schuhkurier: Herr Junkert, das britische Unterhaus hat gestern klar „No“ zum ausgehandelten Brexit-Deal gesagt. Was bedeutet das für die Unternehmen des HDS/L?
Manfred Junkert: Die Entscheidung des Unterhauses vom 15. Januar war zu erwarten. Daher waren wir vom Ergebnis nicht überrascht. Verstärkt haben sich dadurch allerdings die Sorgen, die uns schon seit Wochen plagen, verbunden mit der Frage: Wie können wir den Unternehmen unseres Verbandes Planungssicherheit und Klarheit mit Blick auf den Brexit geben? Am 29. März wird etwas anders, aber wie sich die Situation dann darstellen wird, ist nach wie vor völlig offen.
Welche Rolle spielt Großbritannien für die Unternehmen des HDS/L?
Großbritannien ist der sechstgrößte Exportmarkt für die deutsche Schuhindustrie und weltweit der siebtgrößte Markt. Wir reden hier also von einem bedeutenden Wirtschaftsraum.
Inwiefern können Sie die dem HDS/L angeschlossenen Unternehmen in dieser Situation unterstützen?
Es gibt eine Reihe von branchenübergreifenden Informationsmaterialien, die wir den Firmen zur Verfügung stellen. Dabei geht es beispielsweise um Themen wie die Logistik. Es kann für verschiedene Bereiche sinnvoll sein, vorab ein Lager in Großbritannien aufzubauen. Für modische Artikel in enger Taktung, wie wir sie anbieten, ist das aber problematisch. Klar ist, dass die Logistikkosten und der damit verbundene Aufwand steigen werden. Zölle, Prüfungen an den Grenzen, all das wird zusätzliche Belastungen mit sich bringen. Viele Fragen, die uns derzeit erreichen, drehen sich um Preiskalkulationen. Wir wissen nicht, ob ab Anfang April und welche Zollsätze hinzugerechnet werden müssen. Es ist daher sehr schwierig, einen Preis für ein Produkt festzulegen. Ohne Preis hält sich der Kunde aber noch mehr zurück als ohnehin schon. Hinzu kommt das Währungsrisiko, das ebenfalls nicht kalkulierbar ist. Eine Absicherung dieses Risikos ist jedoch kaum praktikabel.
Wie schätzen Sie die Stimmung bei den Schuhherstellern mit Blick auf den Brexit ein?
Spätestens seit Beginn des Jahres sind die Unternehmen alarmiert und uns erreichen immer häufiger Fragen zum Thema. Die Situation der einzelnen Hersteller ist natürlich unterschiedlich, weil sie auch in unterschiedlichem Maße in Großbritannien aktiv sind.
Welche nächsten Schritte erwarten Sie in der Brexit-Frage?
Ich habe die Hoffnung, dass sich die Situation beruhigt und eine vernünftige und nüchterne Betrachtung möglich ist. Vielleicht entsteht dann Raum für Nachverhandlungen. Womöglich kommt auch ein Plan B auf dem Tisch, der verfolgt werden kann. Eventuell wird es auch zu einer Verschiebung des Brexit kommen. Klar ist, dass die Wirtschaft – nicht nur in der Schuhbranche – eindeutige und verbindliche Regelungen braucht. Ein harter Brexit ohne Konzept wäre fatal.