Mehr als 50 Akteure der Schuhindustrie hatten sich am 8. November zum alljährlichen ISC Branchenforum in Pirmasens eingefunden, um sich über Nachhaltigkeit auszutauschen. Sieben Redner beleuchteten in ihren Vorträgen neue Ansätze und Perspektiven des Themas. „Schön, dass sie alle da sind, sie gehen mit gutem Beispiel voran“, sagte Michael Tackenberg, aus dem Produktionsvorstand von Gabor und Vorstandsvorsitzender der Brancheninitiative CADS. „Aber wir sind trotzdem noch zu wenige. Die Schuhbranche ist eine sehr traditionelle Branche; sie braucht neue, gemeinsame Perspektiven in Bezug auf Nachhaltigkeit. Das ist eine Frage der Verantwortung. Ich wünschte, es gebe mehr von Ihnen in der Branche.“ Ronny Weis, seit 1. Juni Geschäftsführer des ISC, ergänzte: „Es ist kein Geheimnis: Wenn man etwas erreichen möchte, muss man damit beginnen. Und die Schuhbranche hat bisher nur einen ersten kleinen Schritt getan.“
Zu den Rednern während des ISC Branchenforums gehörte unter anderem Dr. Christoph Brüssel aus dem Vorstand des Senats der Wirtschaft Deutschland e.V., der den Auftakt machte. Er sprach insbesondere über die Bedeutung und Chancen von Corporate Social Responsibility (CSR). „Nachhaltigkeit ist in den letzten Jahren zu einem Modewort geworden und oft eine Frage des Marketings. Dabei beinhaltet Nachhaltigkeit ein umfangreiches Zusammenspiel von sozialen, ökologischen und nicht zuletzt ökonomischen Fragen.“ Er verwies dabei auch auf die CSR-Richtlinie der EU vom März 2017, die alle Unternehmen ab 500 Mitarbeitern zu einem jährlichen Nachhaltigkeitsbericht verpflichtet. „Nachhaltigkeit ist damit keine freiwillige Angelegenheit mehr.“ Brüssel betonte aber auch, CSR-Maßnahmen nicht als Zwang zu verstehen, sondern „als einen Wert, ein positives Ziel für jeden Einzelnen.“
Anschließend sprach Dr. Walter Döring, ehem. Bundesvorsitzender der FDP und ehem. Wirtschaftsminister von Baden-Württemberg, auf dem ISC Branchenforum. Döring spannte in seinem Vortrag über nachhaltig wirtschaftende, deutsche Unternehmen den Bogen hin zu den Menschenrechten. „Viele denken bei Nachhaltigkeit nur an Fragen des Klimas und der Umwelt, dabei sind soziale Aspekte wie Arbeitsbedingungen und Lohn fest in den Menschenrechten verankert.“ Es reiche nicht zuletzt auch deshalb nicht, das Thema CSR „an irgendjemanden im Unternehmen abzugeben, damit er sich damit beschäftigen möge. Nachhaltigkeit ist explizit ein Thema für die Unternehmensführung.“
Lernen aus der Textilbranche
Auf die Menschenrechte wurde während des ISC Branchenforums häufiger verwiesen. So auch in dem Vortrag von Thomas Rasch vom GermanFashion Modeverband Deutschland e.V. Er berichtete zudem über die Entwicklungen und Initiativen aus dem Bereich der Bekleidungsindustrie. „Wenn es um Nachhaltigkeit geht, ist die Mode in den letzten Jahren sehr im Fokus“, so Rasch. „Unglücke wie der Einsturz der Fabrik in Rana Plaza sorgen für starke, emotionale Bilder, die für Unbehagen beim Verbraucher sorgen. Und das zu Recht.“ Rasch erläuterte in diesem Zusammenhang die Komplexität der Mode-Lieferkette. So seien beispielsweise rund 130 Unternehmen aus verschiedenen Ländern allein an der Produktion eines einzelnen Hemdes beteiligt. „Deshalb ist es auch so schwierig, diese weit versponnenen Wege in ihrer Gesamtheit nachhaltig zu gestalten. Er verwies auf die vielen umfangreichen Initiativen, die sich dem Thema innerhalb der Textilbranche widmen würden, darunter politisch initiierte Projekte wie das Textilbündnis, aber auch NGOs wie die Clean Clothing Campaign. „Nachhaltigkeit wird uns nicht mehr verlassen“, so das Fazit von Rasch. „Aber ob es zugleich wirklich einen schnellen Bewusstseinswandel bei den Verbrauchern geben wird, wage ich zu bezweifeln.“ Seiner Einschätzung nach würde ein Großteil der Verbraucher Nachhaltigkeit „inzwischen ganz selbstverständlich von einem Unternehmen verlangen.“ Zugleich wolle ein Großteil der Konsumenten allerdings nicht mehr Geld für ein nachhaltiges Produkt ausgeben. „Das ist ein Widerspruch, der sich nicht so schnell auflösen wird.“
Nachhaltigkeit in der Lieferkette
Einen vertiefenden Blick auf die Schuhindustrie richteten während des ISC Branchenforums dann Jörg Ertl von Ricosta, Prof. Dr. Carsten Kortum, Studiengangsleiter Handel an der DHBW Heilbronn, und Sarah Obser, Sustainability Manager des PFI in Hong Kong. Letztere stellte unter anderem Lösungsvorschläge für nachhaltige Lieferketten in der Schuhindustrie vor. Sie führte dabei vor Augen, dass es in den Produktionsländern selbst mittlerweile lokale Initiativen gebe, die sich ebenfalls verstärkt mit dem Thema Nachhaltigkeit auseinandersetzen würden. Dazu zählt beispielsweise die chinesische Non Profit-Organisation IPE, die Emissionsdaten und Produktionsinformationen über Unternehmen wie Puma, Levis oder Samsung veröffentliche. „In China tut sich gerade wirklich viel, das darf man nicht unterschätzen“, so Obser. Sie betonte zudem, dass rund 80% der potenziellen Umweltbelastung eines Schuhs bereits im Design entschieden würden: „Schuhe sind ein sehr komplexes Produkt, das aus vielen Komponenten besteht. Wenn die Designer sich stärker mit nachhaltigen und innovativen Materialien auseinandersetzen, kann dies erheblichen Einfluss auf die Produktion nehmen.“ Sie verwies dabei etwa auf den Higg Index, mit dem sich der Umwelt-Fußabdruck verschiedener Materialien vergleichen lasse. Auch neue Materialien wie Pinatex oder ein von Modern Meadow entwickelter, lederähnlicher Stoff, der ohne Färbung auskommt, sollten von Schuhunternehmen häufiger berücksichtigt werden. „Fest steht: Nachhaltigkeit ist ein weitgreifendes Thema, dessen Erfolg noch dazu nicht messbar ist. Es gibt nicht nur eine Lösung. Es geht um kontinuierliche Optimierungen.“
Einen ausführlichen Bericht über das ISC Branchenforum lesen Sie in schuhkurier Ausgabe 46.
Das nächste ISC Branchenforum findet am 24. und 25. September 2019 statt. Es widmet sich dem Thema ’Human Challenge – Herausforderungen an den Mitarbeiter der Zukunft‘.