Es gibt Nachrichten, die hat man so lange kommen sehen, dass sie nicht mehr überraschen, wenn man sie Schwarz auf Weiß liest. Und doch ist es so, dass man lieber darauf verzichten würde.
Mit großen Ideen war der Unternehmer Bolko Kissling vor eineinhalb Jahren als neuer Eigner des renommierten Händlers gestartet. Er wolle Görtz aus der Insolvenz herausführen (der Filialist befand sich seit September 2022 in seinem ersten Insolvenzverfahren) und habe Pläne für neue Konzepte: Mit „Lifestyle“ wollte er Mode und Schuhe kombinieren, unter „L0unge“ sollten Filialen mit hohem Servicegrad laufen.
Es gab von Anfang an Fragezeichen, ob das wohl funktionieren könnte. Ob der Filialist mit nunmehr 44 statt ehemals 160 Standorten stark genug für den Neustart sein würde. Es gab aber auch viel Hoffnung und – auch an dieser Stelle – Zuspruch für Kissling, der in einer für die ganze Branche schwierigen Lage immerhin Neues wagen wollte. 2023, sagte der Unternehme, werde ein Übungsjahr sein. Er setze voll auf Wachstum im Jahr 2024.
Statt des erhofften Neustarts war das Jahr 2024 allerdings geprägt von Bad News rund um Görtz. Lieferanten beklagten die schlechte Zahlungsmoral des Händlers. Einige stellten die Zusammenarbeit ein. In einem Fall sollen Schuhe per Gerichtsvollzieher unter Polizeischutz aus den Filialen abgeholt worden sein. Fragte man bei Kissling nach, gab sich dieser unerschrocken und kämpferisch: Bei einer großen Konzeptumstellung knirsche es eben manchmal.
Die schlechten Nachrichten ebbten aber nicht ab. Euro Delcredere stellte die Warenkreditversicherung für den Schuhfilialisten per Ende 2024 ein. Und an verschiedenen Standorten reichten Vermieter Räumungsklagen ein. Der Grund: ausstehende Mietzahlungen. Allein für zwei Standorte in Hamburg summierten sich die Rückstände laut Landgericht Hamburg zuletzt auf mehr als 700.000 Euro. Unterdessen eröffnete Kissling Läden in Bochum, Frankfurt und Dortmund – fast so, als gäbe es die Katastrophen-Meldungen nicht. Es ist wenige Tage her, dass mir ein Branchenkenner in einem Hintergrundgespräch sagte: „Ich gebe Görtz noch maximal drei Wochen bis zur Insolvenz.“ So ist es nun gekommen. Erwartet und wenig überraschend. Und doch unglaublich bitter.