Atemlos in Schweinfurt
Schuhhaus Schöll im Portrait
- 04.01.2024
- Petra Steinke
- 1 Minute
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Schuhhaus Schöll im Portrait
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Headerfoto: Firmenchef Axel Schöll mit Filialleiterin Petra Barthelmess und Verkäuferin Sabrina Ossi (hinten). (Foto: Redaktion)
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In den Schaufenstern werden die Schuhstyles mit dazu passenden Outfits präsentiert. (Foto: Redaktion)
Der Termin beginnt mit einer halben Stunde Verspätung; die Bahn ist schuld. Axel Schöll wartet am Eingang des Schweinfurter Bahnhofs. Und schon geht es los, 25 Kilometer nach Bad Kissingen, wo der Schuhhändler neben dem Stammhaus in Schweinfurt eine Filiale unterhält. Die halbe Stunde Verspätung der Bahn hat er gleich genutzt, um noch schnell zu einem befreundeten Sporthändler zu fahren: Spenden für den Förderverein einer Schule einsammeln. Es ist die Grundschule seiner Kinder. Die sind allerdings mittlerweile 21 und 24 Jahre alt. Das Amt des Fördervereins-Vorsitzenden sei irgendwie an ihm hängengeblieben, sagt Schöll, während wir durch Schweinfurt in Richtung Landstraße fahren. Nach dem Schulwechsel seiner Kinder habe sich kein anderer für den Posten gefunden; er sei mit der Schulleiterin seit Jahren gut bekannt. Und überhaupt helfe man einander in Schweinfurt. Darum hat er jetzt den Kofferraum voller Hulahoop-Reifen und Bälle.
Stillstand ist Schölls Sache nicht. Der 51-Jährige ist ständig in Bewegung. Er denkt und spricht schnell. Er will nicht diplomatisch sein, sondern sagen, was Sache ist, und auch mal Kante zeigen. Das konnte er während der Sitzung des Handelsverbands Bayern, Bezirk Unterfranken, die am Vormittag – vor der Stippvisite beim Sporthändler und dem Treffen am Bahnhof – stattgefunden hatte. Davon erzählt er, während wir über die Landstraße brausen. Zu den Themen, die bei der Sitzung diskutiert wurden, gehören die drohenden Rückzahlungen von Coronahilfen. Es herrsche viel Angst und Unsicherheit bei den Kolleginnen und Kollegen, sagt Schöll, für den das Engagement im Verband eine wichtige Aufgabe ist. Auch die derzeit laufenden Tarifverhandlungen für die Beschäftigten des Einzelhandels standen bei dem Verbandstreffen auf der Agenda. Der Händler ärgert sich, weil er das Gefühl hat, dass die Situation des Handels nicht gewürdigt werde. „Wir sind ja eigentlich positive Menschen“, sagt er, und nimmt Anlauf für einen Rundumschlag, „aber es macht mich wütend, wenn Leute, die keine Ahnung davon haben, wie wenig von einem verkauften Paar Schuhe für einen Händler übrigbleibt, wilde Forderungen stellen.“ Bei einem Verkaufspreis von 100 Euro rechnet Schöll abzüglich Mehrwertsteuer, Einkaufspreis, Personal, Miete, Nebenkosten, Abschreibungen, Versicherungen, Gewerbesteuer und weiteren Belastungen mit maximal drei Euro. „Und da soll jetzt eine Lohnerhöhung bis 15% durchgesetzt werden?“ Der Händler ist fassungslos.
Vor dem letzten Zusammentreffen mit Gewerkschaftern habe ein Kollege ihn gewarnt, bloß kein Fass aufzumachen. „Doch“, habe er geantwortet, „ich mach das Fass auf, denn wenn solche Ideen durchgesetzt werden, verlieren viele Menschen ihren Job.“ Er sei jederzeit bereit für einen ehrlichen Dialog auf Augenhöhe, sagt er. Aber das Beste und Sozialste sei eben ein sicherer Arbeitsplatz. Und das solle nicht durch überzogene Forderungen aufs Spiel gesetzt werden.
Strick, Hosen und Daunenmäntel sowie Accessoires ergänzen das Schuhsortiment. (Foto: Redaktion)
Weiter geht es über die Landstraße, durch die hügelige Landschaft Unterfrankens. Schöll will erklären, was ihn umtreibt. Er holt kaum Luft, so viele Themen liegen ihm am Herzen. Vielfältiger Handel sei wichtig, ja, unverzichtbar, erläutert er. Durch den Handel seien schließlich die Städte aufgebaut worden. Er berichtet von der Initiative „Artenvielfalt“, die Unternehmen aus dem Bezirk Unterfranken vor einiger Zeit gegründet haben. Darin stellen sich die Inhaber kleiner Geschäfte aus der Region vor, vom Wollladen bis zum Fachgeschäft für Messer. Sie wollen aufmerksam machen auf das, was funktionierender Handel für eine Stadt bedeutet. Und das Business mache auch immer noch Spaß, betont der Schuhhändler, der selbstverständlich mitmacht: Der Handel sei immer am Puls der Zeit. „Wir sind doch die ersten, die mitbekommen, wie es den Menschen im Land geht“, sagt er. „Wir sind wichtig für die Städte und auch für die Gesellschaft.“ Leider sei der Handel auch immer der erste, der den Mist, den die Politik verzapft, ausbaden müsse. Wohl auch deshalb engagiert er sich bei der FDP, trat bei der Landtagswahl im Oktober 2023 an, stieg auf der Liste um einige Plätze nach oben und scheiterte dann doch mit seiner Partei an der 5%-Hürde. Er nimmt das mit Humor: „Ich bin dreifach geplagt: „Schuhhändler, FDP-Mitglied – und Schalke-Fan“. Die Anmerkung, den Fußballverein könne man ja ändern, lässt er nicht gelten: „Bayern-Fan kann jeder.“ Im Blick hat er nun die nächste Kommunalwahl: Das Schweinfurter Rathaus brauche frischen Wind.
Wir erreichen Bad Kissingen, ein Mittelzentrum mit 22.000 Einwohnern. Im Herzen der verwinkelten Innenstadt leuchten die roten Buchstaben des Schuhhaus Gerlach. 2001 hatte Schöll das Geschäft übernommen, im letzten Jahr hat es sein 100-jähriges Bestehen gefeiert. Hier hat Filialleiterin Laura Steuerwald das Sagen. Die 39-Jährige kam vor knapp fünf Jahren zum Unternehmen und geht in ihrem Job völlig auf. Gemeinsam mit Verkäuferin Silke Gröbner, die schon seit 30 Jahren für Schöll tätig ist, bedient sie heute die Kundinnen und Kunden. Der Geschäftsführer begrüßt „seine Mädels“ gut gelaunt. Die Stimmung ist entspannt, ein paar organisatorische Fragen sind rasch geklärt, es wird gescherzt und gelacht. Die „Mädels“ haben hier freie Hand. Vor kurzem überraschten ihn die beiden mit einer neuen Schaufenstergestaltung. Dafür hatten sie Ladenbauelemente beiseite gerückt, um mehr Platz für Schaufensterpuppen zu haben. Axel Schöll findet derlei Engagement gut: „Weiter so“, habe er seine Filialleiterin ermutigt.
Regelmäßig ist er im Schuhhaus Gerlach „als volle Kraft im Verkauf“. Das sei wichtig, um ein Gefühl für die Kundinnen und Kunden zu haben und den persönlichen Draht zu den Mitarbeiterinnen zu halten. Er sei eine „Rampensau“, sagt der Händler von sich. Der Kundin, die gerade mit ihren Einkaufstaschen gen Ausgang geht, springt er zur Seite und öffnet ihr Tür: „Kein Problem, das mache ich sehr gern.“ Auf 160 qm werden bei Schuh Gerlach Damen- und Herrenschuhe angeboten. Das Sortiment ist modisch bis komfortorientiert und umfasst unter anderem Marken wie Paul Green, Tamaris, Palpa, Remonte, Waldläufer, Gabor, Ara und Legero für Damen sowie Rieker, Clarks, Sioux und Lloyd für Herren. Früher gab es auch Kinderschuhe im Untergeschoss, die obligatorische Rutsche nach unten führt heute ins Lager. Accessoires wie Mützen, Schals und Socken, aber auch Strickpullover, einige Blazer und Hosen hält das Schuhhaus bereit – Sortimentsergänzungen, auf die Axel Schöll heute nicht mehr verzichten will. Dafür wurde eigens eine kleine Umkleidekabine geschaffen. Und auch sonst ist der Händler immer offen für Neues. Auf der Kassentheke werden Bad Kissingen-Souvenirs angeboten, die bei den vielen Touristen, welche jedes Jahr in die Stadt kommen, sehr beliebt seien. Bad Kissingen ist Welterbestadt und gehört zu den ’Great Spas of Europe‘.
Kurzer Check im kleinen Lager im Untergeschoss: „Ah, die erste Frühjahr/Sommer-Ware ist schon da“ – Sneaker von Gabor. Hier unten erzählt der Händler, wie er zum Schuhhandel kam. Zwar sei er nicht im Schuhkarton geboren – ihr erstes Geschäft in Schweinfurt eröffneten seine Eltern einige Wochen nach seiner Geburt im Jahr 1972, aber doch „praktisch von der Entbindungsstation in den Laden gekommen“. Weil die Eltern im Unternehmen gebunden waren, wurde der Sprössling von der Großmutter betreut. Sie habe ihn sehr geprägt, sagt er, und ihn früh zur Selbstständigkeit erzogen. Mit vier Jahren schickte sie ihren Enkel zum Edeka-Markt, Sauerbratensoße zu holen. Der kleine Axel habe zwei Straßen überqueren und das Wechselgeld zählen müssen – „ich konnte mit vier Jahren schon rechnen“ – und er habe sich die Aufgabe zugetraut und sie bewältigt. „Ich habe durch meine Großmutter gelernt, selbstständig zu handeln“, sagt er.
Vor rund 26 Jahren entschloss sich Axel Schöll, im elterlichen Unternehmen Verantwortung zu übernehmen. Das Loslassen sei Vater und Mutter zunächst nicht leicht gefallen. Der Sohn war ungeduldig und wollte Dinge anders machen, im Sortiment und auch im Hinblick auf die Prozesse. Die Verantwortlichen der Rexor, zu deren ersten Mitgliedern das Schuhhaus Schöll zählt, halfen mit, den Generationswechsel zum Wohle aller zu organisieren. Der Sohn kümmerte sich zunächst um ein neues Warenwirtschaftssystem, um eigene Ideen umsetzen zu können. 2008 zog sich dann der Vater zurück, einige Jahre später die Mutter, die, wie ihr Sohn sagt, immer das Gesicht im Laden gewesen war.
Das Unternehmen wuchs. Bis ins Jahr 2016 zählte er einige Standorte mehr zu seinem Portfolio, darunter eine Filiale in Fulda und ein weiteres Geschäft in Schweinfurt. Bis 2013 setzte Schöll dort zudem mit seinem Konzept Popcorn auf Kinderschuhe und -Accessoires auf großer Fläche. Dann aber expandierte Schuh Mücke nach Schweinfurt und veränderte die Bedingungen für den Schuhhandel dort. Schöll musste sein Konzept anpassen. Heute sind es die zwei Geschäfte, die er gemeinsam mit acht Mitarbeitenden betreut. „Und das tut mir gut“, sagt er. Es habe Zeiten gegeben, da sei er an seine Grenzen gestoßen.
Zurück nach Schweinfurt. Eine kurze Pause daheim bei einem Kaffee, ein beherzter Biss in ein Brötchen. Die Zeit für das Interview will genutzt werden. Dann geht es ein paar hundert Meter zum Geschäft an der Rückertstraße im Herzen der Stadt. Dort erklärt gerade die Filialleiterin Petra Barthelmess einer Kundin, wie Sneaker mit einem Reinigungsspray behandelt werden können. Das Ladenlokal mit seinen 140 qm ist schmal und tief.
Der Standort sei gut, sagt Schöll. Umgeben von inhabergeführten Fachgeschäften, vom Modeladen bis zur Kaffeerösterei, vom Pralinengeschäft bis zum Friseur, sei hier ein bunter Mix entstanden, im dem das Schuhangebot von Schöll eine Bereicherung darstelle. 2009 entstand in Schweinfurt ein ECE-Center. In Sichtweite vom Schuhhaus leuchtet das Logo des Schuhhaus Mücke, wenige hundert Meter entfernt. Die Rückertstraße aber funktioniere gut, sagt der Händler. Das vergangene Jahr hat er genutzt, um der Filiale mit neuen Böden und einigen Präsentationsmöbeln einen Refresh zu verpassen. Wie ihre Kolleginnen in Bad Kissingen hat auch Petra Barthelmess bei der Deko freie Hand. Sie liebe ihren Job, sagt sie. Seit 40 Jahren verkauft sie Schuhe „und ich empfinde das nicht als Arbeit“.
Neben Fußbekleidung gibt es auch im Schweinfurter Laden Mode und Accessoires – und eine Spezialität: Liköre von der Brennerei Prinz aus Österreich. Auch hierzu gibt es eine Geschichte: In einem Urlaub habe er die Köstlichkeiten entdeckt und einige Flaschen mitgebracht. Die seien im Freundeskreis so gut angekommen, dass man ihn bat, für Nachschub zu sorgen. Daraus schließlich entstand die Idee, die Liköre auch gleich selbst im Laden anzubieten. Der Chef der Brennerei habe damals nicht schlecht gestaunt, als Schöll ihn anrief. „Was sind Sie, ein Schuhhändler?“ Kurz darauf aber stand der Spediteur mit der Palette vor der Tür des Schweinfurter Ladens – 288 Flaschen. Und die, sagt der stolze Unternehmer, verkaufen sich hervorragend. Schöll sagt von sich, er habe ein Händchen für Organisation. Dinge regeln, das Netzwerk nutzen, Themen voranbringen, Neues ausprobieren, das seien seine Stärken. In modischer Hinsicht habe er das Talent seiner Mutter nur zum Teil geerbt, gibt er zu. Darum unterstützen die beiden Filialleiterinnen ihren Chef bei der Order. Gemeinsam fährt das Trio nach Mainhausen und zur Essenz, ins SOC Nürnberg und ins MOC München, um sich mit neuen Kollektionen zu befassen und Aufträge zu platzieren. „Wir haben dabei immer jede Menge Spaß“, sagt Petra Barthelmess. Man sei inzwischen so eingespielt, dass manchmal ein Blick genüge und alle drei wüssten: „Diese Schuhe kaufen wir nicht.“ Überhaupt zeigt er auch der Industrie gegenüber bisweilen Härte. Überlegungen, eine vielleicht nicht so gut gelungene Kollektion nach jahrelanger Zusammenarbeit mal mit durchzuwinken, erteilt er eine Absage. „Wenn die Kollektion nichts ist, fahre ich meine Aufträge zurück – oder kaufe gar nichts.“
Wie wird es weitergehen mit dem Schuhhaus in Franken? Geht es nach dem Inhaber, dann gibt er erst mal weiter Vollgas. Ob es eine dritte Generation im Unternehmen geben wird, könne er nicht sagen, gibt er zu. Beide Kinder haben in ihrer Studienwahl andere Richtungen eingeschlagen. Zu gegebener Zeit werde er sie fragen. Wenn ihre Antwort „Nein“ lautet, müsse die Geschichte seines Unternehmens aber nicht enden: „Ich würde mir wünschen, dass es bessere Möglichkeiten für junge Menschen gäbe, die nicht in eine Unternehmerfamilie hineingeboren wurden“, erläutert der Händler seine Idee. Verkäuferinnen etwa oder Branchenfremde, die kein Kapital, aber Lust auf Schuhhandel haben, sollte man ermutigen und fördern. Entsprechende Programme von Verbundgruppen schlägt er vor oder eine Stiftung, mit der engagierte Nachwuchskräfte unterstützt werden könnten – ein „Generationenmodell“, um die bereits erwähnte Artenvielfalt im Handel zu bewahren. Erstmal aber wünscht sich der leidenschaftliche Händler, Politiker und Macher eine Aufbruchstimmung im Land, weg von Angst und Lähmung: „Wir brauchen Politiker, die die richtigen Worte finden, und die die Leute, die etwas bewegen wollen, machen lassen.“