„Wir sind sogar gezwungen, Dinge anders anzugehen“, betont Aichinger. Nicht weil sie in der Vergangenheit schlecht gemacht worden seien, sondern weil es heute anderer Maßnahmen bedürfe. „Der Kunde ist seit Corona gewohnt, alles zu jeder Zeit überall kaufen zu können. Die Kanäle sollen fließend ineinander übergehen. Das ist vor allem für den Handel eine Riesenherausforderung.“ Zudem sei heute der Gedanke, nicht nur Schuhe, sondern ein gesamtes Outfit zu kaufen, omnipräsent. „Hier gibt es Schuhe, da die Kleidung und dort den Schmuck, das ist nicht das, was die Kundin heute sucht. Sie ist daran gewöhnt, dass ihr Outfits präsentiert werden. Der Ansatz ist heute: Wenn die Kundin zu Dir ins Geschäft kommt, sollte sie möglichst viel Inspiration bekommen. Ich glaube, das wünscht sie sich auch. Sie will nicht mehr so viele Geschäfte abklappern und findet es gut, wenn jemand ihr die Vorauswahl abnimmt.“
Welche Themen sind ihr besonders wichtig?
„Ich habe einen weiblicheren Blick, vor allem, was das Marketing unserer Marke und Schuhe angeht. Wir sind immer extrem produktfokussiert gewesen, und wir sind es nach wie vor. Aber heutzutage hat jeder alles. Niemand braucht Schuhe, schon gar keine, die eigentlich keine Funktion erfüllen. Über das Handy kann man 24/7 alles haben. Darum muss man einer Marke einen Charakter verleihen. Es geht um die Emotion.“ Ziel sei es, dass die Kundin nicht einfach einen weißen Sneaker kaufen wolle – sondern einen von Paul Green. „Diese Emotion einer Marke entsteht nicht allein über das Produkt, sondern über viele weitere Bausteine“, erklärt Barbara Aichinger. Daran habe sie seit ihrem Eintritt in die Geschäftsführung intensiv gearbeitet. „Unsere Kundinnen catcht man nicht allein über ein Qualitätsprodukt. Das reicht nicht. Man muss auch ein Gefühl erzeugen“, weil immer mehr Kundinnen online kaufen und das Personal im stationären Handel heute häufig über weniger Produktwissen verfüge und damit nicht mehr so stark als Markenbotschafter fungiere wie früher.
Ist sie anfangs auf Widerstände gestoßen?
„Zuhauf! Ja, klar!“, lautet Barbara Aichingers spontane Antwort. In der ersten Zeit bei Paul Green, mit Anfang 30, habe es sicherlich überraschte Blicke gegeben und mancher möge sich insgeheim gefragt haben, wie lange sie wohl aushalten werde. Der langjährige Firmenchef Gerald Huber, der sich inzwischen aus dem operativen Geschäft zurückgezogen hat, habe aber immer zu 100% hinter ihr gestanden, berichtet die Geschäftsführerin. „Ich konnte mich immer auf ihn verlassen, und das war sehr wertvoll.“ Natürlich, ergänzt sie, sei sie auch gelegentlich gefragt worden, ob sie die Assistentin des ehemaligen Geschäftsführers sei. „Wenn Du jung bist und blond, dann gibt es Vorurteile. Das ändert sich aber und darüber bin ich froh.“
Hat sie neue Impulse gesetzt?
„Bei Paul Green sind die Hierarchien ohnehin sehr flach“, berichtet die Geschäftsführerin. Es gebe eine sehr durchgängige „open door-policy“. „In mein Büro kommt ein Mitarbeiter der Produktion genauso wie ein Abteilungsleiter aus dem kaufmännischen Bereich. Wenn es Fragen gibt, versuchen wir dies möglichst schnell und bürokratielos zu klären. Natürlich besteht dann die Gefahr, ins Micromanagement zu verfallen. Da muss man aufpassen“, sagt Barbara Aichinger.
Gesorgt habe sie zudem für mehr „sozialen Kitt“; es seien oft die Frauen, die sich dafür verantwortlich fühlen: ein Abteilungsabend, ein gemeinsamer Kochkurs – „man mag das belächeln, aber der Faktor, sich am Arbeitsplatz wohlzufühlen, ist extrem wichtig geworden. Es bleibt immer noch Arbeit, man wird für eine Leistung bezahlt. Und es kann nicht immer nur super sein. Aber die Grundstimmung muss passen. Dazu können Events außerhalb des normalen Arbeitsalltags beitragen. Es ist wichtig, dass ich nicht nur die Vorgesetzte Frau Aichinger bin, sondern auch der Mensch dahinter.“