„Die Jugend von heute liebt den Luxus, hat schlechte Manieren und verachtet die Autorität. Sie widersprechen ihren Eltern, legen die Beine übereinander und tyrannisieren ihre Lehrer.“ Dass Kritik an der nachfolgenden Generation keine Erfindung der Neuzeit ist, zeigt das Zitat, welches dem griechischen Philosophen Sokrates zugeschrieben wird. Was aber neu ist, ist das empirische Wahrnehmen eines Verhaltensshifts der jüngeren Generation in Bezug auf die Bereitschaft, in den Arbeitsmarkt einzusteigen.
„Es steckt viel Psychologie in dem Thema“, begrüßte Ismene Poulakos vom Rheingold Institut die Teilnehmenden beim Online-Seminar „Fachkräftemangel – Wie erreicht man junge Menschen?“. Denn der Fachkräftemangel trete nicht nur bei Stellen auf, die eine gewisse Berufserfahrung mit sich bringen. Oftmals gelinge es Unternehmen nicht, junge Menschen zu einer Ausbildung in ihrem Betrieb zu bewegen. Dass die Gründe dafür vielfältig sind, sagte auch Felix Gehring, der als Projektleiter beim Rheingold Institut für die Studie verantwortlich ist. „Wir sehen bei den Jugendlichen ein Steckenbleiben zwischen Größenfantasien und sozialer Entmündigung“, erklärt der Projektleiter. In einer gesunden Entwicklung wächst das Kind voller Träume und Idealvorstellungen vom Traumberuf (Feuerwehrmann, Zoowärter, usw.) durch Identitätsentwicklung und Autonomie-Entwicklung zu einem jungen Erwachsenen heran, der selbstständig Entscheidungen zu seinem beruflichen und privaten Werdegang treffen kann. Wird diese Entwicklung gestört, erfolgt ein Verharren in der Traumwelt. Durch die fehlende Möglichkeit zum Realitätscheck fühlen sich viele Jugendliche den
externen Erwartungen nicht gewachsen und ziehen sich zurück. „Die Jugendlichen befinden sich dann in einem Zustand völliger Selbstüberschätzung und gleichzeitig absoluter Selbstzweifel“, erklärte Felix Gehring. Dies mache es sowohl den Jugendlichen als auch den Betrieben schwer, zueinander zu finden.
Vermurkste Generation durch Corona?
Die Gründe für eine gestörte Entwicklung von Jugendlichen sind laut Studie vielfältig. „In erster Linie sehen wir hier noch die Nachwehen von Corona“, sagte der Studienleiter. Während der Coronazeit hätte es so gut wie keine Selbstwirksamkeitserfahrungen für Jugendliche gegeben. Erfolge konnten nicht oder sehr eingeschränkt gefeiert werden, und auch die Abnabelung vom Elternhaus gestaltete sich schwierig, wenn man letzteres gar nicht erst verlassen durfte. Auch der Vergleich mit Gleichaltrigen, der unerlässlich für die Bildung einer eigenen Identität ist, konnte oftmals nicht gezogen werden. Zudem sorgten fehlende Routinen für wenig Möglichkeiten, eigene Erfolge, zum Beispiel im Sportverein, zu erzielen.