Vermurkste Generation durch Corona?
Die Gründe für eine gestörte Entwicklung von Jugendlichen sind laut Studie vielfältig. „In erster Linie sehen wir hier noch die Nachwehen von Corona“, sagt der Studienleiter. Während der Coronazeit hätte es so gut wie keine Selbstwirksamkeitserfahrungen für Jugendliche gegeben. Erfolge konnten nicht oder sehr eingeschränkt gefeiert werden, und auch die Abnabelung vom Elternhaus gestaltete sich schwierig, wenn man letzteres gar nicht erst verlassen durfte. Auch der Vergleich mit Gleichaltrigen, der unerlässlich für die Bildung einer eigenen Identität ist, konnte oftmals nicht gezogen werden. Zudem sorgten fehlende Routinen für wenig Möglichkeiten, eigene Erfolge, zum Beispiel im Sportverein, zu erzielen.
Als weiteren Einfluss benennen die Forscher ein Laissez-faire in der Erziehung. „Viele Eltern scheuen den Konflikt mit ihren Kindern, ohne zu bemerken, dass genau dieses Grenzen-Aufzeigen wichtig für die Entwicklung ist“, erklärt Felix Gehring. Zudem würden Eltern ihre Kinder heutzutage zu wenig belasten und ihnen nicht genügend zutrauen. „Auch das führt zu einem gestörten Selbstwertgefühl“, so Gehring.
Neben dem Erziehungsstil der Eltern spielten auch ein eskapistischer Nutzungsstil digitaler Medien, familiäre Belastungen und ein Migrationshintergrund oftmals eine Rolle. „Zudem gibt es eine Schockstarre vor der Multioptionalität“, ergänzt Felix Gehring. Die „Alles ist möglich“-Mentalität führe oftmals zu einem Verharren im Bekannten, da das vermeintlich strukturlose Unbekannte Angst mache. Zudem hätten viele Jugendliche schlichtweg keine Lust, sich in einer Ausbildung „ausbeuten“ zu lassen, weil sie ihre Fähigkeiten zu hoch einstufen. Felix Gehring: „Das geht hin bis zu Jugendlichen, die fest davon überzeugt sind, für den Chefposten geeignet zu sein.“
Gehring spricht von sechs Typen, die Schwierigkeiten mit einer Eingliederung in den Arbeitsmarkt haben: Personen, die in ihren Wohlfühlräumen verweilen, Selfmade People mit Abstiegsangst sowie Jugendliche mit einer übertriebenen Hybris oder geringem Selbstvertrauen. Dazu kämen noch Personen, die durch persönliche Brüche und nicht aufgearbeitete Traumata nicht in der Lage wären, in ein Ausbildungsverhältnis einzusteigen und solche, die sich chronisch als Loser erleben. Die beiden letzten Typen bedürften zunächst externer Hilfe durch therapeutische Angebote.