Herr Brinkmann, wie kamen Sie zu Marc O’Polo?
Jan Brinkmann: In den ersten Gesprächen mit CEO Maximilian Böck und Karl-Heinz Lauterbach wurde klar, dass sich einem so eine Möglichkeit nicht oft bietet. Die beiden haben mich schnell mit der beeindruckenden Entwicklung und dem Potenzial überzeugt. Außerdem überlässt mir Karl-Heinz Lauterbach eine starke Mannschaft. Bei einer solchen Gelegenheit wollte ich die Challenge annehmen.
Was haben die beiden gesagt, das in Ihnen ausgelöst hat, zu sagen: „Hier muss ich hin“?
Die Marke hat einfach sehr viel Power, Tradition und weckt Begehrlichkeiten. Da hatte ich Lust, meine schuhspezifische Erfahrung mit einzubringen.
Inwiefern kann diese schuhspezifische Perspektive helfen?
Ich denke, mit dem beruflichen Aufwachsen in drei der größten Schuhunternehmen Europas habe ich sehr viel gesehen und gelernt: wie man Schuhe produziert, wo man sie produziert, wie die Preis-Leistung und die Vermarktung aussehen müssen. Vor allem kann ich dabei helfen, Märkte zu entwickeln. Ich habe viel Zeit im Ausland verbracht, um Business Development voranzutreiben, und habe ein gutes Gefühl dafür, wie man Geschäfte aufbaut und wie man sich an einen Markt anpassen muss. Das passt gut zu den Zielen von Marc O’Polo.
Was sind Ihre Aufgaben und in welche Bereiche werden Sie involviert sein?
Ich bin letztendlich für alle funktionalen Elemente im Marc O’Polo Shoes-Bereich verantwortlich: Entwicklung, Beschaffung, Vertrieb und Logistik. Ich bin von der Entwicklung des ersten Schuhs bis zur Auslieferung involviert. Gerade jetzt im ersten halben Jahr habe ich mich in unsere Strukturen genau eingearbeitet, um alle Bereiche kennenzulernen. Da konnte ich mir auch schon ein Bild davon machen, wie stabil und autark die einzelnen Teams arbeiten. Deswegen kann ich mich in Zukunft persönlich mehr in den Bereichen Vertrieb und Produktentwicklung einbringen, um das Team
optimal zu supporten.
Wie wirkt sich der Unterschied im Arbeitsalltag im Vergleich zu reinen Schuhherstellern aus?
Der Absatz ist bei Marc O’Polo genauso hinten, da unterscheiden wir uns nicht. Für mich ist spannend, dass wir in eine große Fashion-Welt eingebunden sind. Es ist neu für mich, sich in einem deutlich größeren Unternehmen mit unterschiedlichen Produkten wie den Casual Kollektionen, Marc O’Polo Denim oder die Lizenzen zu arbeiten, es finden beispielsweise viel mehr Abstimmungen statt. Aber gerade auch das ist sehr befruchtend und inspirierend.
Zuletzt mussten viele Einzelhändler schließen. Wie stark betrifft Sie das als Lieferanten?
Die Situation ist natürlich tragisch. Vor allem im deutschen Schuhhandel brechen viele Konzepte weg, die jahrzehntelang, teilweise über mehrere Generationen hinweg existiert haben. Und es gibt prominente Beispiele, bei denen viel Struktur und damit Umsatz weggefallen ist. Das trifft uns natürlich auch, da ist kein Hehl daraus zu machen. Wir überlegen uns aber seit jeher, wo wir richtig positioniert sind und mit welchen Partnern wir zusammenarbeiten, welche Standorte noch bedient werden können. Da wählen wir unsere Partner sehr sorgfältig aus und die sind oft stabil geblieben. Außerdem konnten wir gerade in der F/S 2024-Saison viele Neukunden gewinnen, die zu uns passen und die uns bisher noch nicht auf dem Plan hatten. Deswegen sehe ich auch auf dem Kanal noch gutes Wachstum.
Welche Ziele wollen Sie in Ihrer neuen Position erreichen?
Wichtig ist die Internationalität innerhalb Europas. Das ist ein wichtiger Hebel für unsere Weiterentwicklung, und vor allem da gibt es noch viel Luft, um größer zu werden. Neben der Schweiz, Österreich, Benelux und Skandinavien stehen Spanien und Italien bei uns auf der Expansionsliste. Dieses Jahr übernehmen wir übrigens außerdem den Vertrieb in der Schweiz mit einer eigenen Marc O’Polo-Gesellschaft selbst.
Wenn der Export eine Chance ist, auf die Konsumzurückhaltung zu reagieren, ist die Stimmung in anderen europäischen Ländern dann besser?
Das stimmt meines Erachtens, denn die Stimmung scheint in anderen Ländern oftmals besser als in Deutschland. Wir schauen zurzeit zum Beispiel stark auf den Benelux-Markt, wo es auch in mittelgroßen Städten noch eine andere, funktionierende Einzelhandelslandschaft gibt mit guter Durchmischung und kuratierten Einzelhändlern, die eine gute Stimmung bei den Kunden wecken. Deutschland ist aber, was die Kaufzurückhaltung angeht, gewissermaßen Vorreiter, nach Jahren der Krisen ist sie mittlerweile europaübergreifend mehr und mehr spürbar.
Karl-Heinz Lauterbach ist noch bis Mai 2024 Mitverantwortlicher im Schuhsegment. Wie funktioniert der Übergabeprozess über so einen langen Zeitraum?
Wir arbeiten jetzt schon lange zusammen und ein bisschen Zeit haben wir noch – und das ist auch gut so. Wir haben uns die Themen gut aufgeteilt, er ist noch stärker in den Bereichen Sourcing und Logistik eingespannt, war kürzlich noch in Asien. Es ist ein starkes Commitment von Marc O’Polo, über so eine lange Zeit eine Übergabe zu gewährleisten.