Die italienische Schuhmarke Brunate trauert um Letizia Galli. Die Unternehmerin starb am 31. Juli im Alter von 105 Jahren. Mit ihr verliert die Branche eine Persönlichkeit, die das Unternehmen über mehr als 86 Jahre hinweg geprägt und durch einige der schwierigsten Kapitel seiner 100-jährigen Geschichte geführt hat.
Brunate wurde 1926 von Vittorio Galli und Giovanni Volonté gegründet und spezialisierte sich zunächst auf hochwertige Kinderschuhe. Nach dem frühen Tod ihres Vaters Giovanni Volonté im Jahr 1939 übernahm die damals erst 19-jährige Letizia Galli die Verantwortung für das Unternehmen. Inmitten der Wirren des Zweiten Weltkriegs führte sie den Betrieb weiter und legte damit den Grundstein für die Entwicklung von Brunate zu einem international anerkannten Hersteller hochwertiger Damenschuhe.
Bis wenige Wochen vor ihrem Tod war Galli noch regelmäßig im Unternehmen präsent. Mehrfach pro Woche kam sie ins Büro, kontrollierte Rechnungen und verfolgte das Tagesgeschäft. „Meine Ärztin hat mir verboten, jeden Tag zu arbeiten, auch wenn ich das nicht verstehen kann“, sagte sie Ende 2025 im Interview mit schuhkurier. „Wenn ich im Büro bin, helfe ich, die Rechnungen zu überprüfen, um sicherzustellen, dass sie korrekt sind.“
Die Arbeit war für Letizia Galli weit mehr als ein Beruf. „Ich glaube fest an die Arbeit. Die Widerstandsfähigkeit, dunkle Zeiten zu bewältigen, und das Bewusstsein, sich in guten Zeiten nicht auf seinen Lorbeeren auszuruhen“, beschrieb sie im Interview ihre Lebenshaltung. Ein Leitsatz begleitete sie dabei bis zuletzt: „Guai a chi tocca il mio Brunate.“ – Wehe dem, der mein Brunate anfasst.
Über die Jahrzehnte wurde Letizia Galli zu einer Ausnahmeerscheinung in einer von Männern geprägten Schuhindustrie. Dass sie sich als junge Frau behaupten musste, spielte für sie selbst jedoch nie eine entscheidende Rolle. „Um ehrlich zu sein, war ich immer zu beschäftigt, um mich damit aufzuhalten, etwas beweisen zu müssen“, sagte sie rückblickend. „Gute Ergebnisse zu erzielen ist das, was wirklich zählt.“
Auch Rückschlägen begegnete sie mit Pragmatismus. Besonders eindrücklich schilderte sie im Interview den Wiederaufbau nach einem Fabrikbrand. Als ihr eine Bank die Finanzierung verweigerte, suchte sie kurzerhand ein anderes Geldinstitut auf. „Es gibt immer Lösungen, auch wenn es so aussieht, als hätte jemand die Kontrolle über das Ergebnis Deiner Bemühungen.“
Trotz ihrer beeindruckenden Karriere blieb für Galli stets die Familie das Fundament des Unternehmens. Besonders stolz war sie darauf, gemeinsam mit ihren Geschwistern, später mit Nichten und Neffen, Brunate weiterentwickelt zu haben. „Ich glaube, ich habe ihnen die Hingabe und Leidenschaft für diese Arbeit vermittelt“, sagte sie.
Auch jungen Frauen machte sie Mut, ihren eigenen Weg zu gehen. „Ich würde sagen, dass man hart und beharrlich arbeiten muss, in jeder Branche. Es wird Momente geben, in denen Sie viele Opfer bringen müssen, aber daraus werden sich große Befriedigungen ergeben.“
Mit ihrem außergewöhnlichen Lebensweg fand Letizia Galli weit über die Schuhbranche hinaus Beachtung. Selbst die Bild-Zeitung berichtete schon über 105-Jährige, die noch regelmäßig in ihrem Unternehmen arbeitete.
In einer Mitteilung würdigte Brunate seine langjährige Unternehmerin als „eine Säule der Stärke für das Unternehmen und ein unermüdliches Beispiel für Hingabe und harte Arbeit“. Sie habe die Bürde auf sich genommen, den Traum der Unternehmensgründer fortzuführen und über Generationen hinweg lebendig zu halten. Vorstand, Aufsichtsrat sowie alle Mitarbeitenden und Partner dankten ihr für ihr außergewöhnliches Lebenswerk.
Mit Letizia Galli verliert die europäische Schuhindustrie nicht nur eine erfolgreiche Unternehmerin. Sie verliert eine Persönlichkeit, deren Lebensgeschichte eng mit der Entwicklung eines der traditionsreichsten italienischen Schuhhersteller verbunden bleibt – und die bis zuletzt bewiesen hat, dass Leidenschaft für den Beruf kein Alter kennt.