Konsumieren, was das Zeug hält. Massenweise, und möglichst immer noch mehr. Wünsche, von dem man nicht wusste, dass man sie hatte, werden einem an jeder Ecke suggeriert. „Kauf! Gefälligst!“, schreit es einem aus jedem Laden entgegen. Es schreit, wenn man den Briefkas-ten öffnet und eine Flut an Prospekten herausflattert. Es brüllt, wenn man im Internet surft. Es blinkt, wandert geräuschvoll über den Bildschirm, ploppt auf, wo man lesen will. Es lockt über fragwürdige Rabatte. Bezahl zwei, nimm drei. 30%, aber nur bis Mitternacht, nur für dieses oder jenes Produkt und nur bei einem Mindestbestellwert von…
Wer soll da nicht laut aufschreien? Man könnte verrückt werden angesichts dieser sich immer wieder aufs Neue übertrumpfenden Werbeoffensive. Überall wird am Kunden gezerrt, bis es schmerzt. Und alles zielt immer auf dasselbe ab: Dem Verbraucher Geld zu entlocken. Möglichst viel. Und immer mehr. Wohin soll das führen?
Vergangene Woche habe ich an dieser Stelle vom Dilemma des Schuhhandels geschrieben. Der schwierige Monate hinter sich hat. Und wohl auch vor sich. Der an vielen Orten wirklich ums Überleben kämpft. Und ich habe aufgefordert, trotzdem mutig in die neue Saison zu starten. Mit guten Ideen und Engagement. Weil es das ist, was letztlich auch den Kunden erreicht. Und was auch zu unternehmerischem Erfolg verhelfen kann.
Denn mittendrin in diesem Konsum- Wahnsinn, bei dem kein Mensch auch nur ansatzweise einen Überblick behalten kann, gibt es sie. Die guten Geschäfte. Die Läden, die anders sind. Man findet sie überall. Zum Beispiel im Düsseldorfer Stadtteil Carlstadt. Einen Steinwurf entfernt von der berühmt-berüchtigten Altstadt mit ihren Partymeilen, den Konsumtempeln mit Billigfashion, Modeschmuck und Killefitt, den niemand braucht (aber trotzdem kaufen muss). Selekteur heißt das neue Geschäft, klein und fein. Schon von außen erkennbar anders. Und innen ein Traum.
Hier findet man schöne Produkte, eine wertige Inszenierung. Ruhe. Zeit. Aber eben nichts Lautes. Nichts Aufgesetztes. Keinen Wahnsinn. Eine Oase.
Natürlich geht es auch den Betreibern solcher Geschäfte darum, Umsatz zu generieren. Sie wollen sich weiter entwickeln, mit ihrem Konzept erfolgreich sein, vielleicht sogar wachsen. Und dazu müssen auch sie die Geldbörse des Kunden ’anzapfen‘. Aber immerhin verkaufen sie Produkte, die eine Geschichte erzählen. Dinge mit einer erkennbaren und nachhaltigen Qualität. Waren, bei denen man sich nicht spätestens zu Hause fragt, wie man dafür sein Geld ausgeben konnte.
Wir brauchen mehr Händler, die sich trauen, wirklich neue Wege zu gehen. Mit individuellen Konzepten. Produkten, die besonders sind. Mit Service, der diesen Namen auch wirklich verdient. Mit Mitarbeitern, die ehrlich und aufrichtig mit ihren Kunden umgehen. Wir brauchen nicht noch mehr Konsumterror. Wir brauchen mehr gute Geschäfte.
schuhkurier Ausgabe 50/2015