Unter dem Motto „Zukunft jetzt“ stand der Schuh- und Lederwarentag des HDSL. Vor allem im Hinblick auf das Thema Künstliche Intelligenz passte das Motto zur zukunftsgewandten und optimistischen Stimmung vor Ort.
12.06.2024
Christopher Mastalerz
2 Minuten
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Zum zweiten Mal fanden am 5. Juni das HDSL-Symposium und die Mitgliederversammlung unter dem neuen Label Schuh- und Lederwarentag statt. Über 100 Gäste aus der Schuh- und Lederwarenindustrie haben sich dafür auf den in einigen Fällen auch sehr kurzen Weg ins Forum Alte Post in Pirmasens gemacht. Schwerpunkte der Symposium-Vorträge waren die Themen KI und Nachhaltigkeit. Eröffnet wurde der Tag vom HDSL-Vorsitzenden Carl-August Seibel, der die Stimmung der in die Zukunft blickenden Veranstaltung setzte. Zuletzt habe sich in der Branche extrem viel gewandelt, viele Regeln würden nicht mehr gelten oder sich dauernd ändern: „Mit einem Tempo, bei dem es mitunter schwerfällt, schrittzuhalten. Tradierte Sicherheiten brechen weg, unternehmerische Optionen und Risiken ploppen auf. Was einst fest war, ist nun flüssig.“ Das könne Angst machen, doch berge es auch Chancen.
Anwendungsfälle und Gefahren von KI
Das ist vor allem am Thema KI zu erkennen, bei dem zunächst Prof. Dr. Peter Buxmann, Technische Universität Darmstadt, das theoretische Fundament bot. Buxmann fasste die Entwicklungsdurchbrüche, Anwendungsbereiche und Risiken zusammen. Vor allem beim Programmieren des Codes werde KI viel genutzt, da zum Beispiel Chat GPT auf Anfrage ganze Programme schreiben kann. So zeigte Buxmann, wie in wenigen Minuten eine Tic-Tac-Toe-Anwendung programmiert werden kann. Gefährlich kann es hingegen sein, wenn die KI anfängt, zu halluzinieren. Als Buxmann Chat GPT die Fangfrage stellte, warum der Frankfurter Flughafen 2023 geschlossen wurde, antwortete die KI auf sehr überzeugende Art, dass der Flughafen nicht mehr wirtschaftlich war und außerdem die Ressourcen in der Region nicht mehr ausgereicht hätten, um den Flughafen zu betreiben. Die KI unterscheidet nicht danach, wie sicher sie sich bei den Aussagen ist. Dennoch sei unbestritten, welche Mehrwerte Künstliche Intelligenz für Unternehmen hat. Sie kann mit klaren Use-Cases wirtschaftlich sein und ist ein wichtiger Benefit im Kampf um Fachkräfte, so Buxmann: „Ich habe meine Studierenden gefragt, und 90% von ihnen ist es wichtig, bei der Arbeit mit KI arbeiten zu können. Eine Studentin hat es auf den Punkt gebracht: Sie hat die KI sowieso auf dem Handy. Es wäre unsinnig, die Nutzung zu verbieten.“ Marco Giangreco bot einen Überblick über die Anwendungsbereiche. Indem die KI viel mehr Möglichkeiten berechnen kann als der Mensch, kommt sie in vielen Fällen zum bestmöglichen Ergebnis. In der Warenlogistik – am Beispiel vom Brot beim Bäcker – berechnet die KI besser als jeder noch so erfahrene Mitarbeiter, wie viel Brot am jeweiligen Tag gebacken werden sollte, um möglichst wenig wegschmeißen zu müssen-
Carl-August Seibel eröffnete die Vortragsreihe auf dem Schuh- und Lederwarentag. (Foto: Redaktion)
Im Paneltalk wurden die Erfahrungen aus der Praxis deutlich. (Foto: Redaktion)
Prof. Dr. Peter Buxmann stellte die technischen Fortschritte, Use-Cases und Gefahren vor. (Foto: Redaktion)
Erfahrungen aus der Branche
Der Austausch unter Schuh- und Lederwaren-Lieferanten stand im Vordergrund. (Foto: Redaktion)
Praxisbezogener wurde das Thema in einer Talkrunde behandelt. Die Panel-Teilnehmer erzählten von ihren bisherigen Erfahrungen mit der KI in ihrer Arbeit. Wortmann-CEO Jens Beining berichtete, dass beim Schuhhersteller vor zwei Jahren ein interdisziplinäres Team zusammengestellt wurde, um die Nutzungsmöglichkeiten von KI auszuloten. Seitdem wird das Dynamic Pricing per KI gesteuert. Außerdem haben sich die Möglichkeiten und Grenzen im Design herausgestellt: „Die KI ist sehr kreativ bei Sneakerböden und hat noch Nachholbedarf bei Schäften und klassischen Lederschuhen.“ Für Beining ist die KI wie ein neuer Azubi anzusehen. Die Mitarbeitenden müssten sie gut anleiten und mit Informationen schlau machen, damit sie auch gute Ergebnisse ausgibt. Für den Wortmann-CEO ist klar, dass Künstliche Intelligenz die Mitarbeitenden unterstützt und nicht ersetzt: „Im Mittelpunkt steht der Mensch. Die KI ist ein Assistent und die Anregungen müssen auch immer kritisch hinterfragt werden.“ So löse die KI viele Probleme, stelle aber auch neue Anforderungen an die Mitarbeitenden. Sensibilisiert werden müssten diese außerdem, wenn es um persönliche Daten und Firmeninformationen geht. Da müsse allen klar sein, dass diese nicht oder nur anonymisiert in die Textfelder der KI kopiert werden dürfen. Christian Decker, Produktverantwortlicher beim Maschinenhersteller Desma, betont, dass noch nicht annährend alle Möglichkeiten ausgelotet werden: „Theoretisch könnten wir ein Design generieren lassen, hätten in 60 Minuten alle benötigten Maße, könnten nach einem Tag einen Prototypen fertigen und nach drei Tagen in die Massenproduktion. Das ist alles technisch bereits jetzt möglich.“ In einem emotionalen Plädoyer machte er sich dafür stark, nicht zu ängstlich mit der neuen Technologie umzugehen: „Es ist nicht alles böse, aber es wird immer nur auf die Gefahren geschaut. Wenn ein autonom fahrendes Auto einen Unfall baut, wird überall darüber berichtet. Aber es gibt statistisch viel mehr Unfälle von Menschen, und da gibt es keine Schlagzeilen zu. Wir müssen daran denken, dass wir damit den Fachkräftemangel bekämpfen können, statt Angst umverdrängte Arbeitsplätze zu haben. In den USA und vor allem in China ist man in der Einstellung weiter.”
Marktentwicklung und Nachhaltigkeit
In der Diskussion wurde deutlich, wie wichtig es ist, auf die technische und gesellschaftliche Entwicklung in China zu schauen, schließlich sitzen dort die wichtigen Konkurrenten und entstehen dort die Innovationen. Einen Schwerpunkt auf chinesische Anbieter legte auch Dr. Ralf Deckers vom IFH Köln in seinem Vortrag. Er fasste die Marktsituation der Schuhbranche zusammen und machte dabei vor allem darauf aufmerksam, wie die chinesischen Plattformen Shein und Temu in Deutschland ankommen. Gerade Temu sei in kürzester Zeit rapide gewachsen. Aber den Dienst aus Neugier am Neuen zu nutzen, heißt nicht, dass die Kunden auch alle langfristig dabei bleiben. Die Gamification-Features und aggressiven Werbemaßnahmen sprechen nicht alle an, außerdem wird langfristig auch die Qualität die Kaufentscheidung beeinflussen. Wobei Deckers feststellt: „Die Leute sind sich bewusst, dass Temu und Shein in einer anderen Liga spielen und haben dort ganz andere Ansprüche.“ Für den zweiten Schwerpunkt Nachhaltigkeit hat Sebastian Thies vom Familienunternehmen mit den Marken Thies 1856 und Nat-2 über die Geschichte des Herstellers gesprochen. Schon in den Neunzigerjahren hatte sich Thies an einer Ökomarke namens Clear versucht. Doch technischer und gesellschaftlicher Fortschritt waren noch nicht so weit: „Naturgarn hat damals nur rund eineinhalb Jahre gehalten. Außerdem waren wir bei einem Preis von 180 DM im Bereich von Prada. Das war damals keiner bereit, für Nachhaltigkeit zu zahlen.“ Heute setzt vor allem die Marke Nat-2 darauf, mit gutem Marketing auf die Möglichkeiten und die Vielfalt von Nachhaltigkeit hinzuweisen. Immer wieder zeigt Thies Flagship-Modelle, die etwas aussagen sollen, anstatt unbedingt verkäuflich zu sein. Schuhe mit Ochsenblut oder Filz aus Milch sollen zeigen, dass es nachhaltig ist, nichts wegzuschmeißen. In abgewandelter Form finden sich diese Prinzipien dann auch in der regulären Kollektion wieder.