„Eindeutige Wettbewerbsverzerrung“
Die Resonanz im Schuhhandel auf den erneuten Vorstoß Müllenbachs ist eindeutig. „Der gesamte Handel und nicht nur Galeria leidet momentan unter Kaufzurückhaltung und explodierenden Kosten“, stellt SABU-Geschäftsführer Stephan Krug klar und fügt hinzu: „Eine weitere Unterstützung durch Steuergelder ohne eine überwiegende Beteiligung der Eigentümer und eine realistische Chance auf eine Rückzahlung sehe ich sehr kritisch.“ Bei allem Respekt für die betroffenen Arbeitnehmer dürften „die Allgemeinheit bzw. der Steuerzahler nicht für den Investitionsstau, die Managementfehler und unzulängliche Strategien der Vergangenheit bezahlen. Dies wäre eine eindeutige Wettbewerbsverzerrung und einseitige Bevorzugung.“ Auch hier müsse der Gleichbehandlungsgrundsatz gelten, so Krug weiter. „Wo bleibt dann die Unterstützung für den inhabergeführten, mittelständigen Einzelhandel, der Millionen von auskömmlichen Arbeitsplätzen sichert?“
Gegenüber schuhkurier äußern sich viele Händler ähnlich. „Die Ursachen für die Schieflage des Unternehmens sind nicht allein in Corona, Krieg und Inflation zu finden“, betont ein Schuhhändler aus Norddeutschland. „Das Unternehmen jetzt erneut mit Steuergeldern zu stützen, dürfte nicht vermittelbar sein.“ „Die Situation ist jetzt anders als noch zu Beginn der Corona-Krise“, erklärt ein Unternehmer aus Süddeutschland: „Damals gab es für die vielen Beschäftigten bei Galeria Karstadt Kaufhof praktisch keine Perspektive in anderen Unternehmen. Jetzt suchen viele Mode- und Schuhhändler händeringend nach Personal.“ Dass das Konzept des Warenhauses überholt ist, steht für viele Branchenmitglieder fest. Auch das Argument der Innenstadt-Verödung, die durch den Wegfall großer Kaufhäuser noch beschleunigt werden könnte, verfängt aus Sicht von Händlerinnen und Händlern nicht. „Man muss sich für diese Häuser neue Konzepte überlegen. Und es ist offensichtlich, dass sie in den meisten Fällen aktuell eben keine Publikumsmagnete mehr sind.“
„Akzeptanz ist gesunken“
Auch Lieferanten äußern sich kritisch zum erneuten Hilfegesuch des Warenhauskonzerns. Friedrich Lüning betrachtet die Situation differenziert: „Als langjähriger Lieferant für unsere Schuhmarke Apple of Eden möchte ich eines deutlich sagen: Die Zusammenarbeit mit den verantwortlichen Einkäufern ist bis heute immer von hoher Professionalität gekennzeichnet und hat zu erfolgreichen Ergebnissen geführt. Es würde mir in der Seele leid tun, wenn das Unternehmen Galeria zum dritten Mal nur weitergeführt werden kann, wenn der Ruf nach Staatshilfen erhört wird.“
Unter Frequenzverlust in den Städten litten derzeit alle Marktteilnehmer gleichermaßen, betont Lüning. „Sichtbar wird das unter anderem auch durch Leerstand kleinerer Flächen, die bisher mit individuellen Angeboten als ’innenstadt-systemrelevant‘ präsent waren. Das Kaufhaussterben ist nicht ursächlich darin begründet, dass wir Pandemie und Ukraine-Krieg mit allen sich daraus ergebenden Konsequenzen erleben. Die Akzeptanz, im Kaufhaus zu shoppen ist beim Konsumenten in den letzten zehn Jahren deutlich gesunken und wird es auch weiterhin tun. Die Gründe dafür sind schlechthin ein sich verändertes Konsum- und Anspruchsverhalten der Kunden.“
Für Unternehmer Friedrich Lüning steht fest, dass auch der Umbau der bisherigen Karstadt- bzw. Kaufhof-Häuser in Galeria-Konzepte wenig an der Situation ändern wird, „solange der Inhalt den Verbraucher nicht mehr abholt. Die schönste Verpackung hilft dann auch nicht mehr. Es macht einfach keinen Spaß, auf verwaisten Flächen nach Beratung suchen zu müssen. Diese verlorene Zeit nutzt man dann eben lieber beim Onlineshopping. Unterwäsche und Socken muss ich nicht im Kaufhaus shoppen. Die Liste weiterer Produkte ist lang, erfordert aber teure Flächen und auch Personal. Mehr denn je möchte der Kunde heute in seiner wenigen Zeit optimal angesprochen, bedient und beraten werden.“
Der Milliardär und sein Konzept
Für unangebracht halten viele Branchenmitglieder den Ruf nach erneuten Staatshilfen auch vor dem Hintergrund, dass Inhaber Signa mit den Immobilien, die man im Zuge der Fusion aus dem Konzern übernahm, weiterhin Milliarden verdient. Diese Einschätzung teilt auch Lüning: „Wenn Banken nicht bereit sind, rückzahlbare Kredite zu geben, Investoren weit und breit nicht zu finden sind, der Inhaber, bekanntermaßen ein Milliardär, nichts aus eigener Tasche investieren will und nicht die Mietkosten stundet, reduziert oder über einen Zeitraum vollständig erlässt, warum soll der Staat hier gefordert werden, ohne die geringste Sicherheit, dass sich danach etwas positiv verändert? Für neue Kaufhaus-Konzepte sind gut bezahlte Manager zuständig. Diese Aufgabe gilt es zu lösen.“
Warenhaus als „Herz der Innenstadt“
Unterdessen hat der Kaufhauskonzern im jüngsten Geschäftsbericht seine Galeria 2.0-Strategie erläutert. Damit wird das Ziel verfolgt, die Warenhäuser als Herz der Innenstadt neu auszurichten. Bis unmittelbar vor dem Ausbruch der Covid-19 Pandemie hätten die Innenstädte als Wohn-, Arbeits- und Aufenthaltsort anhaltend an Bedeutung gewonnen. Trotz der zwischenzeitlichen Auswirkungen der Pandemie gehe man davon aus, dass dieses Innenstadtwachstum in den nächsten Jahrzehnten deutlich voranschreiten wird. „Die Chance für das Format Warenhaus in Deutschland besteht darin, die Entwicklung der deutschen Innenstädte mitzugestalten und ihnen eine neue Bedeutung zu geben: Denn genau hier im Herzen der Stadtzentren jeder Größe befinden sich die Galeria-Warenhäuser mit ihren mehr als 200 Mio. Besuchern im Jahr, den markanten Gebäuden und der großen Handelserfahrung“, heißt es im Geschäftsbericht. Das Warenhaus soll demnach zur ersten Anlaufstelle für tägliche Erledigungen werden, „zum Einkaufen, zur Inspiration und als sozialer Treffpunkt.“ Zur Umsetzung eines auf diese Entwicklung zugeschnittenen Transformationsprogramms plant GKK demnach bis 2025/26 Investitionen in Höhe von rund 420 Mio. Euro.