzuwarten. Die Logistik wird trotzdem an ihre Grenzen kommen. Wir haben schon im Januar viel Ware nicht bekommen; die Industrie liefert aus verschiedenen Gründen nicht. Es wird also irgendwann einen Peak geben, der kaum bewältigt werden kann.
 

Thomas Hüser: Auch wir möchten bei der Neueröffnung ein schönes Geschäft mit aktueller Ware präsentieren. Deshalb nehmen wir auf jeden Fall die neue Ware an. Einige Lieferanten haben jedoch nur eine Notbesetzung und können teilweise gar nicht liefern. Ich sehe die Gefahr des Peaks kurz nach der Neueröffnung auch. Wenn ich Klarheit hätte, dass wir im nächsten Herbst und Winter nicht wieder in einen Lockdown laufen, würde ich ganz normal ordern, ohne Abschläge. Die Verbraucher wollen doch wieder raus. Sie wollen kaufen. Nach Krisenzeiten wurde immer auch stark konsumiert. Dann wird zwar nicht sofort ein neues Auto angeschafft, aber ein neues Outfit oder ein neues Paar Schuhe gönnt man sich dann. Wenn wir nicht über den Sommer durchgeimpft sind, sehe ich uns im nächsten November/Dezember wieder im Lockdown. Der Faktor Unsicherheit ist derzeit einfach riesig.
 

Friedrich Werdich: Die Überbestände in das Limit einzupreisen, ist das einzige Mittel für den Handel, Corona zu verdauen. Das wird jeder machen, aber wir müssen darauf achten, dass wir ein attraktives Angebot bereithalten, sonst wandern die Kunden ins Internet ab.
 

Thomas Hüser: Außerdem ist der Konsument jetzt in einer Art „Lernfestigungskurve“. Im ersten Lockdown haben Konsumenten, die bislang nicht online unterwegs waren, gelernt, mal schnell etwas zu bestellen. Jetzt lernen sie weiter dazu und gewöhnen sich an diese Form des Einkaufs. Beim nächsten Lockdown schlägt der Onlinehandel dann Purzelbäume. Wenn wir jetzt nichts tun und die alten Kamellen ins Geschäft stellen, wäre das fatal. Daher bin ich auch nicht begeistert, wenn die Industrie zu viele Modelle als Durchläufer deklariert. Wenn es wieder losgeht, muss das Warenbild super sein. Die Ware muss da sein, der Spaß muss da sein. Wir befinden uns in einer Randlage und haben einen Parkplatz vor der Tür. Das kommt dem neuen Verbraucherverhalten entgegen. Hinfahren, aussteigen, den Einkauf erledigen und wieder weiter. Das gibt den Konsumenten auch ein Gefühl von Sicherheit. Obwohl unsere Schutz- und Hygienekonzepte so ausgefeilt sind, hat sich das Empfinden der Verbraucher in der Hinsicht stark verändert. Mir tun allerdings die Kollegen in der Innenstadt leid. Bis da wieder Normalität einkehrt, wird es dauern.
 

Tobias Eichmeier: Ideal ist eine Mischung aus Highlights und Ware, die noch verkäuflich ist und das Limit schont. Derzeit herrscht eine Kaufzurückhaltung. Die Menschen können ihr kulturelles und soziales Leben nicht ausleben. Deshalb sehen sie nicht die Notwendigkeit, sich neu einzukleiden. Aber der Zeitpunkt wird kommen, an dem die Menschen das nachholen. Es wird vielleicht sogar viel stärker Einzelhandelskonsum sein als eine Reise oder ein neues Auto.
 

Was passiert mit der Ware, die der Mode- und Schuhhandel jetzt vor sich herschiebt? Was passiert mit Preisen und Wertigkeit?
 

Friedrich Werdich: Im ersten Shutdown gab es die Befürchtung einer Preisschlacht. So schlimm war es dann aber gar nicht. Würden wir am 15. Februar öffnen, würde wahrscheinlich noch das eine oder andere ein Prozentschild an die Ware hängen. Wahrscheinlich würde das nicht mal viel bringen, aber es würde die Liquidität vielleicht noch ein wenig erhöhen. Ich glaube, dass der Handel ein gutes Stück gelernt hat. Am Ende sind wir vom Rohertrag abhängig, und den müssen wir auch realisieren können. 
 

Stephan Krug: Ich kann das bestätigen. Der Handel sieht nicht nur den Umsatz, sondern auch die Qualität des Umsatzes. Nichtsdestotrotz haben wir einiges an Ware zu verdauen. Das wird sich über einen längeren Zeitraum hinziehen. Aber wenn die Ware gut überlegt und intelligent vermarktet wird, ist das handelbar.
 

Tobias Eichmeier: Es werden aktuelle Überbestände in die Limits der H/W Order mit eingerechnet. Die Frage ist ja, wie hoch der Umsatz in H/W 2021 ausfallen wird. Glauben wir, dass wir an die Umsätze 2019 anknüpfen können? Ich meine, ja. Weil die Impfung gestartet ist. Ich glaube nicht, dass wir dann einen erneuten Shutdown bekommen. Das ist in der Verarbeitung der Überbestände dann ein realistisches Szenario.
 

Leo Faltmann: Ich glaube, dass insgesamt strukturell weniger Umsatz gemacht werden wird, weil die Rahmenbedingungen anders sein werden. Nach Corona wird es weniger Umsatz in den Innenstädten geben. Die Attraktivität der Innenstädte wird darunter leiden. Wir gehen von 5% weniger Umsatz aus. Dieser wandert in den Onlinebereich ab. Wenn man einzelne Unternehmen, die online verkaufen, betrachtet, kann man das 2019er Niveau erreichen. Allerdings ist das Onlinegeschäft ein anderes als stationär. Wenn man das erfolgreichem machen möchte, braucht man keinen schönen Ladenbau, sondern Hochregallager. Der stationäre Bereich wird garantiert schwächer werden.
 

Thomas Hüser: Wenn über die Zukunft der Innenstädte gesprochen wird, geht es meist um eine Rückkehr zur Situation, wie sie vor Corona war. Ich glaube, die Zukunft wird völlig anders sein. Derzeit vermisse ich einen Wechsel im Mindset. Wir stellen uns die falschen Fragen, wenn wir über die Innenstadt nachdenken.  Man sollte sich andere Fragen stellen, etwa: Wie komme ich dem gestiegenen Sicherheitsbedürfnis der Menschen entgegen? Wie lassen sich Einzelhandel, Gastronomie und Kultur und Kleinkunst noch enger miteinander kombinieren? Man sollte jetzt nicht wie in der Vergangenheit Konzepten kopieren, die seit einigen Jahren erfolgreich sind. Dabei vergisst man dann aber, dass  diese Konzepte schon fünf Jahre umgesetzt wurden bis sie erfolgreich sind und mindestens schon zehn Jahre vorher ausgedacht wurden. Die Menschen wollen kaufen und sie wollen gerne von Menschen kaufen. Die Frage ist: Wie gestalten wir das?
 

Stephan Krug: Wir erleben momentan eine gewisse Korrektur von Fehlentwicklungen. Nehmen wir z.B. die Mieten: 60 bis 80 Euro pro qm inklusive der Nebenkosten waren schon vor Corona in vielen Centern schwer zu erwirtschaften. Die Mieten sind ins uferlose gewachsen. Die Korrektur der Mietpreise ist dringend notwendig. Es ist gut für die Handelsseite, wenn über Umsatzmieten nachgedacht wird. Aber wir werden auch gezwungenermaßen eine Konsolidierung im Handel sehen. Sie ist auch notwendig, weil wir gute Konzepte brauchen, die uns nicht nur ein oder zwei Jahre weitertragen, sondern deutlich länger.
Wichtig ist für mich der Aspekt der Qualität des Handels. Ich spreche von Aufenthaltsqualität, Sicherheit, Kundenfreundlichkeit und Einkaufserlebnis. Das müssen wir vertiefen und besser machen. Onlinehandel wird weiter ein Bestandteil des Einkaufens sein. Dieser
Kanal hat Vor- und Nachteile. Am Ende des Tages muss man mit allen Konzepten Geld verdienen. Im Onlinehandel wird zum größten Teil Geld gewechselt, aber keines verdient. Nur die Plattformen verdienen Geld. Das heißt aber nicht, dass ich keinen Onlinehandel machen sollte, es muss aber ständig überprüft werden, ob dieses auch wirtschaftlich ist.
 

Tobias Eichmeier: Es geht darum, sich auf den Kunden einzulassen. Wie möchte er kaufen und angesprochen werden? Ich bin ein Verfechter der Idee weg von den Produkten, hin zu Stories, um den Kunden mehr Profil anzubieten. Wir müssen künftig Allianzen bilden mit den Städten, den Vermietern und den Händlern, um Konzepte zu entwickeln und Vorschriften vielleicht auch mal ein bisschen zu lockern. Wir müssen Themen entwickeln, mit denen Shoppen Spaß macht. Bedarfsdeckung wird weiterhin online erfolgen und vielleicht sogar steigen. Wir werden stark daran arbeiten, unsere Händler zu profilieren und ihnen eine Online-Strategie an die Hand zu geben, um dem gerecht zu werden. Mit schuhe.de und schuhe.at haben wir etablierte Plattformen, um mit Hilfe von Onlineverkäufen zumindest einen kleinen Teil der Umsatzverluste zu kompensieren.
Beispielsweise konnten wir seit Beginn der Corona-Krise mehr als 200 Verkaufsstellen neu für unsere Verkaufsplattform schuhe.de gewinnen. Inzwischen ist ein Großteil unserer Händler über unser Steuerungstool Qualibet an diverse Marktplätze, wie Amazon,
Zalando, Ebay, Mirapodo etc. angebunden.
 

Thomas Hüser: Omnichannel braucht Investitionen und Manpower. Bei uns liegt die „natürliche Grenze“ bei einem Online-Anteil von 20% des Umsatzes. Danach werde ich nervös. Dann müsste ich Picker einstellen, Webdesigner und Marketingleute. Die Logistik müsste ganz anders organisiert werden und ein zusätzliches, ganz anderes Warenlager aufgebaut werden. Daher ist für mich der Onlinehandel über die eigene Homepage ein reines Kommunikationsmodell. Der Rest läuft dann im Wesentlichen über Plattformen.
 

Tobias Eichmeier: Die Frage ist, wo man die Kunden, die Community erreicht. Man hat in der Krise gesehen, dass es super-innovative Händler gibt, die über Social Media aktiv wurden. Da findet viel Kommunikation und Kundenbindung statt.
 

Thomas Hüser: Stichwort Storytelling. Warum gehen Städte nicht hin und bauen eine komplexe Story in der Stadt auf? Ein Thema, um das sich alle Akteure gruppieren. Das böte auch dem Kunden eine gute Orientierung und würde eine große Sogkraft ins Umland entfalten. Da wären wir doch ein Stück weiter. Allzu oft höre ich im Moment: Ihr müsst Euch online engagieren, im Onlinehandel liegt die Lösung all Eurer Probleme. Wer als klassischer Händler sagt: Ich bin jetzt mit einem eigenen Shop online gegangen und verdiene jetzt damit richtig Geld, der erzählt aus meine Sicht nicht die ganze Wahrheit.Nur ein eigener Onlineshop reicht hier nicht aus.
 

Friedrich Werdich: Für die Kunden geht es doch nur um Warenverfügbarkeit. Die sind die perfektionierte Logistik von Amazon gewöhnt und kommen dann zu uns. Da können wir schon dankbar sein, denn dann vertraut man uns. Wenn wir dann nicht liefern können, müssen wir alles möglich machen, dass die Kunden Ihren Bedarf stillen können. Das ist der Crosschannel-Ansatz. Dabei geht es nicht primär um Wirtschaftlichkeit. Es geht nur darum, die Kunden nicht zu verlieren. Am Ende ist das eine Mischkalkulation. Wir müssen es auch schaffen, uns mit den Lieferanten besser zu verknüpfen. Warum ist nicht auch der innerstädtische Handel die Plattform für den Lieferanten? Das ist doch auch Digitalisierung! Es muss nicht der eigene Onlineshop sein, am Ende des Tages wird das für uns kleine und mittelgroße Händler nur selten wirtschaftlich darstellbar sein, aber die Mischkalkulation funktioniert. Zum Thema Sicherheit beim Einkauf: Ich sehe den Handel nicht als Infektionstreiber. Wir werden nur gerade in die Sippenhaft genommen. Es ist ein Sonder-
opfer, das Handel, Gastronomie, Künstler, Messebau und Tourismus erbringen. Wir sind diejenigen, die die Last der Pandemie tragen müssen. Man muss einen Appell an die Gesellschaft richten. Wenn wir die Last zu tragen haben, brauchen wir auch einen entsprechenden Ausgleich.

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Petra Steinke / 10.02.2021 - 22:25 Uhr

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