Muss der Schuhhandel bei modischen Produkten mutiger werden – und braucht er ein Trading-up?
Natürlich muss das an jedem Standort individuell beantwortet werden. Aber die meisten Konzepte werden entweder die LUG steigern müssen und/oder den Durchschnittspreis, um bei weiter steigenden Preisen wirtschaftlich tragfähig zu bleiben. Beides geht nicht über Nacht, aber beides ist möglich.
Ein großes Thema im Schuhhandel ist die Saisontaktung. Wo sehen Sie hier die größten Herausforderungen – und wie kann eine Lösung aussehen?
Die hohe Fokussierung auf die Abverkaufsquote als treibende Kennzahl führt jede Saison aufs Neue dazu, dass vielerorts versucht wird, sämtliche Ware so früh wie möglich auf der Fläche zu haben. Man meint, dann sei aufgrund der längeren Verweildauer am POS die Chance auf eine hohe AVQ höher. Aber im Dezember wird eben nur sehr wenig F/S-Ware verkauft. Und im Juni auch kaum H/W-Ware. Wenn ich aber LUG und Flächenproduktivität erhöhen möchte, muss ich mich fragen, welche Ware sich denn konkret zu welchem Zeitpunkt am besten verkaufen würde und diese dann (inkl. eines zeitlichen Sicherheitspuffers) auch so einsteuern. Und am besten, ich treffe diese Entscheidungen unabhängig von Saisons so nah am Abverkaufszeitpunkt wie möglich. Wenn man das tut, wird oft auch erst das Potenzial der transsaisonalen Ware deutlich. Es gibt doch auch bei Schuhen so viele Produkte, die sich gar nicht eindeutig einer Saison zuordnen lassen.
Nicht zu unterschätzen ist dabei auch der mittelfristige Frequenzeffekt, denn meine Kundinnen und Kunden merken das in der Regel durchaus und lernen, dass es sich lohnt, öfter zu kommen. Daher ist auch die Besuchshäufigkeit bei vollvertikalen Konzepten wie Zara so viel höher als bei klassischen Fachhändlern. Im digitalen Umfeld wird dieser Gedanke dann auf die Spitze getrieben. Über M2C-Modelle werden nicht nur täglich neue Trends angeboten, sondern zwischen Identifikation des Trends und Angebot liegen nur wenige Tage. Ich denke nicht, dass wir im Fachhandel dieselbe Geschwindigkeit brauchen, aber wenn wir bei den Leadtimes von Unterschieden zwischen einer Woche vs. über einem Jahr sprechen, kann das doch langfristig nicht funktionieren.
Welche Rolle kann KI spielen, um den Einkauf im Mode- und Schuhhandel effizienter zu gestalten?
Eine erhebliche. Im ersten Schritt gilt es, diejenigen Prozesse KI-basiert zu unterstützen oder zu automatisieren, zu denen es sehr verlässliche historische Daten gibt. Zum Beispiel Größenkurven. Aber auch das Pflegen der Soll-Bestände von Nachorderware. Das sind echte Quick Wins. Ich denke, es wird noch über sehr lange Zeit Bereiche geben, in denen der Mensch zu besseren Entscheidungen kommt und das Angebot manuell kuratiert. Aber dieser Bereich wird immer kleiner werden. Und um das wirklich gut zu machen, wird die KI mich in allen gut prognostizierbaren Bereichen entlasten.
Aber auf Industrieseite ist der Impact mindestens genauso groß. Und zwar nicht nur im Merchandise Management, sondern auch im Trend-Screening und in der Kollektionsentwicklung, die diese Trends dann per Knopfdruck in Produkte übersetzt und auch immer besser wird, dabei die eigene Marken-DNA zu berücksichtigen. Ich denke, in den meisten Segmenten sind wir noch weit davon entfernt, dass ganze Kollektionen vollautomatisch und ohne menschliche Bearbeitung entstehen, aber KI bietet hervorragende Tools, um diese Prozesse schneller und effizienter zu machen.