Es ist kompliziert
Die Analyse der deutschen Messelandschaft
- 22.10.2023
- Petra Steinke, Christopher Mastalerz
- 9 Minuten
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Die Analyse der deutschen Messelandschaft
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Headerfoto: Seit 2017 organisiert Igedo mit der Shoes, bzw. vorher Gallery Shoes, die Düsseldorfer Schuhmesse. (Foto: Igedo Exhibitions)
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„Die Orderrunde ist vorbei. Sie war insgesamt nicht schlecht, aber auch nicht wirklich überragend. Jetzt bin ich erstmal fix und fertig.“ Der Stoßseufzer eines Schuhanbieters ist deutlich hörbar – stellvertretend für alle Branchenteilnehmer, die die arbeitsintensive Vorbereitung der Saison F/S 2024 in den Knochen haben. Von Mitte Juni bis Ende September war der Mann unterwegs, zeigte seine Kollektion auf zahlreichen Messen und besuchte Händler in ihren Geschäften. Orderrunde, das bedeutet viele Wochen auf Reisen sein, Übernachtungen in Hotels mit entsprechenden Kosten, Kollektionen aus- und wieder einpacken, Händeschütteln – und hoffentlich Aufträge einbuchen. Das gehört zum Business dazu, das kennen alle Lieferanten so. Dennoch wird der Aufwand, so erscheint es vielen, von Jahr zu Jahr größer. Das liegt zum einen daran, dass es schlicht weniger Händler gibt. Große Filialisten verschwanden aus dem Markt, andere schrumpften zusammen. Und viele kleinere Händler schlossen fast geräuschlos ihre Geschäfte.
Hinzu kommt, dass die im Markt verbliebenen Händlerinnen und Händler oft länger analysieren und abwägen, bis sie einen Auftrag platzieren – nicht zuletzt auch, weil sie genauestens rechnen müssen, wofür sie ihr Geld ausgeben. Und die Zahl der Ordertermine in Deutschland und Europa ist über die Jahre stetig gewachsen. Die Frage, wo man seine Kunden trifft und im Idealfall neue gewinnen kann, ist für Lieferanten relevanter denn je. Auch für den Handel ist das Ordern komplexer geworden. Von der Expo Riva Schuh bis zur Essenz gibt es eine Vielzahl von Veranstaltungen: unabhängige und kuratierte Messen wie die Shoes, Order-Events der Verbundgruppen, Thementage in den SOCs und die derzeit größte und internationalste Messe Micam in Mailand – um nur einige zu nennen. Für die Besuche fallen teils erhebliche Reisekosten an. Händler müssen sich genau überlegen, für welche Termine sie Budget freihalten. Einige Handelsunternehmen leiden unter Personalmangel und haben es daher schwer, sich auf längere Dienstreisen zu begeben. Viele beklagen zudem ein zu stark aufgegliedertes Angebot, so dass sie, um wirklich einen Überblick zu erhalten, viele Messen besuchen müssten. Manche haben für sich entschieden, nur noch eine Veranstaltung zu besuchen und den Rest der Order im regionalen SOC zu erledigen. Und so tun sich auch Messeveranstalter schwer, mehr Händlerinnen und Händler für einen Besuch zu gewinnen. Das ärgert Aussteller, die viel Geld in die Teilnahme investieren und oft zu wenig Umsatz daraus ziehen. Verzichten sie aber auf die Teilnahme an einer Messe, mindert dies unter Umständen die Vielfalt des Angebots. Und dies wiederum beklagen dann die Händler.
Die Mailänder Messe Micam wird vom italienischen Schuhindustrieverband organisiert und hat sich zur internationalen Leitmesse entwickelt. (Foto: Micam)
In einem Artikel, erschienen in der Zeitung Die Welt, erläuterte im September 2017 der Autor Carsten Dierig die Geschichte der GDS. Deren letzte Ausgabe hatte im Frühjahr desselben Jahres stattgefunden. Nach sechs Jahrzehnten, in denen zeitweise mehr als 2.000 Ausstellende in Düsseldorf ihre Angebote gezeigt hatten und mehr als 50.000 Besucher zur Messe gekommen waren, war für die Große Deutsche Schuhmusterschau Schluss. Werner Dornscheidt, langjähriger Geschäftsführer der Messe Düsseldorf, wird in dem Artikel so zitiert: „Eine Großveranstaltung, die die GDS über sechs Jahrzehnte hinweg war, scheint nicht mehr das richtige Format für die Herausforderungen innerhalb der Schuhbranche zu sein.“
„Wir würden es sehr begrüßen, wenn wir eine starke Messe – gerne auch in Deutschland – hätten. Es braucht auf keinen Fall noch mehr Messen, sondern die richtigen – Veranstaltungen also, die den Begriffen Messe und internationale Plattform gerecht werden. Die Branche ist heterogen und es ist herausfordernd, die unterschiedlichen Interessenslagen unter einen Hut zu bringen. Darum sollte man sich auf den kleinsten gemeinsamen Nenner einigen. Wenn man von einer Leitmesse spricht, sollte der Anspruch sein, dass alle, die es wollen, dort auch ausstellen können, und alle, die die Messe besuchen wollen, auch Zutritt haben. Hinzu kommt ein interessantes Rahmenprogramm, denn es sollte nicht allein um das Verkaufen und die Order von Schuhen gehen. Und diese Messe sollte zudem eine Plattform sein, auf der Entscheider auf Augenhöhe miteinander sprechen können. Fest steht: Eine weitere Zersplitterung der Messelandschaft kann sich weder die Industrie noch der Handel leisten. Das muss unbedingt vermieden werden.“
Jens Beining|Wortmann
„Messen müssen wieder bezahlbar werden. Während viele Veranstaltungen im Ausland subventioniert werden, ist das hierzulande nicht der Fall. Einige Messeorganisatoren rufen horrende Preise auf. Das ergibt so einfach keinen Sinn mehr. Die Messen in Deutschland müssen im Hinblick auf ihre Preise attrak- tiver werden. Hinzu kommt: Es gibt zu viele Veranstaltungen. Manche Händler, die gern unterwegs sind, trifft man im Verlauf der Orderrunde bis zu zehn Mal. Ich würde mich freuen, wenn wir wieder eine große Messe hätten, die ein vielseitiges Angebot hat, bezahlbar ist und auch modisch unterfüttert. So lange aber die Messelandschaft ist, wie sie ist, müssen wir als Lieferanten leider in den sauren Apfel beißen.“
Friedrich Lüning|Apple of Eden
Statt einst großer Messeflaggschiffe würden sich kleinteilige Veranstaltungen entwickeln, prophezeite in dem Welt-Bericht Harald Kötter, Geschäftsbereichsleiter des Ausstellungsund Messeausschusses der Deutschen Wirtschaft (AUMA): Der Wandel bei Mode und Schuhen sei extrem und beispiellos. Kötter begründete die Entwicklung unter anderem mit dem Trend, monatlich neue Modekollektionen anzubieten statt wie zuvor saisonweise. Dieser Entwicklung seien auch die einst großen Modemessen wie CPD in Düsseldorf und Herrenmodewoche in Köln zum Opfer gefallen.
Jeden Monat eine neue Kollektion – das trifft auf die Schuhbranche so nicht zu, allein schon aufgrund ihrer Lieferketten.
Tatsächlich aber war die Zahl der Aussteller auf der GDS in ihren letzten Jahren kontinuierlich gesunken. Zugleich reduzierten die teilnehmenden Unternehmen ihre Standflächen. Und auch die Zahl der Besucher ging sukzessive zurück. Das hatte auch damit zu tun, dass es im Laufe der Jahre immer mehr Messen gab. 1993 öffnete in München die Moda made in Italy erstmals ihre Pforten im Ordercenter MOC – als Bühne für Schuhhersteller aus Italien und anderen europäischen Ländern, veranstaltet vom italienischen Schuhherstellerverband Assocalzaturifici. In München „ordert der hochrangige Mode- und Schuhfachhandel aus Deutschland, Österreich, der Schweiz und dem nördlichen Europa traditionell die schönsten und meistverkauften Schuh- und Taschenmodelle und Kollektions-Highlights der Saison“, schrieb die Messe München noch 2020 über die Moda und erklärte, diese sei die zweitgrößte Schuhfachmesse in Deutschland. Inzwischen gibt es sie nicht mehr. Die 2013 zunächst parallel zur Moda organisierte Messe Essenz, hervorgegangen aus einem Zusammenschluss ehemaliger Moda-Aussteller, bildet bis heute den Abschluss der Orderrunde. Die vom 24. bis 26. September abgehaltene Essenz wurde genutzt, um das Sortiment noch mit Highlights abzurunden. Vor allem in der kleineren zweiten Halle, dem Kohlebunker, wurden die kuratierte Auswahl mit modischen Schuhen in Kombination mit Kleidung und Accessoires und die inspirierende Inneneinrichtung gelobt.
„Ideal ist für mich eine Infomesse inklusive Sofortlieferprogrammen schon Mitte Januar. Dort könnte der Handel sich mit neuen Farben und fresh-ups befassen. Standort dieser Messe kann gern Italien sein. Daneben brauchen wir maximal eine zweite Messe Anfang März, die dann gern über vier Tage laufen kann und international ausgerichtet ist und auf der man in Ruhe ordern kann. Diese Messe sehe ich in Deutschland, und der späte Termin ist sinnvoll, weil man erst Anfang März gesichert weiß, wie die Verkäufe des Winters waren. Fest steht: Wir brauchen auf keinen Fall mehr Messen, sondern weniger. Auf der großen Ordermesse sollten möglichst viele Marken, aber auch kleine Lieferanten zu finden sein, wir brauchen definitiv wieder mehr Individualität in unseren Schaufenstern. Als weitere Orderstationen bieten sich die SOC an, diese sind in ganz Deutschland verteilt.“
Andreas Neuhaus|Neuhaus GmbH
Auch die Verbundgruppen haben das Thema Messen schon vor Jahren für sich entdeckt. Seit 1992 organisiert die heutige ANWR Orderveranstaltungen, die zunächst in den Offertenräumen in Mainhausen stattfanden. Erweitert wurde das Angebot Anfang der 2000er-Jahre um die so genannten Fashion Days mit italienischen Lieferanten als Extraveranstaltung ebenfalls in den Offertenräumen. 2009 eröffnete die Verbundgruppe den Campus Mainhausen mit heute sechs Hallen. 2014 errichtete sie das Ordercenter O1, das heute laut ANWR „einer der bedeutendsten Orderplätze der Schuh-, Sport- und Lederwarenbranche in Europa“ ist. Mit dem Bau des O1 erweiterte die ANWR auch ihr Messeangebot auf mehrere Termine pro Saison, die unterschiedliche Themenfelder anbieten. Messen sind für die ANWR nicht einfach ein Add-on für ihre Kunden, sondern ein Geschäftsmodell. Die Heilbronner Verbundgruppe SABU bietet seit 2011 im Veranstaltungscenter Redblue Messen an – mit beliebter Modenschau.
Hinzu kommen Schuh-Order-Center im gesamten Bundesgebiet sowie in Österreich und in der Schweiz, die Auftaktveranstaltungen zur Orderrunde sowie häufig auch spezielle Thementage anbieten. Auch darüber hinaus war seit der Jahrtausendwende viel Bewegung in der Messelandschaft. Bread & Butter und Panorama in Berlin kamen und gingen. Die Premium bot viele Jahre lang eine High-End-Auswahl internationaler Modebrands sowie Schuhe und Accessoires in Berlin, versuchte zuletzt einen spektakulären Wechsel nach Frankfurt und kehrte dann doch in die Hauptstadt zurück. Ihre Zukunft ist derzeit ungewiss. Auch Kopenhagen und Paris mischen als Messestandorte mit.
Eine bedeutende Rolle in internationaler Hinsicht spielt die Micam: Seit Mitte der 70er-Jahre organisiert der italienische Schuhherstellerverband die Messe; seit mehr als 20 Jahren ist die Veranstaltung ein für viele unverzichtbarer Termin im Messekalender. Vor wenigen Tagen ging die 95. Ausgabe mit 1.000 Marken zu Ende – flankiert von der Materialmesse Lineapelle, der Schmuckmesse Homi, der Lederwarenmesse Mipel und der auf Schuh- und Gerbereimaschinen spezialisierten Simac. Die Micam sei die führende Schuhmesse weltweit und ein „Benchmark-Event“ für Händler auf der ganzen Welt, betont der Veranstalter. Dort zeigte auch der Bundesverband der Schuh- und Lederwarenbranche (HDS/L) mit einem Gemeinschaftsstand Flagge – schon zum fünften Mal. 53 Firmen aus dem Schuh-, Lederwaren- und Reisegepäck-Segment waren laut HDS/L in Mailand dabei und zogen ein zufriedenes Fazit. Auch 2024 soll es wieder einen Gemeinschaftsstand des HDS/L in Italien geben. „Was die internationalen Messen angeht, haben wir Deutschen uns die Butter vom Brot nehmen lassen“, sagt ein Unternehmer, der seinen Namen nicht in schuhkurier lesen will. „In Italien organisiert der Schuhindustrie-Verband die Micam. Das haben wir leider nicht hinbekommen.“
Der Messestandort Düsseldorf spielt für die Schuhbranche dennoch weiterhin eine wichtige Rolle. 2017 übernahm die Igedo Company unter Führung von Philipp Kronen und Ulrike Kähler den Staffelstab in Sachen Schuhmesse und organisiert seitdem einmal pro Saison die Shoes, vormals Gallery Shoes, sowie die Modemesse Fashn, die inzwischen von der Nachhaltigkeitsmesse Neonyt flankiert wird. Kähler setzt auf ein kuratiertes Angebot in einer modernen Location. Industrie-Charme statt Messehallen. Innovativer Standbau und anspruchsvolles Catering statt Lochregalwänden und Bockwurst. Der Anteil ausländischer Marken unter den Ausstellern der Shoes liegt laut Igedo Company durchgehend bei über 70%. Kähler will Vielfalt bei den Kollektionen bieten und ein Rahmenprogramm mit Mehrwert. „Deutschland braucht eine Messe mit Relevanz“, zog die Messechefin nach der letzten Veranstaltung Ende August mit rund 600 Marken Bilanz, „einen Platz, an dem sich die Branche austauschen und gemeinsame Wege finden kann.“ Man sehe sich in der Mitte des Ordergeschehens, auch in Krisenzeiten, und stehe für Sicherheit und Verlässlichkeit.
Mit der steigenden Zahl der Veranstaltungen rückt auch die Terminierung der Order stärker in den Fokus. In den letzten Jahren der GDS entbrannte darüber eine hitzige Debatte, verbunden mit der Frage, ob die Messe eine frühe Auftaktmesse oder der Höhepunkt zur Mitte der Orderrunde sein soll. Die Fragen sind nach wie vor relevant: Wann ist der richtige Zeitpunkt für den Handel, um sein Sortiment für die kommende Saison zusammenzustellen? Wann brauchen international aufgestellte Unternehmen Aufträge, um rechtzeitig liefern zu können? Wann organisieren große Filialisten das Sourcing für ihre Eigenmarken? Soll eine Messe ein großes, vielfältiges Angebot für alle bieten oder lieber die modischen Sahnehäubchen? Wo gibt es die Gelegenheit, nicht nur mit dem Gebietsvertreter, sondern auch mit dem Vertriebsleiter oder gar der Chefin zu sprechen, um auch Themen jenseits der Order zu diskutieren? Die Interessenslagen sind zudem extrem unterschiedlich. Fragt man zehn Leute nach ihrer Meinung zum perfekten Messetermin, erhält man zwölf verschiedene Antworten, so der Tenor. Jeder hat eine andere Brille auf: Die Expo Riva Schuh beispielsweise ist für alle, die nördlich von München anreisen, eine eher unbequeme Angelegenheit. So schön es im Sommer am Gardasee ist, so beschwerlich ist es im Winter. So ziemlich jeder Besucher ist im Januar chon frustriert durch zentimetertiefen Schlamm gelaufen, um vom Parkplatz zu den Messehallen zu kommen. Trotzdem ist die Messe für viele, vor allem große Filialisten, unverzichtbar – auch, weil man hier zum frühen Zeitpunkt erste Impulse erhält und Weichen stellen kann. Und nicht zuletzt sind viele Entscheider vor Ort.
„Ein Termin Ende Januar/Anfang Februar und analog Ende Juli/Anfang August wäre aus meiner Sicht als Auftaktmesse für die Schuhbranche in Deutschland ideal. Es geht darum, dass alle Beteiligten zu einem frühen Zeitpunkt ein gutes Gefühl für die Trends und die Kollektionen bekommen. Ich sehe eine solche Messe an einem Standort, der eine gewisse Strahlkraft hat. Im Anschluss halte ich eine Schreibmesse Ende Februar bzw. Ende August für sinnvoll. Und zusätzlich gern Ordertermine in den SOC ab Februar bzw. August. Bei den zahlreichen Messeterminen, die wir aktuell im Kalender haben, sollte immer gesehen werden, dass der Handel nicht dreimal kaufen kann. Und wir Hersteller können nicht noch mehr Geld für Messen ausgeben.“
Ralf Grossmann|Gerli
Fest steht: Den Dialog wollen eigentlich alle: „Früher, auf der GDS, waren alle Entscheider zugegen. Man hat sich getroffen und konnte sprechen. Es gab einen Austausch zwischen Unternehmer, Verkaufsleiter und Händler. Heute ist das kaum noch der Fall“, sagte vor Kurzem der Schuhhändler Roman Degenhardt, einer der drei Gründer der Initiative #schuhhandelhatzukunft, im Interview mit schuhkurier. Um in den Austausch zu treten, organisierte die Initiative unlängst ein Treffen für Händler und Hersteller, bei dem wichtige aktuelle Fragen diskutiert werden sollten. Themen, die man, wenn alle vor Ort wären, auch auf einer Messe anschieben könnte. Aber die Messelandschaft erscheint dafür aktuell zu kleinteilig. Darum steht für viele auch fest: Die Branche verträgt nicht noch mehr Messen. Vielmehr müssten es weniger sein, die dann ein größeres Angebot präsentieren und sich höherer Besucherfrequenz erfreuen.
Aktuell wird das Thema Messen in der Schuhbranche wieder intensiv diskutiert. Neben Schuhkollektionen und Farbtrends tauschten sich Hersteller während der Messen über den optimalen Aufbau der Orderrunde aus. Es scheint Bewegung in die Sache zu kommen. Das hat auch mit der Ankündigung von ANWR und SABU zu tun, im Bereich Messen kooperieren zu wollen. Im Raum steht aktuell eine frühe Leit- oder Auftaktmesse, die kurz nach der Expo Riva Schuh – also Ende Januar und Ende Juni – stattfinden könnte. Das Angebot der beiden Verbundgruppen soll laut den Organisatoren besser auf die Bedürfnisse des Handels zugeschnitten sein und die Standorte Heilbronn und Mainhausen einbeziehen (Anmerkung nach Redaktion: Nach Veröffentlichung des Artikels haben ANWR und SABU angekündigt, die Kooperation zunächst zu verschieben und sich am allgemeinen Diskurs zur Neuausrichtung des Messekalenders zu beteiligen). Branchenteilnehmer positionieren sich zu diesem Thema und wägen die Vor- und Nachteile ab. Das Thema Leitmesse überzeugt viele Akteure. Diese sollte aber neutral, also für alle sein. Bei der Frage nach dem optimalen Termin einer solche Leitmesse aber wird die Heterogenität der Branche schon deutlich. Die einen wünschen sich einen frühen Zeitpunkt, für die anderen darf es auch etwas später in der Orderrunde sein. „Ich finde es sinnvoll, dass sich die Verbundgruppen zusammensetzen, um die Messen gemeinsam zu veranstalten. Ich finde es gut, dass sich jemand dem Thema Messen widmet, und begrüße jeden Versuch zum Fortschritt in der Branche. Eine Leitmesse zur Inspiration sollte es geben. Von wem die veranstaltet wird, da sind wir ganz unvoreingenommen, solange die Messe der gesamten Branche offensteht“, ist Walter Breuer (Högl) der Initiative der Verbundgruppen zugewandt: „Ich denke, Ende Januar oder Anfang Februar wäre der richtige Zeitpunkt dafür. Eine Leitmesse zur Order braucht es nicht, da können wir in den Ordercentern und auf den regionalen Messen konzentrierter arbeiten.“
„Wenn wir einen großen Branchentreff für die DACH-Region Ende Januar/ Anfang Juli hätten, bräuchten wir nicht mehr so viele Messen. Denn wir haben ja die SOC für die Order. Ich finde es als Händler sehr wichtig, mich ohne Druck inspirieren zu lassen. Und definitiv braucht es mehr Austausch in der Branche. Ich stelle mir eine solche Auftaktmesse auch mit einem erweiterten Angebot vor. Das muss nicht unbedingt nur der Modevortrag sein. Warum nicht Informationen zu Themen wie Aus- und Weiterbildung oder Visual Merchandising? Düsseldorf ist für mich der richtige Ort für eine solche Messe.“
Hansjörg Egli|Zusa
Der Wunsch nach einer Straffung des Messeangebots ist bei vielen Industrievertretern deutlich spürbar: „Es wäre schön, wenn es funktionieren könnte, den Messekalender zu reduzieren. Schließlich ist man die ganzen Monate unterwegs, wenn man auf allen Messen präsent sein will“, sagt Sander van Berkel (Marcmarcs, D. Franklin), der jedoch auch auf die möglichen Probleme bei einer Straffung des Angebots aufmerksam macht: „Aber ich weiß nicht, ob das realistisch ist. Die Händler wissen die vielen lokalen Messen zu schätzen, bei denen sie morgens mit dem Auto hin- und abends zurückfahren können. Wenn alle zu einer Leitmesse fahren würden, wären auch die Hotelkosten höher und man müsste einen Besuch für mehrere Tage organisieren können. Das würden sich viele Händler sparen.“
Pierre Damsch (Kamo-Gutsu, Art) sieht eine gewisse Überforderung des Handels angesichts des großen Messeangebots. „Ich denke, dass durch die vielen Messen und Orderveranstaltungen Druck auf die Händler ausgeübt wird, schon möglichst früh möglichst viel vom Budget auszugeben. Es wird wenig nach links und rechts geguckt und ich denke, dass eine Informationsmesse eine gute Gelegenheit dafür wäre. Sie sollte im Januar und Juli stattfinden und wirklich nur für den Austausch und die Inspiration da sein. Die Order sollte hingegen wieder weiter nach hinten verschoben werden.“ Peter Leismann (Bullboxer, Gap) wünscht sich eine gemeinsame Anstrengung der Branche: „Die Order findet zu 80% in den Ordercentern statt und die Entwicklung wird sich nicht mehr zurückdrehen lassen. Trotzdem sollte es eine Leitmesse geben, am besten Anfang Februar bzw. Anfang August. Bis dahin können alle Lieferanten schon etwas zeigen. Da muss sich die Branche zusammensetzen und pragmatisch eine Lösung finden, die für alle passt. Wo diese Messe veranstaltet wird, sollte egal sein“, so Leismann weiter. „Aber sie sollte von einem neutralen Veranstalter ausgerichtet werden.
„Ende Januar und Ende Juli sollte es eine neue deutsche Schuhmesse geben – in einer Stadt, die vielen Branchenmitgliedern charmant erscheint. Dort sollten die für den europäischen Schuhfachhandel relevanten Lieferanten ausstellen und daneben viele weitere spannende Fabrikate, die ein Sortiment vielfältig gestalten können. Hinzu kommen Accessoires wie Taschen und Schals, aber auch Trends der Oberbekleidung. Auf einer solchen Messe kann sich der Handel informieren und sehen, wohin die modische Reise geht. Nach der Messe öffnen dann die Orderbüros, in denen der Handel seine Limits vergeben kann. Ohne Informationen einzukaufen, ist für den Handel gefährlich.“
Ralf Meurer|Gabor
„Ideal wäre eine Auftaktmesse Ende Januar/Anfang Februar, die einen internationalen Charakter hat. Als Austragungsort kämen aus meiner Sicht Städte wie Düsseldorf, Frankfurt oder München in Frage. Wichtig wäre, dass der Handel eine solche Messe nutzt, um am ersten Tag in Ruhe zu schauen und sich inspirieren zu lassen. Danach kann dann geordert werden. Und Käufe, die nicht auf der Messe getätigt werden, lassen sich auch später noch auf verschiedenen Wegen realisieren, zum Beispiel über Ordercenter. Einen Messetermin, an dem man alles sehen kann, würden sich viele in der Branche wünschen.“
Thomas Bauerfeind|Berkemann
Das Ordercenter O1 gehört zum ANWR-Campus und ist während der Messen geöffnet. (Foto: ANWR)
Diese Messe sollte vor allem eine Plattform dafür sein, gemeinsam Probleme zu besprechen und auch Positionen gegenüber der Politik zu vertreten. Die Gastronomiebranche macht es gerade richtig. Überall hört man Werbespots darüber, dass die Mehrwertsteuer nicht erhöht werden darf. Genauso müssen wir die Schuhe wieder mehr ins Gespräch bringen.“ Auch der Handel positioniert sich zum Thema: „Viele Vertreter kommen zu uns in den Laden aber eigentlich ordere ich lieber auf den Messen, auf denen man neue Leute und Marken kennenlernen kann“, erklärt Astrid Tasoglu (Shoe Box, Pforzheim). „Ich würde mir eine Messe wünschen, bei der man sich gut inspirieren kann und auf der auch Accessoires oder andere Produkte gezeigt werden als nur Schuhe. Das Konzept der Essenz gefällt mir deswegen sehr gut, aber sie könnte ein paar Wochen früher stattfinden. Anfang September und Anfang März wären die perfekten Zeitpunkte.“ Weniger Messen, mehr Dialog – das wünscht sich auch Hansjörg Egli, Geschäftsführer des Schweizer Schuhhändler-Verbunds ZUSA: „Wenn wir einen großen Branchentreff für die DACH-Region Ende Januar/Anfang Juli hätten, bräuchten wir nicht mehr so viele Messen. Denn wir haben ja die SOCs für die Order. Ich finde es als Händler sehr wichtig, mich ohne Druck inspirieren zu lassen. Und definitiv braucht es mehr Austausch in der Branche. Ich stelle mir eine solche Auftaktmesse auch mit einem erweiterten Angebot vor. Das muss nicht unbedingt nur der Modevortrag sein. Warum nicht Informationen zu Themen wie Aus- und Weiterbildung oder Visual Merchandising?” Und Egli hat auch eine klare Vorstellung davon, wo eine solche Messe stattfinden sollte: „Düsseldorf ist für mich der richtige Ort für eine solche Messe.“