Anlässlich des 100-jährigen Bestehens der ANWR Group führte schuhkurier im Jahr 2019 ein Interview mit Georg C. Neumann und dem damaligen ANWR-Vorstandsvorsitzenden Günter Althaus. Einige der wichtigsten Statements von Georg C. Neumann aus diesem Gespräch haben wir hier für Sie zusammengestellt.
Georg C. Neumann über den Konflikt zwischen den Einzelinteressen eines Unternehmens und der genossenschaftlichen Idee einer Verbundgruppe:
„Ein Schuhhändler ist ein Unternehmer. Und er ist stolz auf das, was er geleistet hat. Diesen Ruhm will er nicht mit jemand anderem teilen. Das ist meines Erachtens nach der Grundkonflikt einer Verbundgruppe. Der Einzelhandelsunternehmer stellt sich immer wieder die Frage: Was will der da oben von mir?“
„Ein Beispiel für diesen Konflikt ist aus meiner Sicht Quick Schuh. Damals, Ende der 60er-Jahre, gab etwa 40, 50 Mitglieder, die sich etwas überlegt hatten. Ihre Idee war, ein zweites Geschäft mit preiswertem Sortiment aufzubauen, um ihre alten Überbestände zu vermarkten. Das war natürlich betriebswirtschaftlich nicht so interessant. Ich habe ihnen dafür eine Konzeption angeboten, das war Quick Schuh. So etwas, dachte ich, kann man ja gemeinsam angehen. Da ging dann ein Rauschen durch die Genossenschaft. Einige Händler haben mir sogar ungenossenschaftliches Verhalten unterstellt. Es hieß damals, was der Neumann da macht, ist McDonalds mit Schuhen. Das wollen wir nicht sein.“
Über das Franchise-System Quick Schuh:
„Ein solches Franchisesystem einzuführen in einer traditionsreichen Genossenschaft, das war damals nicht so einfach. Und es ist es auch nicht so konsequent weitergeführt worden, wie ich mir das gewünscht hätte. Wenn Sie eine Konzeption durchsetzen wollen, müssen Sie fünf Jahre rechnen. Schneller geht es meist nicht.“
„Quick Schuh war ein Lehrbeispiel für die Mitglieder. Ein pädagogisches Beispiel.“
Über den Eintritt in die Sportbranche:
„Das war damals eine erstaunliche Situation, die vom Markt herkam. Ganz vereinfacht lag es daran, dass Joschka Fischer 1982 in Turnschuhen vereidigt wurde. Es ist erstaunlich, was er ausgelöst hat. Ein ganzer Teil der Straßenschuhe ging verloren. Es kamen die Sportschuhe. Selbst alte Männer mit 92 Jahren laufen heute damit herum.
Wir haben seinerzeit erst einmal das Sport Corner Modell eingeführt und Zugang zu den Sportmarken geschaffen. Den Kunden, die sonst nur Straßenschuhe kauften, konnte dann ein Sportschuh-Sortiment angeboten werden. Es war auf jeden Fall eine Idee, die sich sehr schnell bei den Mitgliedern durchsetzen ließ.“
Zur Frage, ob es Phasen gab, in denen Neumann an den Genossen verzweifelte:
„Nein. Ich wusste ja, worauf ich mich einlasse – nicht zuletzt auch, weil ich selbst aus einer Schuhhändler-Familie stamme. Aber es war nicht alles einfach. Ich war beispielsweise bei vielen Händlern als ’Paket-Neumann‘ verschrien. Ich habe immer gesagt, wenn Ihr dieses schöne Paket mit den Sonderkonditionen haben wollt, dann müsst Ihr diese oder jene Werbung mitmachen. Man muss wissen, dass eine Kooperation alten Stils eine Kooperation der Unverbindlichkeit ist.“
Über das von ihm geprägte Motto ’Kooperieren oder krepieren‘:
„Im Grunde genommen gilt das schon seit Raiffeisen und Schulze-Delitzsch, die beide die Genossenschaft erfunden bzw. als Gesellschaftsform etabliert haben. Die Handwerker und Bullenzüchter mussten seinerzeit alle davon überzeugt werden, dass sie alleine gegen die Großbetriebe und Großbullenzüchter nicht ankamen. Das ist Aufgabe von Verbundgruppen seit Jahr und Tag, und das wird es auch weiter bleiben.“
„Diese Einsicht (zu kooperieren) müsste eigentlich selbstverständlich sein. Aber viele haben das damals gar nicht erkannt.“
Zur Frage, ob die Fusion zwischen der Nord-West Schuhwaren-Einkaufsgenossenschaft und der Ring-Schuh im Jahr 1971 umstritten war:
„Ja. Obwohl die Sache naheliegend war, mit der Ring-Schuh zusammenzugehen. Das hatte auch mit unserer IT zu tun, die besser aufgestellt war als deren. Das habe ich als gemeinsamen Nutzen erkannt.“
Über das Prinzip der Genossenschaft:
„Die Genossenschaft ist eine sehr gute Gesellschaftsform. Sie ist auch die demokratischste. Und sie kann niemals beherrscht werden. Man kann keine Genossenschaft kaufen. Genossenschaft bedeutet, seinen Mitgliedern eine Rundum-Versorgung sicherzustellen und die Basis für die nächste Generation aufzubauen. Ihre besonderen Chancen liegen in der Zusammenarbeit aller.“