Gerrit Heinemann ist nicht als der Mann der sanften Töne bekannt. Ganz im Gegenteil. Kaum eine Gelegenheit lässt der Handelsexperte aus, um mit drastischen Worten drohende Szenarien auszumalen. So zuletzt gegenüber der Süddeutschen Zeitung (26. August). Dort nahm der Branchenkenner wie gewohnt kein Blatt vor den Mund. „Prognosen, wonach bis 2020 rund 50.000 Geschäften das Aus droht, sind nicht übertrieben“, so der Fachmann. Und legte gleich noch einen drauf: 50.000, das sei wohl eher die Untergrenze.
Wie die Süddeutsche Zeitung weiter ausführt, dürften von dieser dramatischen Entwicklung vor allem Klein- und Mittelstädte betroffen sein. Hier, so Heinemann, könne der Onlinehandel zu existenzbedrohenden Umsatzrückgängen führen.
Wer sich heute in eher ländlich geprägten Regionen umsieht, weiß, wovon der Experte spricht. Leer stehende Ladenlokale, wohin man schaut. Vielleicht hat es der örtliche Bäcker noch bis hierhin geschafft. Auch Apotheken scheinen sich immer noch wacker zu halten. Ein Zeitschriftenladen mit Lotto-Annahmestelle. Vielleicht ein Blumenladen. Trostlos sieht es allerdings im Mode- und Schuhhandel aus. Nicht wenige ehemalige ’Boutiquen‘ stehen längst leer. Auf Schuhgeschäfte weist vielleicht noch ein alter Schriftzug über dem Schaufenster hin. Nicht nur das Angebot als solches ist hier weggefallen – die Weitervermietung des Ladenlokals scheint vielerorts unmöglich. Was das für das Erscheinungsbild von Straßen, Stadtteilen und Ortskernen bedeutet, kann man sich ausmalen. Schön ist das nicht.
Unterdessen kaufen die in derart strukturschwachen Regionen lebenden Verbraucher mit wachsender Begeisterung bei den einschlägigen Onlineshops. Weil sie es leid sind, dutzende Kilometer in die nächste Stadt zurückzulegen. Weil ihnen vor Ort nichts geboten wird, was sie davon abhalten kann. Weil auch sie partizipieren wollen von einer Shopping-Welt, in der alles jederzeit verfügbar ist. Oder weil sie längst auch weggezogen sind in eine Stadt, die ihnen mehr Angebot, Perspektive, Unterhaltung präsentiert.
In der Süddeutschen Zeitung zeichnet Heinemann allerdings nicht nur die gewohnt dramatischen Szenarien, sondern schlägt auch ’versöhnliche‘ Töne an. So weist er einmal mehr darauf hin, dass – aller Tristesse zum Trotz – auch Chancen in dieser Entwicklung liegen. Wer es schaffe, seine ’Internetallergie‘ abzulegen, dem könne es gelingen, hier gemeinsam mit anderen Händlern eben nicht unterzugehen, sondern Land zu gewinnen.
Heinemann macht sich stark für gemeinsame Projekte lokaler Händler im Internet. Zum Beispiel Mönchengladbach bei Ebay. Der Experte wirbt gewissermaßen für die ’Desensibilisierung‘, bei der ein allergener Stoff in kleinen Dosen verabreicht wird, um eine bestehende Allergie zu bekämpfen. Ein schönes Bild auch für den stationären Handel im ländlichen Raum. Es wird Zeit, sich hier gemeinsam um Rezepte zu kümmern.
Kommentar aus schuhkurier 35/2016